Eigentlich fiel die Berliner Mauer an jenem Abend nicht wirklich, es taten sich nur erste Lücken darin auf. Trotzdem hörte die bis dahin hermetisch abgeriegelte Grenze zwischen Ost- und Westberlin hörte an jenem Abend von einer Stunde auf die andere auf zu existieren. Heute gilt der «Fall» der Berliner Mauer als Auftakt für die Öffnung des eisernen Vorhangs und damit für das Ende des Kalten Krieges und der Blockkonfrontation.
Drei Jahre nach dem Mauerfall erschien das Buch «Das Ende der Geschichte» (Original: The End of History and the Last Man). Darin schildert der amerikanische Politologe Francis Fukuyama den endgültigen Sieg des politischen Liberalismus über die totalitären Systeme Faschismus und Kommunismus. Mit dem demokratischen Liberalismus des Westens sei die Menschheit sei am Ende ihrer politischen Entwicklung angelangt, war er überzeugt. Dem widersprach ein paar Jahre später ein anderer amerikanischer Politologe in einem ebenfalls einprägsam betitelten Buch. In «Kampf der Kulturen» (1996, The Clash of Civilization) erklärte Samuel P. Huntington pointiert, dass es keineswegs eine universelle Weltkultur gäbe und sich westliche Werte wie Demokratie und Marktwirtschaft nicht einfach exportieren liessen.
Zwischen diesen beiden Polen pendelte in den folgenden Jahren die Aussenpolitik der einzigen verbliebenen Supermacht: Unter Clinton versuchten die USA ihre Interessen eher mit dem Zuckerbrot durchzusetzen, während Bush Junior lieber zur knallenden Peitsche griff. Beide Methoden waren wenig erfolgreich, weil sich rasch herausstellte, dass die Welt letztlich ein zu komplexes System ist, um es zwischen zwei Buchdeckel zu pressen. Ob der dritte US-Präsident erfolgreicher sein wird, muss er erst noch beweisen. Fährt Barack Obama allerdings im gleichen Tempo fort mit seinen Versprechungen und Ankündigungen, so ist zu befürchten, dass ihm am Ende die Zeit für die Umsetzung davonläuft (für alle seine Projekte bleiben ihm nur noch sieben Jahre).
Zwei ausführliche persönliche Erinnerungen an den Fall der Berliner Mauer und die Zeit danach prägen das Schwerpunktthema dieser friZ. Annemarie Müller, Friedensreferentin beim Ökumenischen FriedensZentrum in Dresden, blickt in ihrem Text zurück auf die letzten Jahre der Ende. Sie fragt sich: «Wo bist du, Friedensbewegung?» (Seite 10 ff.) und stellt desillusioniert fest, das von den friedenspolitischen Initiativen wenig übrig geblieben ist, die damals zu den Anfängen der politischen Opposition in der DDR beigetragen haben.
Schildert Annemarie Müller die Ereignisse vor und nach 1989 sozusagen von innen, so stellt Hans Dijkmans Text («Konflikt, Polarisierung und Gewalt», Seite 16ff.) so etwas wie die Aussensicht dar. Der holländische Friedensaktivist besuchte zwischen 1979 und 1989 mehrere Male das Friedensseminar in Königswalde in der damaligen DDR (s. Randspalte Seite 18f.). Mit seinen Reisen über die innerdeutsche Grenze stiess er damals auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs auf Skepsis und Widerstand.
Um eine ganz andere Mauer geht es bei Ruedi Tobler: «Zyperns Mauer steht noch» (Seite 21). Der Text über die Grenze zwischen dem türkischen und dem griechischen Teil Zyperns soll daran erinnern, dass es 20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer noch immer politisch brisante Grenzbauten gibt. Stellvertretend für all die Grenzmauern und -zäune, die heute noch Menschen «hier» und «dort» trennen, seien einige genannt: in Korea und in Kaschmir, zwischen den USA und Mexiko, zwischen Israel und Palästina, rund um die spanischen Exklaven in Nordafrika, in der Westsahara. Und neue sind bereits beschlossen oder geplant: Zwischen Saudi-Arabien und dem Irak, zwischen Indien und Pakistan...
György Dalos: Der Vorhang geht auf. Das Ende der Diktaturen in Osteuropa. 2009, C.H. Beck. 272 Seiten, ca Fr. 35.- Der ungarische Autor schildert kenntnisreich und doch knapp die Ereignisse in Polen, Ungarn, der DDR, Bulgarien, der CSSR und Rumänien, die zum Ende des eisernen Vorhangs führten.
Renatus Deckert (Hg.): Die Nacht, in der die Mauer fiel. Schriftsteller erzählen vom 9. November 1989. 2009, Suhrkamp. 239 Seiten, ca Fr. 17.-
Julia Franck (Hg.): Grenzübergänge. Autoren aus Ost und West erinnern sich. 281 Seiten, ca Fr. 37.-
Zwei Sammelbände mit zusammen 50 neuen Texten von AutorInnen aus beiden ehemaligen Teilen Deutschland - geschrieben aus 20 Jahren Distanz.
| Inhaltsübersicht | nächster Artikel |
![]()