Bürgerkriege, Ethnisierungen und Diktaturen

Von Anni Lanz

In der nebenstehenden Tabelle (S. 16) sind die Zahlen von Asylsuchenden aus einer Auswahl afrikanischer Länder mit schweren politischen Konflikten angeführt. Die Zahl der Flüchtlinge aus diesen Ländern macht im Durchschnitt mehr als zwei Drittel aller Afrika-Flüchtlinge aus, die in die Schweiz gelangen. Natürlich spielt bei den Zahlen nicht nur die Art der Konflikte, sondern auch die Bevölkerungsgrösse der Herkunftsländer eine Rolle. Augenfällig ist, dass ein sprunghafter Anstieg von Flüchtlingen meist mit gravierenden politischen Ereignissen im Herkunftsland korrespondiert. Bei lang andauernden Konflikten dagegen bleiben die Flüchtlingszahlen relativ tief, wie die folgende Beispiele zeigen:

Algerien

Unruhen seit 1988; 1992 Annulierung der Wahlen, Staatsstreich, seither blutige Auseinandersetzungen.

Äthiopien/Eritrea

1991 enden 30 Jahre Bürgerkrieg und Diktatur; 1993 erhält Eritrea die staatliche Unabhängigkeit, 1996 beginnen Konflikte zwischen den beiden Staaten, die sich 1998 intensivieren.

Sudan

Bürgerkrieg seit ca. 1984, Militärputsch 1989 (s.a. S. 5).

Rwanda

Seit der Unabhängigkeit Spannungen zwischen Hutu und Tutsi, 1994 Genozid.

Zaire

1965, kurz nach der Unabhängigkeit, gelangte Mobutu mit einem Staatsstreich an die Macht, sytematische Menschenrechtsverletzung und Verfolgung der Opposition seit den 80er Jahren, verschiedene Aufstände, 1997 Machtübernahme durch Kabila.

Liberia

Bürgerkrieg brach unmittelbar nach dem Ende der Diktatur von Samuel Doe 1980–1990 aus und ruinierte das Land.

Sierra Leone

Lange Abfolge von Putschen und Kämpfen; der Bürgerkrieg brach 1991 aus, 1998 verstümmelten die Rebellensoldaten unzählige ZivilistInnen.

Angola

Bürgerkrieg nach kurzem labilen Frieden, der auf die Unabhängigkeit 1975 folgte; Intensivierung der Kämpfe, massive Unterstützung der UNITA und militärischer Sukkurs durch die Westmächte und Südafrika ab 1982/83; Abkommen von Lusaka 1984; erneuter Ausbruch der Kämpfe, die bis heute andauern.

Somalia

Nach der Unabhängigkeit 1960 vergeblicher Versuch, "das weit verflochtene Kultursystem in einen modernen Nationalstaat mit klaren Grenzen"1 umzumodeln; seit dem Sturz von Siad Barre 1991 Gefechte unter den Clan-Milizen.

Togo und Tunesien sind zwei Länder mit einem diktatorischen System, das oppositionelle Kräfte systematisch unterdrückt:

Togo

Mit seinen 3,5 Mio EinwohnerInnen leidet das Land seit 1963 bzw. 1967 unter der blutigen Diktatur von Eyadema, der sich ebenfalls dank westlicher Unterstützung festigen konnte.

Tunesien

Die scheindemokratischen Strukturen wurden erst kürzlich durch die repressive Regierung unter Präsident Ben Ali (der 1987 Präsident Bourghiba mit einem "medizinischen" Putsch entmachtete) bestätigt, unter dessen Regime eine systematische Verfolgung der Opposition betrieben wird.

Viele der sogenannten "blutigen Stammesfehden" gehen auf die "Ethnisierung" durch die KolonialistInnen zurück. Bei den afrikanischen Konflikten der 80er Jahre hatten die westlichen Mächte ihre Hände massgeblich im Spiel, fochten den Kalten Krieg stellvertretend auf diesem Kontinent aus, indem sie "antikommunistische" Regimes und Rebellenbewegungen sowie Söldnerheere aufrüsteten und sozialistisch orientierte Regimes schwächten. Interesse an Bodenschätzen bestimmten und bestimmen noch heute die Konfliktverläufe. Ende der 80er Jahre erwachten mit dem Ende des Kalten Krieges wieder Hoffnungen auf Friedenslösungen, doch die alten Konflikte nahmen bloss neue Formen an: Die Genozide und und grausamen Feldzüge sogenannter Warlords im vergangenen Jahrzehnt bauten auf den alten Konfliktschemata auf. Afrikanische Staaten, die Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) und die westafrikanische Eingreiftruppe (ECOMOG) versuchen, die Brandherde selbst zu löschen.

