«Wer über Gewalt schreibt, der schreibe persönlich, oder er schreibe nicht.» Das sagt der holländische Philosophieprofessor Hans Achterhuis in seinem Buch «Met alle geweld» (deutsch etwa: «Um jeden Preis»).
Ein guter Rat, weil alles was mit Gewalt zu tun hat, also auch militärische Gewalt, über die ich hier schreiben möchte, mit persönlichen Erfahrungen und Einsichten zu tun hat.
Deshalb ein paar Angaben zu mir selbst: Ich wurde im August 1939 geboren, habe also als kleines Kind noch den Zweiten Weltkrieg miterlebt. Ich wurde in einer calvinistisch orientierten Familie erzogen, mein Vater vertrat «christlich-nationale» Ideale. Er nahm im Mai 1940 als Unteroffizier der holländischen Armee am Kampf gegen die deutsche Wehrmacht teil.
Zwischen meinem 14. und 18. Lebensjahr besuchte ich einige Male internationale Aufbaulager der amerikanischen «Church of the Brethren»1 in Deutschland. Dort wurden junge Leute aus mehreren europäischen Ländern zusammengebracht, um so nach dem Zweiten Weltkrieg zu mehr Verständnis und Frieden in Europa beizutragen. Hier kam ich zum ersten Mal mit Menschen in Kontakt, die militärische Gewalt total ablehnten.
Trotzdem absolvierte ich Militärdienst und wurde Offizier beim Wetterdienst der holländischen Luftwaffe.
Während meines Studiums an einer kirchlich-sozialen Akademie begegnete ich dann erneut überzeugten Pazifisten. Auch eine öffentliche Erklärung der Reformierten Kirche der Niederlande zur Frage der Atomwaffen spielte für mich eine wichtige Rolle. Ich änderte - nach vielen Jahren - meine Überzeugung und beantragte 1978 meine Anerkennung als Wehrdienstverweigerer. Ich hatte Erfolg und wurde aus Gewissensgründen aus dem Militär entlassen.
Seitdem bin ich in der Friedensbewegung aktiv und engagiere mich gegen die atomare Rüstung. So kam es auch, dass ich während zehn Jahren das Friedenseminar in Königswalde in Sachsen in der damals noch existierenden DDR besuchte (siehe Randspalte). Nach meinem Ruhestand war ich viele Jahre im Vorstand der EBCO, dem Europäischen Büro für Wehrdienstverweigerer in Brüssel.
In diesem Artikel geht es um Konflikt, Polarisierung und Gewalt. Damit hoffe ich, über die blosse Ablehnung von Militärgewalt hinaus etwas sagen zu können. Mir geht es dabei vor allem um zwei Fragen: Warum akzeptieren gute und freundliche Menschen schreckliche Militärgewalt, ja sogar Massenvernichtungswaffen? Und wie gehe ich damit um?
Der norwegische Friedensforscher Johan Galtung hat ein für mich sehr hilfreiches Konfliktmodell entwickelt. Es macht klar, warum Konflikte so schnell eskalieren können:
C = Conflict (Konflikt)
A = Attitude (Haltung, Einstellung)
B = Behaviour (Verhalten)
Wenn ich eine negative Einstellung gegenüber einer Person habe, benehme ich mich ihr gegenüber - bewusst oder unbewusst - auch negativ. Das führt zum Konflikt (C), und durch diesen Konflikt wird meine bereits negative Haltung (A) verstärkt, was wiederum mein negatives Benehmen steigert usw. Galtungs Konfliktdreieck erklärt, warum Konflikte so rasch eskalieren können.
Aber: Konflikte sind nicht immer schlecht. Und: Konflikte sind unvermeidbar. Es kostet aber immer Mühe, richtig mit ihnen umzugehen, von alleine verschwinden sie nicht.
Wenn beide Seiten verstehen, dass sie auf diese Weise nicht weiter kommen, dann besteht die beste Konfliktlösungsstrategie darin, dass beide versuchen, ihre Grundhaltung zu erklären. Das dadurch entstehende Verständnis kann wiederum zu einem besseren Verhalten führen.
