Wo bleibt die Friedensbewegung? - Dieser Ruf ertönt in Ost- wie in Westdeutschland meistens dann, wenn Politiker nicht weiter wissen, die Bevölkerung verunsichert ist und militärische Handlungen die Aussenpolitik belasten. Sicher hören wir es bald wieder, wenn die deutsche Beteiligung der Bundeswehr in Afghanistan als noch konfliktträchtiger in der Bevölkerung wahrgenommen wird. Mir stellt sich die Frage, wer ist «die Friedensbewegung», welche Erwartungen werden damit verbunden?
In Ostdeutschland - und nur darüber wage ich als Dresdnerin zu reden - gibt es an der Basis nur noch wenige Menschen, die kontinuierlich Friedensarbeit leisten. Häufig sind es Einzelpersonen. Sie beschäftigen sich in ihrer Freizeit, kaum in bezahlter Arbeit, mit Kriegsdienstverweigerung, Gewaltprävention und Analysen von nationalen und internationalen Konflikten. Deutlicher sichtbar sind Aktionen von parteipolitischem Interesse, etwa der Partei «Die Linke», die immer dann, wenn es ihr passt, auf recht einfach-populistische Weise Forderungen nach dem Abzug des Militärs stellt. Dafür gehen sie und ihre Anhänger auch auf die Strasse. Unterstützung finden diese Demonstrationen oft von Autonomen, die zumindest in dieser Forderung mit ihnen übereinstimmen, sonst aber politisch weit von ihnen entfernt sind. Der aufgeschlossene, aber wenig informierte Bürger unterstützt die Demo, zieht sich aber irritiert zurück, wenn er durch Plakate oder Reden politisch vereinnahmt werden soll.
Mit meinem christlich geprägten gewaltfreien Ansatz habe auch ich Probleme, mich hinter solche Forderungen zu stellen, auch wenn sie das Militär abbauen wollen. Da trennt uns eine zu schmerzhafte DDR-Geschichte, ausserdem fehlt mir häufig eine fundierte und weit blickende Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema. Aber, alternative Gruppen oder Organisationen, die Friedensarbeit in der Öffentlichkeit leisten, sind zwanzig Jahre nach der Friedlichen Revolution in Ostdeutschland einfach dünn gesät.
Auch die Erwartungen an die Kirchen, sich zu Friedensfragen klar zu positionieren, werden meist enttäuscht. 1991 gab es den letzten mir bekannten Aufruf Dresdner Kirchen, sich an einer Demonstration gegen den damaligen Irak-Krieg zu beteiligen. Und es kamen 10000 Menschen in Dresden zusammen. Kirche hatte noch einen Neutralitätsbonus und die Erfahrungen friedlicher Demonstrationen von 1989 lagen nicht weit zurück. Heute scheint es so, als sei Frieden einfach kein Thema mehr in unserem friedlichen Ost-Deutschland.
War das schon immer so? Es lohnt sich, dazu in die Geschichte zu schauen. In den 1980er Jahren, als in Westeuropa die militärische Aufrüstung die Bevölkerung zum Widerstand herausforderte, bildeten sich auch in der DDR an verschiedenen Stellen kleine Friedensgruppen. In Dresden, einer Stadt mit heute etwa 500000 EinwohnerInnen, entstanden unter dem Dach der evangelischen Kirche etwa zehn Friedenskreise. Eine einzige Gruppe, «Wolfspelz», verstand sich als autonom und suchte nur dann den Schutz der Kirche, wenn es politisch zu brenzlig wurde.
Die Mitglieder der Gruppen waren meist junge Leute. Männer, die sich über die Einberufung zum Wehrdienst, in einem Land ohne zivilen Ersatzdienst, bei der Gewissensentscheidung mit existentiellen Fragen auseinander setzen mussten. Lehnten sie den Dienst mit der Waffe in der Nationalen Volksarmee ab, hatten sie mit einschneidenden Einschränkungen zu rechnen. Sie konnten zu den Bausoldaten gehen und dort einen längeren Dienst ohne Waffe ableisten, sie konnten aber auch total verweigern, mussten dafür dann allerdings mehrere Monate im Gefängnis einsitzen. In beiden Fällen waren sie in der DDR gebrandmarkt, der Studienplatz gefährdet oder unmöglich, ihre berufliche Entwicklung ungewiss. Wer sich gegen die Wehrpflicht entschied, blieb meistens am Friedensthema dran und arbeitete z.B. in einem der Friedenskreise mit. Die Frauen in den Friedenskreisen waren in den meisten Fällen junge Mütter. Durch die zunehmende Militarisierung in Kindergarten und Schule spürten sie das Thema hautnah und versuchten dem kritisch zu begegnen. Militarisierung - das bedeutete in der DDR z.B. Soldatenlieder und -gedichte im Kindergarten, Pioniermanöver in der Grundschule oder vormilitärische Ausbildung ab der 9. Klasse. Erfreulich war es, dass diese Friedenskreise ökumenisch zusammengesetzt waren, kritische Katholiken arbeiteten ebenso mit wie mancher Nicht-Christ. In der Friedensfrage und beim Basisengagement hielt sich die katholische Kirche in den 1980er Jahren in der DDR sehr bedeckt. Meistens trafen sich die Gruppen in Privatwohnungen und waren nur locker mit der Kirchgemeinde verbunden.
