Weib, Zivilist, Soldat, Pilot

Dieses Mal porträtieren wir keine friedenspolitische Organisation in ihrem Umgang mit "gender", sondern stellen ein neues Buch vor, welches das Verhältnis von Militär und Geschlecht in theoretischer wie empirischer Hinsicht beleuchtet.

Von Claudia Forni

Zum Glück bin ich kein Mann. Jedenfalls keiner in der US-Marine. Was gilt es da alles durchzumachen, um männliche Identität zu beweisen! Frank J. Barrett führt in seinem Artikel über "die Konstruktion hegemonialer Männlichkeit in Organisationen" an diesem Beispiel eindrücklich vor, wie militärische Institutionen Männlichkeitsvorstellungen prägen und in Verhaltensmuster überführen. "In allen Bereichen der Marine beinhalten die [...] Vorstellungen von Männlichkeit körperliche Härte, das Erdulden von Entbehrungen, Aggressivität, eine ausgeprägte Heterosexualität, eine emotionslose Art von Logik und den Verzicht auf Klagen und Beschwerden". Diese Attribute sind jedoch ungleich verteilt: Flieger haben gemäss Barrett mehr Möglichkeit, Risikofreude zu beweisen, während beispielsweise Versorgungsoffiziere ihre Fähigkeit zum rationalen Kalkül und ihre Verantwortung für Ressourcen betonen. So entstehen verschiedene Arten von Männlichkeit mit unterschiedlichem Status; die Jet-Piloten an der Spitze, die Versorgungsoffiziere am unteren Ende der Männlichkeitsskala.

"Das Zurschaustellen rauher Individualität und Eigenständigkeit kontrastiert [allerdings] mit der Unterordnung und Überwachung, der alle Angehörigen der Streitkräfte unterworfen sind." Dieser Widerspruch im Männlichkeitsbild der Armeen moderner republikanischer Staaten bestand im Keim bereits im ursprünglichen Konstrukt "Bürger und Soldaten", wie Kathrin Däniker in ihrem Beitrag über "geschlechtliche Zuschreibungen in der Schweizer Armee um die Jahrhundertwende" nachweist. "Die ideologische Verknüpfung von bürgerlichen Rechten und militärischen Pflichten beinhaltete den Versuch, einen grundlegenden Widerspruch [...] zwischen dem Zwangscharakter der allgemeinen Wehrpflicht und dem Freiheitsgedanken einer liberalen Gesellschaftskonzeption [aufzulösen]." Dazu legten die Militärs "der Argumentation geschlechtliche Zuschreibungen zugrunde, die den militärischen Bereich männlich codierten, während der zivile Bereich tendenziell weiblich assoziiert wurde." Innerhalb der Armee nahmen allerdings die "Rekruten und Soldaten [...] in mehrere Hinsicht eine untergeordnete – weibliche – Position ein".

Wenn Armeen, die sich von der zivilen Gesellschaft als das männliche Kollektiv von der Weiblichkeit abgrenzen, ihrerseits "männlichere" und "weiblichere" Elemente umfassen, wirkt sich dies auch auf die Wahrnehmung der Frauen aus, die in diese Parallelgesellschaft eindringen. In ihrer Betrachtung "Die Frau als Regimentsgeheimnis. Irritationen zwischen Front und Geschlecht im Ersten Weltkrieg" befasst sich Hanna Hacker mit den Strategien, die bewirken sollten, dass das Auge nicht sieht, was es eigentlich nicht geben dürfte: Frauen im Kampfeinsatz.

Berufskämpferinnen unserer Zeit sind Cynthia Enloes Thema. Sie zeichnet "die Konstruktion der amerikanischen Soldatin als 'Staatsbürgerin erster Klasse'" nach, von ihrer faktischen Unsichtbarkeit zwischen 1946 und 1972, über die Rekrutierungsbemühungen nach der Aufhebung der Wehrpflicht und die ersten Auftritte bei den Invasionen von Grenada und Panama bis zu ihrem offiziellen Image "des professionalisierten militarisierten weiblichen Patrioten". Ein Image, das Regierungsstellen in zwei Jahrzehnten konstruiert und befürwortet hatten.

