friZ 3/2009

Auch 20 Jahre nach dem Fall des eisernen Vorhangs in Europa gibt es immer noch Mauern, die Länder und Völker trennen. Darunter gibt es neue (z.B. zwischen Israel und Palästina), aber auch schon ältere wie zum Beispiel in Korea oder auf Zypern. Von Ruedi Tobler

Zyperns Mauer steht noch

Im Oktober 2008 erhielt ich die einmalige Gelegenheit, als Journalist mit der Schweizer Delegation am Abschluss-Seminar eines EU-Projekts zur Förderdiagnostik in der Sonderpädagogik teilzunehmen. So interessant dies wäre, es ist hier nicht der Ort, das Projekt oder einzelne Projekte der integrativen Schulung vorzustellen.
Ich hatte mir vorgenommen, nach dem Seminar mehr über die seit 35 Jahren geteilte Insel und den seit damals ungelösten Konflikt zwischen dem griechischen und türkischen Teil zu erfahren, was mir nicht wirklich gelungen ist. Zu kurz war die Zeit, die ich mir dafür zugestanden hatte. Etwas vom ersten, das ich lernte, ist, dass die Städte drei Namen haben - den uns vertrauten internationalen bzw. englischen, z.B. Nicosia, einen griechischen und einen türkischen, mit je eigener Schrift. Hier treffen Orient und Okzident aufeinander und alle Mächte, die im Laufe der Geschichte im Mittelmeerraum eine Rolle gespielt haben, haben auch ihre Spuren hinterlassen.

Am eindrücklichsten war ein Besuch in der geteilten Hauptstadt Nicosia. Als Tourist hätte ich ohne Probleme die Möglichkeit gehabt, an einem der offiziellen Übergänge die Demarkationslinie zu überschreiten. Ich habe es vorgezogen, ihr auf der einen Seite nachzugehen. Sie verläuft keineswegs geradewegs, sondern verwinkelt durch schmale Strassen und Gassen, und immer wieder ist eine von ihnen hermetisch versperrt mit Stacheldraht und mit hoch aufgeschichteten Fässern, an denen der Rost nagt. Und immer mal wieder ein Militärposten. Und überall striktes Fotografierverbot. In den Häuserzeilen, welche die Demarkationslinie bilden, sind die meisten Türen und Fenster verbarrikadiert, zugleich aber die Fassaden zunehmend am Bröckeln, nicht nur von Schäden vom seinerzeitigen Beschuss - ein trauriges und gespenstiges Bild. Aber das ist nur die eine Seite. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite wird emsig in kleinen Handwerksbetrieben gearbeitet, steht kein Haus leer, scheint die Welt in Ordnung zu sein - als ob es keine Zweiteilung der Insel gäbe, Wie viel Verdrängung findet da statt?

Ein untrügliches Zeichen für ein entspannteres Verhältnis zwischen den beiden Volksgruppen (wobei ich nicht weiss, ob das eine adäquate Bezeichnung oder eine Zuschreibung von aussen ist) ist die Renovation von Moscheen im griechischen Teil, wie ich sie in zwei Städten gesehen habe. Zugleich aber habe ich in Larnaca, der blühenden Touristenstadt mit dem grössten Flughafen auf der Insel, nicht weit vom Zentrum entfernt verbarrikadierte Häuser gesehen, die wohl seit fünfunddreissig Jahren vor sich hin zerfallen.

In Zypern läuft eine der ältesten Uno-Friedensmissionen, die UNFICYP (United Nations Paecekeeping Force in Cyprus), seit nunmehr 45 Jahren. Ihre Aufgabe ist die Bewachung der Waffenstillstandslinie und der Pufferzone, die 1974 nach der Besetzung des Nordteils der Insel durch die türkische Armee eingerichtet wurde. Ein Ende ist nach dem Scheitern des Plans des damaligen Uno-Generalsekretärs Annan 2004 nicht in Sicht. Die UNFICYP-Mission ist wohl das Schulbeispiel dafür, dass eine auf die Kontrolle des Waffenstillstandes beschränkte Friedensmission nicht befriedigen kann, sondern dass sie mit Bemühungen um die Lösung des Konfliktes kombiniert sein muss. Da hätte ich mich gerne genauer informiert. Vielleicht gelingt mir dies bei einem nächsten, besser vorbereiteten Besuch.

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