Diese hochkomplexen Zusammenhänge spiegeln sich auch in der Schweizer Asylstatistik: In der Tabelle sind die Zahlen der Jahre mit gravierenden politischen Ereignissen fett ausgezeichnet. Dabei ist festzuhalten, dass die Mehrheit der afrikanischen Flüchtlinge den afrikanischen Kontinent gar nie verlassen. Gemäss dem UN-Hilfswerk für Flüchtlinge (UNHCR) befanden sich 1997 auf dem afrikanischen Kontinent 7 385 100 Flüchtlinge (dazu werden auch RückkehrerInnen gezählt)2 – mehr als die Schweiz EinwohnerInnen zählt!

1 Al Imfeld: Überleben im verminten Zwischenraum, WoZ, 1.3.1991
2 Siehe dazu die nächste FriZ, welche Anfang Februar 2000 erscheinen wird.

Tabelle "Bürgerkriege, Ethnisierungen und Diktaturen"

 

Anzahl Asylgesuche afrikanischer Flüchtlinge aus einigen Konfliktgebieten in der Schweiz (gemäss BFF-Statistik)

Länder

1981

1982

1983

1984

1985

1986

1987

1988

1989

1990

1991

1992

1993

1994

1995

1996

1997

1998

Algerien

5

5

4

0

7

4

6

14

25

73

109

226

751

303

388

396

564

529

Tunesien

25

33

26

10

21

11

44

15

10

54

94

74

53

44

39

77

95

153

Äthiopien

53

153

153

105

101

150

120

131

204

306

394

94

72

100

142

174

254

243

Sudan

1

0

1

2

1

0

1

4

14

34

58

53

113

59

67

56

54

Somalia

16

31

25

37

5

16

22

22

88

181

910

1077

2295

881

478

700

884

610

Ruanda

7

6

1

6

2

1

2

4

16

3

8

146

76

84

54

46

Zaire

317

593

1005

756

442

214

191

136

419

758

1426

677

357

276

320

695

605

536

Togo

1

1

3

0

5

2

3

2

7

10

49

18

53

37

40

21

60

62

Liberia

3

2

2

0

0

1

0

1

3

68

127

129

267

109

153

79

31

25

Sierra Leone

1

0

1

0

4

0

0

5

5

2

14

66

128

50

178

222

Angola

98

90

315

133

371

125

197

322

575

1134

796

96

491

1069

493

468

251

392

Anzahl aller Asylgesuche in der Schweiz, nach Kontinenten (gemäss BFF-Statistik)

Kontinente

1981

1982

1983

1984

1985

1986

1987

1988

1989

1990

1991

1992

1993

1994

1995

1996

1997

1998

 

 

 

Afrika

627

1090

1793

1208

1132

684

751

823

1933

3596

5728

2915

4977

3556

2977

3794

4059

4525

 

 

 

Asien

263

699

1531

47566

75507

68928

92489

4304

1030911

1527413

1267815

5107

3506

3286

2992

4193

499721

700823

 

 

 

Lat.-Amerika

613

14972

13144

539

360

279

326

178

92

76

109

101

126

112

109

139

256

561

 

 

 

Europa

27231

38443

32485

930

657

667

586

1118710

1176012

1649114

22763

945516

1570817

907018

1085919

964820

1439922

2874624

 

 

 

Insgesamt

4226

7135

7886

7435

9703

8546

10913

16726

24425

35836

41629

17960

24739

16134

17021

18001

23982

41302

 

 

 

1 Grösste Flüchtlingsgruppen: Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Türkei 2 Grösste Flüchtlingsgruppe: Chile 3 Grösste Flüchtlingsgruppen: Ostblockstaaten, Türkei 4 Grösste Flüchtlingsgruppe: Chile 5 Grösste Flüchtlingsgruppe: Türkei 6 Türkische Flüchtlinge werden neu unter Asien gezählt. Grösste Flüchtlingsgruppen: Türkei, Sri Lanka 7 Grösste Flüchtlingsgruppen: Türkei, Sri Lanka 8 Grösste Flüchtlingsgruppen: Türkei, Iran 9 Grösste Flüchtlingsgruppe: Türkei 10 Türkei wird wieder zu Europa gezählt. Grösste Flüchtlingsgruppe: Türkei 11 Grösste Flüchtlingsgruppen: Sri Lanka, Libanon 12 Grösste Flüchtlingsgruppe: Türkei 13 Grösste Flüchtlingsgruppen: Libanon, Sri Lanka, Indien, Pakistan 14 Grösste Flüchtlingsgruppen: Türkei, Jugoslawien 15 Grösste Flüchtlingsgruppen: Sri Lanka, Libanon, Pakistan 16 Grösste Flüchtlingsgruppe: Ehem. Jugoslawien 17 Grösste Flüchtlingsgruppe: Ehem. Jugoslawien 18 Grösste Flüchtlingsgruppe: BR Jugoslawien, Bosnien 19 Grösste Flüchtlingsgruppe: BR Jugoslawien, Bosnien 20 Grösste Flüchtlingsgruppe: BR Jugoslawien 21 Grösste Flüchtlingsgruppe: Sri Lanka 22 Grösste Flüchtlingsgruppe: BR Jugoslawien 23 Grösste Flüchtlingsgruppen: Irak, Sri Lanka 24 Grösste Flüchtlingsgruppe: BR Jugoslawien

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