Utopisch und konkret, herzlich und kompetent

Das Internationale Friedensbüro in Genf ist eine der traditionsreichsten und zugleich dynamischsten Friedensorganisationen. Seit achteinhalb Jahren arbeitet dort Colin Archer als Generalsekretär – und hat noch keine Lust aufzuhören.

Herzlich und kompetent, so würde ich Colin Archer in zwei Worten beschreiben. Er und seine MitarbeiterInnen beim Internationalen Friedensbüro IPB an der kleinen rue de Zurich sind eine Ansprechstelle für vertiefte Informationen und Einschätzungen darüber, was sich in der Friedens- und Abrüstungspolitik – und besonders in den UNO-Abrüstungskonferenzen – tut. Für mich als Deutschschweizer, der sich mit einem Politkonferenz-Englisch über die Runden bringt, ist Colins lebendige und gepflegte Sprache wohltuend.

Vor neun Jahren, nach einem Treffen der britischen Friedensbewegung, hat der damalige Präsident des IPB, Bruce Kent, Colin erzählt, sie seien auf der Suche nach einem Nachfolger oder Nachfolgerin von Rainer Santi, der zurück nach Schweden gehe. Französisch müsse er oder sie können, und friedenspolitische Arbeit organisieren … "Schau, das bin ich, den ihr sucht!" sagte ihm Colin. Wenige Monate später brach er seine Zelte in Manchester ab und zog ins internationale Genf. "Da war viel Wasser unter der Brücke", sagt mir Colin, "viele Erfahrungen haben mich vorbereitet". Zehn Jahre lang hatte er bis dahin als Englischlehrer für ImmigrantInnen gearbeitet, war als Leiter in der Erwachsenenbildung bei der Stadtverwaltung immer stärker zum Administrator geworden. Das Projekt wurde ein Opfer der Sparpolitik von Premierministerin Thatcher, die auch im Bildungsbereich den Geldhahn zudrehte. Colin fühlte sich eingeengt, und der neue Schritt wurde nötig.

Die Arbeit als IPB-Generalsekretär – trotz der hoch gehängten Bezeichnung ist Colin klar der Team-Arbeit verpflichtet und hat vielleicht eine der schlechtbezahltesten "Manager"-Anstellungen in internationalen Zivilorganisationen – knüpfte für ihn wieder an an die Erfahrungen in den siebziger Jahren, als er Koordinator des Dritt-Welt-Zentrums in Manchester war. Projekte wie Solidaritätskampagnen mit Chile, medizinische Unterstützung im Süden oder ein Entwicklungsbildungs-Zentrum für LehrerInnen wurden dort lanciert. Diesen ersten Job trat er nach einem einjährigen Aufenthalt in Martinique an: Im Rahmen seines Französischstudiums – das er gewählt hatte, um Brücken zu Kontinentaleuropa zu bauen – machte er sein Sprachpraktikum in der Karibik und kam hier zu hautnahen Einblicken in die Formen des Kolonialismus und Rassismus. Diesen Fragen nahmen sich auch die Projekte im eigenen Land an.

Als 18-jähriger war Colin schockiert über ein Titelbild von der Atombombe in einer Zeitung: "Da merkte ich, wie wichtig Antikriegsarbeit und Atomabrüstung sind." In der antimilitaristischen Bewegung mit "Peace News" und der Internationale der Kriegsdienstgegner WRI und in den 80er Jahren in der Kampagne für atomare Abrüstung CND engagierte er sich in lokalen Gruppen, organisierte eine nationale Konferenz gegen die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen und war der Mitgründer des Instituts für Recht und Frieden. "Der juristische Zugang begann mich zu interessieren; wir hatten Protestbewegungen, wir versuchten den parlamentarischen Weg, wieso sollten wir nicht auch den rechtlichen Weg gehen, als neuen Ansatz in der Abrüstungs- und Friedensfrage?" Aus diesen Überlegungen heraus entstand das "World Court Project", in dem das IPB zusammen mit weiteren internationalen Organisationen 1996 einen grossen Teilerfolg errang, als der Internationale Strafgerichtshof die Androhung und den Einsatz von Atomwaffen als völkerrechtswidrig erklärte. Das World Court Project steht in einer Reihe neuer Kampagnen, wie die gegen Landminen oder für die Reduktion von Kleinwaffen, an denen das IPB zusammen mit Hunderten zivilgesellschaftlicher Organisationen (CSO) beteiligt ist. In den acht Jahren in Genf hat Colin eine rasante Beschleunigung der Informationen und Kontakte erlebt, das IPB selber ist auf über 200 Mitgliedsorganisationen in 80 Ländern angewachsen. Für ihn ist das mit ein Grund, sich intensiv im "Haager Appell" zu engagieren: Das IPB ist eines der drei Vorbereitungsbüros für die grosse Friedenskonferenz Mitte Mai in Den Haag. "Wir müssen die Regierungen herausfordern, uns zu folgen. Es braucht neue Koalitionen zwischen Regierungen, zivilgesellschaftlichen und internationalen Organisationen", sagt Colin Archer und hofft, dass auch die Nachfolgearbeit mit der gemeinsamen Erklärung von Den Haag einen neuen Aufbruch ermöglicht: "Die Haager Flagge der Friedenskonferenz soll an vielen verschiedenen Orten in der Welt wehen."

Bei all der manchmal aufreibenden und stressigen Kleinarbeit fühlt Colin seine Arbeit von einem utopischen Zug getragen: "Wir müssen grosse Schritte verlangen und zu radikalen Veränderungen und Umlagerungen der Ressourcen ermutigen." Die "grosse politische Kunst in der Friedensarbeit" sieht er darin, zu erkennen, wo ein kleiner Schritt in die richtige Richtung geht. Hart ist es für ihn manchmal zu merken, dass auch in der Friedensbewegung Kämpfe um die "richtigen Schritte" ausgetragen werden. Mit viel Gespür für die politischen Anliegen und Befindlichkeiten setzt sich Colin immer wieder für die Überwindung solcher Grabenkämpfe ein.

Toni Bernet


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