Gilt diese Konflikttheorie auch für Gruppen und für Völker? Ja, ich denke schon, auch wenn man es da mit ganz anderen Umständen zu tun hat. Aber auch hier geht es darum, nach Möglichkeiten für Verständnis zu suchen, die eigene Haltung zu hinterfragen und Schritte zu finden, die den Konflikt nicht ausweiten sondern entschärfen.
Polarisierung lässt sich veranschaulichen, indem wir kleine Eisenteile auf eine Platte streuen und einen Magneten darunter halten. Jetzt fällt auf, dass sich alle Eisenteile nach dem Minus- und Plus-Pol des Magneten ausrichten. Das Magnetfeld beeinflusst alle Teilchen, aber nicht alle gleich.
Das ist ein gutes Bild für ungelöste Konflikte zwischen Völkern. Zum Beispiel während des Kalten Kriegs, aber auch während der beiden Weltkriege - und auch heute gegenüber den IslamistInnen. Auch hier gibt es einen Plus- und einen Minuspol, und alles richtet sich danach aus.
Führen wir diesen Vergleich weiter: Plus, das sind wir, Minus, das sind sie. Ohne Minus gibt es kein Plus, und ohne Plus kein Minus. Minus sind die Feinde, aber die sehen das gerade umgekehrt: Für sie sind wir Minus, und sie selbst sind Plus.
Warum ist es so schwierig, diese Polarisierung und die dahinter liegenden Konflikte zu beenden? Die Antwort ist einfach: Weil die Erfahrung solcher Polarisierungen sehr vielen Menschen sehr viel Gutes gebracht hat und noch immer bringt. Nichts bringt die Menschen so rasch dazu, zusammen zu rücken wie ein echter Feind. Und je schlechter der Feind, umso besser fühlen wir uns bei uns zuhause. So hilft uns der Feind unsere eigene Identität zu finden. Die ängstlichen Gefühle - was bedeute ich, wer bin ich eigentlich? und die Zweifel an uns selbst verschwinden, wenn wir uns gegen den Feind vereinen. Und weil der Feind so schlecht und so gefährlich ist, weil er nicht menschlich ist wie wir, müssen wir auch bereit sein, Gewalt anzuwenden. Jetzt symbolisieren die Gewaltmittel unsere Einheit. Am holländischen «Prinzentag», an dem die Königin jeweils das parlamentarische Jahr eröffnet, stehen bei uns traditionellerweise überall Regimenter herum, spielen Militärorchester und verbeugt sich die Königin vor den Fahnen der Armee. Das will sagen: Hier sind wir einig. Und es kommen Tausende von Männern, Frauen und Kindern, um das zu sehen und zu bejubeln.
Und dann kommt noch die Religion dazu: Gott steht für das Gute, für Gerechtigkeit, Frieden, Menschlichkeit. Und dafür stehen wir doch auch, da muss Gott doch wohl auf unserer Seite stehen?
Um zu wissen, wie schlecht unser Feind ist, brauchen wir uns nur ein gutes Glas Wein einzugiessen und unseren Fernseher einzuschalten. Da bekommen wir all die Berichte, die wir gerne sehen, in denen unsere Feinde das Schlechte und wir das Gute tun. Vielleicht sind wir sogar ein bisschen kritisch und finden, dass wir nicht nur gut sind, aber ganz bestimmt sind wir besser als unsere Feinde.
Meine Lebensüberzeugung stammt von meiner Erziehung und wie ich später damit umgegangen bin. Eine wichtige Rolle spielt dabei für mich das Evangelium. Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, um das ausführlich zu beschreiben, aber ich bin überzeugt: Jesus setzte sich in seinem Leben vehement gegen diese Art von Denken ein - und gegen die Gewalt, die damit verbunden ist.
