FriZ - Kolumne aus Nr. 1+2/2011

Aktion Quechua in Bern

«Die anderen zu verstehen ist ein gegensätzliches Ideal: es fordert uns auf uns zu ändern ohne uns zu ändern, einen anderen zu werden und uns selber zu bleiben.»
Octavio Paz

Stellen Sie sich vor, Sie steigen eines Morgens aus dem Tram und erkennen die Strassenschilder nicht mehr. Wäre das eine interkulturelle Beziehung, ein Versuch «das Andere» zu verstehen? Vielleicht.

Auf jeden Fall widerfuhr dies am Morgen des 15. Juni 2011 vielen Menschen in Bern, als sie auf dem Weg zur Arbeit die obere Altstadt passierten. Fremde brauchten nicht mehr nach dem Hirschengraben, Bubenberg-, Bahnhof- oder Bundesplatz zu suchen, sondern mussten mit dem «Atocsaycuchiñan», dem «Paucartambo», dem «Jatun Rumiyocñan» oder dem «Qurikancha» vorlieb nehmen.

Quechua ist eine indigene Sprache aus dem heutigen Peru und Bolivien, die ursprünglich auf die Kultur der Inkas zurückgeht.

Die interkulturelle Theorie bezieht sich auf die interaktive Beziehung zwischen Personen verschiedener Kulturen. Im Gegensatz zur multikulturellen Gesellschaft, in der andere Kulturen bloss still toleriert werden, ist die interkulturelle Gesellschaft mehr als nur eine Akkumulation verschiedener Kulturen, sondern eine Synthese aus diesen, die zu einem harmonischen Mehrwert zusammenschmelzen. Um diese Gesellschaftsform zu erreichen, braucht es eine kritische Auseinandersetzung, einen Konflikt mit dem Anderen, dem Neuen. So führen wir das in seinem Ethnozentrismus gefangene Individuum heraus, hin zu einer Neugier, einer Empathie dem «Anderen» gegenüber.
Die Sprache ist eine grosse Tür, die es vermag, Neugier am anderen zu wecken und neue Kulturen zu entdecken. Paradoxerweise wird die Sprache aber oft als Mittel zur Ausgrenzung des «Anderen», desjenigen, der «bei uns» ist, aber nicht «unsere Sprache» spricht.

Leider wurde dieser Funke des Verständnisses dem «anderen», dem «Unbekannten» gegenüber am 15. Juni in Bern bereits nach wenigen Stunden von den Ordnungshütern der hiesigen Kultur wieder gelöscht.

Mauricio Leon ist ein peruanischer Künstler, der Aktionkunst in der Schweiz betreibt.

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