Ein wichtiger Zeitpunkt, um mit Friedensthemen in die Öffentlichkeit zu gehen, war die jährliche Friedensdekade, die es seit 1980 regelmässig im November in den Kirchgemeinden gab. Sie stand jeweils unter einem bestimmten Thema und verband sich von Beginn an mit dem Logo des Schmiedes, der Schwerter zu Pflugscharen umschmiedet. Dieser kleine Aufnäher gelangte, da diejenigen, die ihn trugen, staatlichem Druck ausgesetzt waren, in der Friedens- und Oppositionsbewegung zu ungeahnter Bedeutung. In den Friedensdekaden gestalteten die Friedenskreise tägliche Friedensgebete, thematische Abende und Gottesdienste, die gut bis sehr gut besucht waren. Friedensthemen, aber auch aktuelle gesellschaftliche Probleme konnten im geschützten Raum der evangelischen Kirche thematisiert werden.
Vertreter aller kirchlichen Dresdner Basisgruppen trafen sich in regelmässigen Abständen mit den Superintendenten der drei evangelischen Kirchenbezirke in der «AG Frieden». Hier wurden Neuigkeiten vermittelt, wichtige Informationen in einer Gesellschaft ausgetauscht, in der nur wenige ein Telefon besassen, und gemeinsame Aktionen abgesprochen.
Heute ist fast vergessen, unter welchen Bedingungen in der DDR Basisgruppen arbeiten mussten. Telefone gab es kaum, interessante Literatur existierte oft nur in einem Exemplar, aus dem Westen über die Grenze geschmuggelt. Vervielfältigungsmöglichkeiten gab es offiziell nicht. Man konnte Texte per Hand oder mit Schreibmaschine und mehreren Durchschlägen abschreiben. Unter dem Dach der Kirche war es in Ausnahmefällen möglich, per Wachsmatrize, mit dem Zusatz «nur für kirchlichen Dienstgebrauch», Texte zu vervielfältigen. Persönliche Begegnungen und Treffen, wie die der «AG Frieden» waren deshalb lebenswichtig.
Manches war damals auch leichter. Interessante Themen mussten nur einmal irgendwo angekündigt werden - und schon kamen viele. In einer diktatorischen Gesellschaft sprach sich alles Kritische schnell herum und wurde dankbar angenommen. Allerdings wurden alle Basisgruppen auch von IMs - informellen Mitarbeitern der Staatssicherheit - unterwandert. Zu DDR-Zeit wunderten wir uns manchmal, wie schnell eine geplante Aktion staatlicherseits unterbunden wurde, erfuhren aber erst in den 1990er Jahren, nach Einsicht in die Stasi-Akten, wem wir das zu verdanken hatten.
Friedensarbeit in der DDR war auch deshalb spannend, weil wir ein klares Gegenüber und häufig auch deutliche Feindbilder hatten: da war die betonköpfige Politik der DDR und die SED. - Man darf nicht vergessen, dass die Partei «Die Linke» eine Nachfolgepartei der SED in der DDR ist, die sich nie aufgelöst, sondern immer nur umbenannt hat. - Wichtig für die Friedensarbeit war auch die Kirche als Gegenüber zur Staatsmacht. Da es keinerlei Verflechtungen zwischen Kirche und DDR-Staat gab, konnten Kirchenvertreter in Friedensfragen deutlich Position beziehen.