Das ist im Grunde genommen auch logisch: Jeder, der davon ausgeht, dass es nur einen Gott gibt, geht davon aus, dass Sie oder Er alle Menschen geschaffen hat, und wir deswegen Schwestern und Brüder sind. Dass die Welt nicht in Gute und Schlechte einzuteilen ist. Und dass wir dazu aufgerufen sind, unsere Konflikte auf menschliche Weise aus der Welt zu schaffen.
Aussagen von Jesus wie: «Nimm erst den Balken aus deinem eigenen Auge, damit du den Splitter im Augen des Anderen sehen kannst» oder «Überwinde das Böse mit dem Guten» richten sich explizit und direkt gegen das Polarisieren .
Auch in der Friedensbewegung müssen wir immer aufpassen, dass wir nicht polarisieren: zwischen den Guten bei uns und den Schlechten, unseren Opponenten, den Anderen. Ist es überhaupt möglich ohne Polarisierung zu leben? Ich glaube schon, aber es kostet Kraft und wird immer die Erfahrung mit sich bringen, alleine dazustehen.
Wir alle kennen die Geschichte des Kalten Kriegs, das atomaren Wettrüsten usw. In Holland wurde damals versucht, das Wettrüsten zu beenden mit einer Aktion, deren Ziel es war, die niederländischen Atomwaffen abzuschaffen. Um beim Konfliktmodell von Galtung zu bleiben: Es war ein Versuch, den Teufelskreis der Rüstung zu durchbrechen.
In unseren Dorf bildeten wir damals eine «Kerngruppe» und unterstützten diesen Plan mit verschiedenen Aktionen. Das wurde in der damaligen polarisierten Situation sofort als Hilfe für den Feind kritisiert. Meine Frau und ich hatten darauf die Idee, mit eigenen Augen sehen zu wollen, wie es in der Welt der Feinde in Osteuropa aussah. Also machten wir eine Campingreise in die DDR. Als wir am Tag vor der Reise im Garten sassen, kam unser Nachbar, dem wir von unserem Plan erzählt hatten, zu uns und sagte: «Geniesst jetzt euren Tee in eurem Garten, wenn ihr dort drüben seit, geht das nicht mehr!» Gefragt, woher er das wisse, erklärte er: «Ich kenne die Welt.»
Uns wurde in der DDR schnell klar, dass die Freiheit der Menschen dort grösser war, als unser Nachbar gedacht hatte. Wir kamen in Kontakt mit dem Friedensseminar in Königswalde in Sachsen, das von so genannten «Bausoldaten» organisiert wurde, die in unbewaffneten Einheiten der DDR-Armee Dienst leisteten. Im Oktober 1979 reisten wir zum ersten Mal mit einer kleinen Delegation dorthin. Später besuchten immer wieder kleine Delegationen der holländischen Friedensbewegung dieses Friedenseminar. Zwar war es immer schwierig, die nötigen Visa zu erhalten, aber letztlich gelang es uns immer nach Königswalde zu reisen. 1989, am Ende der DDR, wurde es dann sehr schwierig, aber selbst im Herbst 1989 konnte noch jemand aus Holland am Friedensseminar teilnehmen.
Was bedeuteten diese Besuche für uns? Es war immer eine besondere Erfahrung, dort zu sein und eine Freundschaft aufzubauen mit Menschen, die zu unseren «Feinden» gehörten.
In dem bei uns immer als «totale Finsternis» beschriebenen Gebiet entdeckten wir Licht. Wir begegneten Menschen, die sich ihrerseits mit den Möglichkeiten, die ihnen offen standen - und die anders waren als unsere - gegen die Polarisierung einsetzten; auch sie kritisierten ihre eigene Welt und versuchten sie zu verbessern.
Das hat uns Freude bereitet und Mut gemacht, gab uns die Sicherheit, auf dem richtigen Weg zu sein. Ich kann mich noch sehr gut an die aufgeregten Gespräche erinnern, die wir jeweils bei der Heimkehr geführt haben.