Will die feministische Friedensforschung von solchen Entwicklungen nicht überrollt werden, muss sie wohl endgültig Abschied nehmen vom Bild, dass "zur vollgültigen Weiblichkeit auch eine vollgültige Opposition zur Gewalt und ein Bekenntnis zur Friedfertigkeit gehört". Denn, wie die Herausgeberin Ruth Seifert in ihrem theoretischen Überblick zurecht bemerkt: "Indem an die Frauen die Forderung herangetragen wird, qua Geschlecht bestimmte friedenspolitische Strategien zu vertreten, wird genau jenes binäre Geschlechterverhältnis produziert, das an anderer Stelle attackiert wird." Zwar stehen "Analysen von Gewalt und Gewaltanwendung prinzipiell vor grösseren ethischen Problemen als andere wissenschaftliche Projekte [...]. Im Versuch, gleichzeitig die theoretische Durchdringung zu leisten und politische Forderungen zu formulieren, verlieren sie allerdings an analytischer Schärfe und sind nicht in der Lage, das komplexe Geflecht von Gewaltausübung, kollektiven Gewaltapparaten und Geschlechterverhältnissen zu durchdringen."

Für diese Durchdringung liefert der vorliegende Band wertvolle theoretische, historische und empirische Grundlagen. Schade nur, dass man sich keine Zeit für ein gründlicheres Lektorat genommen hat: verschiedene Artikel sind gespickt mit Sprachfehlern und im Vorwort wird eine Forschungsnotiz über Frauen und Peacekeeping angekündigt, die man dann vergeblich sucht. Diese Sammlung ernsthafter Forschungsarbeit zu einem bedeutenden Thema hätte ein sorgfältigeres Handwerk verdient.

Christine Eifler, Ruth Seifert (Hrsg.): Soziale Konstruktionen – Militär und Geschlechterverhältnis. Westfälisches Dampfboot, Münster 1999. 281 Seiten. Fr. 37.–


Frauen in der zivilen Konfliktbearbeitung

Bis heute können Frauen ihre Fähigkeiten und Erfahrungen noch wenig entscheidungswirksam in Friedensprozesse einbringen. Zusammen mit der Friedensstiftung, dem cfd und den Frauen für den Frieden organisiert die Bewegung für eine offene, demokratische Schweiz (BODS) eine Tagung zum Thema Bedeutung und Rolle der Frauen in der zivilen Konfliktbearbeitung. Entstanden ist die Veranstaltung aus dem Frauenrundtisch verschiedener friedenspolitischer Organisationen, die zu OSZE und Genderfragen arbeiten. An der Tagung berichten Frauen von ihren Erfahrungen mit Frauen in Konfliktgebieten sowie bei friedenspolitischen Einsätzen und Missionen.

Referentinnen: Hanne-Margret Birckenbach (Schlesw.-Holst. Institut für Friedenswissenschaften), Monika Wohlfeld (OSZE-Generalsekretariat Wien), Heidi Tagliavini (Botschafterin, EDA Bern), Barbara Lochbihler (amnesty international Deutschland).

Podium: Stella Jegher (Gleichstellungsbüro der Stadt Zürich), Rosmarie Zapfl (CVP-Nationalrätin), Hanne-Margret Birckenbach, Pia Hollenstein (GP-Nationalrätin), Toni Frisch (Schw. Katastrophenhilfskorps).

Freitag, 28. Januar 2000, 14–22 Uhr, im Kornhaus Bern, Kornhausplatz 18, Bern. Infos und Anmeldung bei: BODS (Tel 031/311 07 70, Fax 031/311 07 75) oder bei der Schw. Friedensstiftung (Tel 031/310 27 27, Fax 031/310 27 28).


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