1987 wurden die kirchlichen Friedensgruppen in Dresden darüber informiert, dass im September in Dresden der Olaf-Palme-Friedensmarsch mit einer staatlichen Demonstration seinen Abschluss finden sollte. Zu dieser Veranstaltungen durften wir Vertreter von Basisgruppen mit eigenen Plakaten auftreten. Zuerst haben wir die Aufforderung für einen schlechten Witz gehalten, oder sollte es gar eine Falle der Stasi sein? Erst beim genaueren Nachdenken wurde uns die darin liegende Chance bewusst. Nur: Wie sollten wir jetzt plötzlich Meinungsfreiheit praktizieren? Welche Losungen sollten wir wählen? Ausserdem hatten wir keinerlei praktische Erfahrungen im Herstellen von Plakaten. Etwa 180 Personen, Erwachsene und Kinder, zogen dann geschlossen, vorbei an Wasserwerfern auf der einen und Westfernsehen auf der anderen Seite, auf den Kundgebungsplatz. Die von der SED hin befohlenen Werktätigen mit ihren roten Fahnen und vorgeschriebenen Losungen waren völlig irritiert und liessen ihren Unmut an uns aus. Ständig verdeckten die roten Fahnen das Symbol «Schwerter zu Pflugscharen». Keiner von uns wusste, wie es ausgehen würde. Für viele von uns waren es aber die ersten Erfahrungen mit Freiheit, auch wenn ein politisches Nachspiel folgte.
Der in den 1980er Jahren weltweit in den Kirchen begonnene «Konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung» fand in der DDR einen fruchtbaren Boden. Kirchenvertreter aus Dresden riefen 1986 die Christen in der DDR auf, sich gemeinsam den Überlebensfragen der Menschheit zu stellen. Sie sollten für die Erde, auf der sie leben, Verantwortung übernehmen und sich fragen lassen, was sie tun müssen, um eine heile Welt an die Kinder und Enkel weitergeben zu können. Und so kam es 1988 und 1989 in der DDR zu drei wichtigen Tagungen der Ökumenischen Versammlung, in Dresden, Magdeburg und wieder in Dresden. 146 Delegierte aus allen christlichen Kirchen und bis zu 50 Berater und Gäste nahmen daran teil. Um sich wirklich der Probleme der DDR-Bürger anzunehmen, wurden die Menschen im Vorfeld aufgefordert, Fragen zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zu formulieren, die sie bewegten. Trotz Überwachungsstaat kamen etwa 10000 Zuschriften. Sie bildeten massgeblich die Grundlage für die Arbeitsgruppen. Zum Thema Frieden wurde die Wehrpflicht ohne Alternativen ebenso kritisiert wie die vormilitärische Erziehung in Kindergarten und Schule. Abrüstungsvorschläge zwischen den Blocksystemen wurden angemahnt.
Als Delegierte für die Basis lernte ich in diesem Prozess demokratische Spielregeln kennen, erlebte, dass man auch in der DDR offen seine Meinung sagen und gemeinsam Alternativen suchen konnte. Und ich spürte, dass nicht nur unter den Delegierten, sondern auch bis in die begeleitenden Gemeinden hinein, eine grosse Gemeinschaft von Gleichgesinnten möglich war. Der Prozess endete im April 1989 mit drei vorrangigen Optionen, auf die sich alle Delegierten verständigten: die vorrangige Option für die Armen, die vorrangige Option für die Gewaltfreiheit und die vorrangige Option für den Schutz und die Förderung des Lebens.
Dieser Prozess erreichte sehr viele Christen im Land und trug massgeblich zu den nachfolgenden friedlichen Veränderungen in der DDR bei. Christen kannten die Tradition der Friedensgebete und der Kerzen, sie konnten durch die Ökumenische Versammlung eine Analyse über den Ist-Stand der DDR-Gesellschaft vorlegen, der weiterführende Veränderungsschritte aufzeigte. Sie konnten mit ihren grossen Kirchen geschützte Räume für die Bürger anbieten, als im Oktober 1989 alles in Auflösung begriffen war. Kirchen waren so neutral, dass auch Atheisten ihnen mehr trauten als der Staatsmacht. Die Ökumenische Versammlung in der DDR mit ihrer basisorientierten Beteiligung und den demokratischen Spielregeln bezeichnete der sächsische Landtagspräsident Erich Iltgen 2008 als «den Beginn des Mutes» für die nachfolgende Zeit 1989.
Und die Vordenker, unter ihnen auch Delegierte der Ökumenischen Versammlung, waren bereit, sich politisch in der letzten DDR-Regierung zu engagieren, bzw. politische Ämter zu übernehmen. Wer die Hoffnung hatte, dort das fortzusetzen, was zu DDR-Zeiten in kleinen Friedenskreisen kritisch gedacht wurde, erlitt allerdings eine schmerzhafte Ernüchterung. Die Zeit der offenen politischen Veränderungen in Ostdeutschland war kurz, etwa bis zum Sommer 1990. Dann ging es auch in der Politik und im Friedensengagement um die Anpassung an Westvorgaben. Auch als Friedensgruppe erhielten wir Besuche aus Westdeutschland. Die einen waren wirklich an uns und unseren Problemen und Erfahrungen in der Friedensarbeit interessiert. Die anderen wollten uns nur vereinnahmen.
