Kolumne aus Nr. 6/99

Lob der Feigheit. Ein Weihnachtsmärchen

Von Jürgmeier

Es waren einmal, und das war nicht das wirkliche Leben, ein Vater, vier Söhne, eine Prinzessin, die berühmte Höhle des Löwen, und das gibt doch schon ein ganz veritables Märchen.

Der Erste, vom König gewarnt – "Da ist noch keiner zurückgekommen, lebend." – rannte, was gisch, was häsch, davon, hatte Angst, gab Fersengeld, stiess gegen ein Apfelbäumchen, erkannte sein Tun, verkroch sich im Boden und starb den Erstickungstod, "ehrenhaft", schnitzte der Schreiner, auftragsgemäss, ins Holz.

Der Zweite, der überlegte – Schau vorwärts, und nicht hinter dich. –, zauderte nicht lange und packte – Taten statt Worte. – sein Schwert, eilte mit entschlossenem, jagte mit schnellem Schritt ins Dunkel und ward nie mehr gesehen; der Löwe trat brüllend, trottete Blut schnaubend ins Licht, und der Metz spitzte es in Stein: "Er starb wie ein Mann."

Der Dritte, der schnappte sich, listig, ein Lämmchen, drückte ihm, kräftig, die Kehle ein und schlich sich, den warmen Kadaver hinter sich her schleifend, in die Grotte, aus der alsbald das Echo von Löwengebrüll und Menschengeschrei kugelte, heraus wankte, blutüberströmt und hinkend, einen leblosen Körper hinter sich her schleppend – der Dritte, und verlangte vom König den Lohn, den verdienten; der führte ihn zu der Prinzessin Gemach, doch die Türe, sie war verschlossen, und als nach langem, nach väterlichem Pochen der Schlüssel den Riegel endlich ins Holz zurück zwang, stand im Spalt die Tochter, nur hastig bedeckt, schaute den Dritten an, schaute mit prüfendem Blick, "Was will?", wollte sie wissen, "dieser unappetitliche Kerl vor meiner Tür?" und sprühte dem Vater Funken ins Auge; "Das ist", stammelte er, "der, dem du versprochen"; da drückte die Prinzessin das königliche Haupt an ihren blutten Nabel und flüsterte: "Aber Väterchen, das war einmal", dem Helden wurde es heiss, "da ist doch schon dieser andere, dieser megacoole Typ", hörte er die Tochter raunen und sah des Vaters entschuldigendes Achselgezucke, brüllte "Was soll das bedeuten?" in majestätische Ohnmacht und schlug sich mit schwarz gefrorener Faust den Weg zum versprochenen Platz an der Seite frei.

Doch da lag schon der Vierte, grinste unversehrt, lächelte unverschämt, lächelte dem Sieger ins Gesicht, dass der sich, von Igeln umstellt, im falschen Märchen wähnte und, fassungslos, mit anhörte, dass der Bruder, aus Angst vor dem Löwen, direkt in die Arme der Prinzessin geflüchtet und ihr, getröstet, mit feiner Hand seine Dankbarkeit bewiesen. "Und so einem Feigling willst du Tochter und Königreich geben!", schrie der Dritte, betrogen um des Märchens gebührenden Ausgang; "Nein", sprach der König, "ein Feigling ist der nicht, der dem König widerspricht"; das war sein letztes Wort, es wurde Hochzeit gefeiert, und der Vierte lebte mit der Prinzessin glücklich und vergnügt bis an sein seliges Ende.

Und das kam, bevor zum ersten Mal ein böses Wort zwischen den beiden fiel, denn der Dritte hatte den Liebenden einen gewaltigen Empfang bereitet, und so kam es, dass in den richtigen Märchen die Väter immer nur drei Söhne haben.

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