Zuhause dann schrieben wir über unsere Erfahrungen, und zwar auf die Art und Weise wie unsere Freunde in der DDR uns gebeten hatten: «Schreibt direkt und so genau wie möglich, was ihr erlebt habt.» Es kamen immer neue HolländerInnen dazu, welche die Reise mitmachten. Die Einreise mussten wir immer mindestens sechs Wochen im Voraus bei den DDR-Behörden beantragen. Oft wurde uns das Visum im ersten Anlauf verweigert. Dann konnte man es noch einmal auf eine andere Weise versuchen, zum Beispiel mit einem Eilantrag. Manchmal war es kompliziert, aber wie schon gesagt, es gelang uns immer, zusammen mit einigen Leuten nach Königswalde zu fahren.
Für unsere Friedensarbeit in Holland waren diese Besuche von grosser Bedeutung. Sie machten uns Mut, weiter zu gehen. Aber wir erhielten durch unsere Reisen auch neue Argumente: Zum Beispiel, dass Friedensarbeit auch drüben möglich war. Oder dass die Lage bei unseren «Feinden» gar nicht so finster war, wie sie bei uns geschildert wurde.
Aber es war schwierig, unsere Erfahrungen in die Medien zu bringen. Unsere Berichte wurden ignoriert, auf Nachfrage hiess es jeweils, die Zeitung sei «schon voll». Eine der wenigen Ausnahmen war der ganzseitige Artikel über das Friedenseminar Königswalde, den ein mitreisender Journalist in einer holländischen Regionalzeitung veröffentlichen konnte. Uns wurde später erzählt, dass ein Lehrer diese Seite für seine SchülerInnen kopierte.
Die grossen Zeitungen waren nicht interessiert. Einzige Ausnahme war «De Telegraaf»2. Dort erschien ein grosser Artikel über die HolländerInnen, welche die DDR besuchten, um dort «die Aufträge des Kremls im Empfang zu nehmen». Dazu zählten offensichtlich auch unsere Besuche des Friedenseminars in Königswalde!
Ich erinnere mich an einen Abend irgendwann in dieser Zeit. Der Amateur-Achtmillimeterfilm wird gezeigt, den wir in Königswalde gedreht hatten, und ich erzähle über das Friedenseminar, unter anderem auch über die Verhaftung von Hans-Jörg Weigel, dem Organisator. Danach kamen einige zu mir und sagten, sie hätten es verstanden. Andere ZuschauerInnen dagegen erklärten: «Es ist uns klar: Sie sind Kommunistenfreund.» Für diese Menschen waren alle Versuche, die Lage in der DDR wirklichkeitsgetreuer zu beschreiben und dabei negative und positive Seiten zu benennen, eine Bedrohung von Sicherheit und Identität, welche die Polarisierung des Kalten Krieges bot.
Es gab damals aber auch jene, die so kritisch gegenüber dem Westen waren, dass sie, obwohl sie in Holland lebten, die Polarisierung gerade umdrehten. Für sie war der Osten Plus: Dort wurde versucht, Gerechtigkeit, Frieden usw. aufzubauen und wir sollten das unterstützen. Kritik an der DDR sollten wir verschweigen. Obwohl ich selbst dem Westen kritisch gegenüber stand, habe ich mich bei diesen Menschen nicht zu Hause gefühlt. Diesen - in meinen Augen - Fehler habe ich nicht gemacht, weil ich genug von den Menschen am Friedensseminar in Königswalde über ihre Erfahrungen «drüben» gehört hatte.
Mittlerweile ist die DDR schon 20 Jahre Vergangenheit. Aber Polarisierung ist geblieben. Sie spielte während des Balkankriegs eine Rolle und ist heute wieder sehr aktuell. Wieder sind wir die Guten, die Schlechten sind diesmal die Islamisten.
Schon die Kommunisten damals waren sehr gefährlich, denn sie glaubten nicht an Gott. Die Islamisten heute sind noch gefährlicher, denn sie glauben nicht an unseren Gott. Während des gesamten Kalten Krieges waren die Islamisten keine Gefahr - jetzt sind sie es plötzlich. Ich hoffe, liebe LeserIn, ich habe deutlich machen können, warum das so ist. Und vielleicht konnte ich auch eine Idee vermitteln, wie wir damit umgehen können.
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