Unser Friedenskreis löste sich wie alle anderen in Dresden Anfang der 1990er Jahre auf. Jeder war mit der Bewältigung der täglichen Veränderungen beschäftigt. Frieden stand nicht mehr im Mittelpunkt des Denkens. Von den drei in Sachsen existierenden christlichen Friedensseminaren, die zu DDR-Zeit zweimal im Jahr Wochenendeseminare mit grosser Beteiligung anboten, überlebte nur das Friedensseminar Königswalde (s, Randspalte Seite xy). Dabei spielten prägende Persönlichkeiten, wie Hansjörg Weigel, und das Aufgreifen von aktuellen Themen eine wichtige Rolle. Und man muss auch dort damit leben, dass es ein abnehmendes Interesse an den Angeboten gibt.
Was ist heute in Sachsen darüber hinaus an Friedensarbeit sichtbar? Wenigstens in der inzwischen ökumenisch angelegten jährlichen Friedensdekade beteiligen sich die Menschen immer noch an den Friedensgebeten. In Leipzig und Dresden gibt es wöchentlich Friedensgebete mit aktuellem politischem Bezug. Meistens sind die Friedensengagierten aber aus den Kirchen ausgewandert, in Parteien, Gewerkschaften oder Vereine.
1990 gründeten wir in Dresden, im Nachgang zur Ökumenischen Versammlung, das Ökumenische Informationszentrum e.V. (ÖIZ). Als zwischenkirchliche Einrichtung sind wir bemüht, die Überlebensthemen ganzheitlich in Kirchgemeinden und Gesellschaftsgruppen weiter zu bewegen. Gerechtigkeit und Frieden können nicht losgelöst voneinander betrachtet werden, ebenso wie Umweltprobleme Auslöser für Konflikte und Kriege sein können. Als Friedensreferentin im ÖIZ fielen mir mit dem Irakkrieg 1991 und dem nachfolgenden Balkankrieg die «Friedensthemen» nur so vor die Füsse. Seit 1992 bereise ich den Balkan, knüpfte Kontakte zu Kirchen- und Basisgruppenvertretern, berichtete während und nach dem Krieg über das Gesehene und versuchte damit, neue Feindbilder - zum Beispiel die Serben generell - in den Köpfen abzubauen. Vielfältige Begegnungen hier und auf dem Balkan unterstützen dieses Anliegen mit mehr oder weniger Erfolg - manchmal ist es nur ein Tropfen auf den heissen Stein.
Inzwischen treten neue Konfliktfelder in unserer Gesellschaft auf. Um das Problem von Fremdenfeindlichkeit, Islamophobie und Rechtsextremismus ernst zu nehmen, organisieren wir Dialog-Veranstaltungen: zwischen Vertretern von Kulturen und von Weltreligionen. Zum Abbau von Gewalt als Lösungsmittel in Konflikten biete ich Studenten und anderen Interessierten Weiterbildungen an.
Auch zwanzig Jahre nach der Friedlichen Revolution in Ostdeutschland ist der gewaltfreie Weg nicht selbstverständlich. Sich mit Friedensthemen auseinanderzusetzen erhält leider nur in Katastrophenfällen die nötige öffentliche Aufmerksamkeit. Insofern sind wir ostdeutschen Friedensengagierten im geeinten Deutschland angekommen, müssen uns wie unsere westdeutschen Freunde mit den Mühen der Ebene abgeben. Enden möchte ich mit einem indianischen Sprichwort: «Der Friede stellt sich niemals überraschend ein. Er fällt nicht vom Himmel wie der Regen. Er kommt zu denen, die ihn vorbereiten.»
Annemarie Müller arbeitet heute als Friedensreferentin beim Ökumenischen Informationszentrum in Dresden (www.infozentrum-dresden.de). Am 9. November 1989 war sie damit beschäftigt, in Dresden die von ihr mitgegründete Partei SDP (Sozialdemokratische Partei in der DDR) in einer öffentlichen Veranstaltung vorzustellen. Den Mauerfall nahm sie erst am nächsten Tag wahr.| Inhaltsübersicht | nächster Artikel |