Madame Albright, was gedenken Sie für die Roma zu tun?

Die US-Kommission für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (CSCE) schreibt in einem Brief vom 14. Juli 1999 an die us-amerikanische Aussenministerin Madeleine Albright:

Sehr geehrte Madeleine Albright

Wir schreiben Ihnen heute, um unserer Sorge über die Lage der verletzlichen Minderheit der Roma in Kosovo Ausdruck zu geben, und um zu fragen, welche Massnahmen das Aussenministerium vorsieht, um deren Sicherheit während der Rücksiedlung der Flüchtlinge zu garantieren.

Gemäss der letzten Volkszählung gab es in Kosovo (1981) 34 000 Roma — welche sich selbst als solche definieren —, doch war die aktuelle Zahl wohl einiges höher. (Dies bei einer Gesamtbevölkerung von ungefähr zwei Millionen). Am 16. April bestätigte Sonja Licht von der Stiftung für ein offenes Jugoslawien, dass bereits 20 000 Roma aus ihren Häusern geflohen waren.

Seit damals hat sich die Lage der kosovarischen Roma weiter verschlechtert. In Mazedonien ankommende Roma wurden aus den UNHCR-Flüchtlingslagern weggeschickt; mit dem Argument, das die Hilfsorganisation sie nicht vor allfälligen Racheakten durch Kosovo-AlbanerInnen beschützen könne. Die Angriffe vom 6. Juni im Flüchtlingslager Stenkovac bestätigen, wie real und legitim diese Befürchtungen waren. [...]

Es gibt auch Berichte darüber, dass serbische Sicherheitskräfte die Roma von den SerbInnen auf der Flucht aus Kosovo getrennt und die Roma zur Rückkehr gezwungen hätten. Verwirrliche Presse-Berichte der letzten Wochen lassen annehmen, dass es Racheakte gegen Roma, wie auch gegen SerbInnen gegeben hat. Wir sind gegen gewaltätige Racheakte an Roma, selbst wenn manche mit den serbischen Kräften zusammengearbeitet haben mögen — wir sind aber auch schockiert darüber, wie die zurückkehrenden Kosovo-AlbanerInnen scheinbar eine kollektive Schuld auf die gesamte Roma-Bevölkerung legen.

Einige Roma flohen in Nachbarländer, die normalerweise als "sicher" bezeichnet würden, so zum Beispiel Ungarn. Aber 1998 haben 146 ungarische Roma den Flüchtlingsstatus in Kanada erhalten, dies bei 711 hängigen Asylgesuchen bis zum Ende des Jahres. Wenn also Ungarn nicht einmal seine eigene Roma-Minderheit beschützen kann, wieviel Schutz kann es dann den Neuankömmlingen bieten? Das ist nur ein Beispiel für ein europäisches Problem. Am 21. Juni berichtete beispielsweise "The London Independent", dass ein wütiger Mob ein Lager von 1000 Roma in Neapel angriff und ihre Wohnwagen anzündete — scheinbar aus Rache für eine angeblich von einem serbischen Roma begangene Körperverletzung.

Frau Aussenministerin, angesichts der besonders verletzlichen Lage der Roma-Flüchtlinge aus Kosovo möchten wir gerne wissen, welche Massnahmen das Departement trifft, um deren Sicherheit in Kosovo, in den Flüchtlingslagern und in sogenannten Drittstaaten zu garantieren. Ausserdem möchten wir wissen, ob — gemäss den speziellen Bestimmungen für die Kosovo-Flüchtlinge, welche sich in Mazedonien befinden — irgendwelche Vorkehrungen getroffen wurden, um Roma in die Vereinigten Staaten zu bringen.

Mit freundlichen Grüssen...

Unterzeichnet von Christopher H. Smith (Kommissionsvorsitzender), Ben Nighthorse Campbell (Vize-Vorsitzender) und den Vorstandsmitgliedern Frank R. Lautenberg und Steny H. Hoyer

* CSCE, ie amerikanische Kommission für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa ist eine Art "Lobbystelle" für die OSZE in der US-Regierung (und bestimmt auch umgekehrt). In ihr sitzen 9 SenatorInnen, 9 VertreterInnen aus dem Repräsentantenhaus sowie je einE VertreterIn des Verteidigungs-, Aussen- und Arbeitsministeriums. Mehr dazu auf www.house.gov/csce.

 


Rom will keine Roma mehr

Am 19. Juli dieses Jahres trafen 762 flüchtende Roma aus Kosov@ in Brindisi ein. Am Tag darauf begleitete die italienische Marine ein weiteres Flüchtlingsboot aus Montenegro mit 541 kosovarischen Roma in den Hafen (darunter 208 Kinder). Die italienische Regierung entschied noch gleichentags, dass wegen des Endes des "offiziellen Konfliktes" in Kosov@ keine Flüchtlinge mehr aufgenommen würden; alle Menschen aus Kosov@, die in diesen Tagen italienischen Boden erreichten, würden als illegale ImmigrantInnen angesehen, die ins Herkunftsland zurückspediert werden.

Dies obwohl alle in Bari und Brindisi eingetroffenen Roma über schwere Misshandlungen berichteten, die sie in Kosov@ erlitten hatten: Ihre Häuser wurden angezündet und sie mit dem Tod bedroht. "Einmal mehr werden wir Roma durch den Krieg geschädigt, von der zivilisierten Welt aber nicht als Kriegsopfer anerkannt", heisst es in einer Meldung des RomNews Networks, der Nachrichtenagentur des Roma National Congress in Hamburg.


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