Am 7. Oktober 1989 - 40 Jahre DDR -, einem Sonnabend, die Kirche ist rammelvoll. Am Dorfrand in den Wäldern die Kampfgruppen der Arbeiterklasse, bereit zur Rettung des Sozialismus die von den Arbeitern überreichten Waffen und ihr Leben einzusetzen.
In der Kirche Vertreter vieler Friedens-, Umwelt- und Gerechtigkeitsgruppen und des Neuen Forums, trotz hitziger Diskussionen eine unsagbar heitere Stimmung und die Ahnung von Wandel und das Wissen: die Zeit ist reif.
Und da hinein die Worte von Volker Kress, dem späteren Landesbischof von Sachsen: «Wenn das alles geschieht und kommt, was wir hier in unserem Land wollen, dann ist in Zukunft die Nicolaikirche in Leipzig zu den Friedensgebeten nicht mehr übervoll, dann werden wir uns freuen, wenn fünfzehn Leute kommen.» Unvorstellbar wie der redet. Wir sind doch so viele. Wir bleiben weiter dran. Es gibt soviel zu tun.
Und heute? Für den 1. September 2009 haben wir zum Friedensgebet eingeladen. Vor 70 Jahren begann der zweite Weltkrieg. Ein markantes Datum. Da werden sie doch kommen die Leute.
Mal sehen, ob wir fünfzehn sind?
Wo sind sie nur alle geblieben - die Friedensbewegten der ehemaligen DDR? Was ist aus den Gruppen geworden und ihren AktivistInnen? Wie haben sie weiter gearbeitet und wo wirken sie jetzt? Woraus schöpften sie damals ihre Kraft und woher nahmen sie den langen Atem? Was waren unsere Träume? Und was ist daraus geworden? Oder auch: Was haben wir daraus gemacht?
Von den vielen hundert Friedensgruppen gibt es nur noch wenige. Sie haben den Mauerfall nur um Monate überlebt. Die Freiheit, die in unser Land wie in ein Vakuum strömte, hat die Gruppen absterben lassen. Alles, was wir uns erträumten, war auf einmal jedem möglich: Kriegsdienstverweigerung, sozialer Friedensdienst, Friedensdienst in den Entwicklungsländern, Demonstrationsfreiheit, Pressefreiheit bis zur Möglichkeit eigene Zeitungen herauszugeben, Kontakte zu ausländischen Friedensgruppen, Parteienvielfalt und die Möglichkeit der politischen Betätigung auf jeder Ebene, Bürgerinitiativen und sogar Kontakte und Gespräche mit Offizieren der Armee gab es ohne Probleme. Alles ging, alles war normal: Protestaktionen anlässlich einer Bundeswehrshow, Mahnwachen während des ersten Irakkrieges. Nur, da wurden wir schon angespuckt von Bürgern, die kurz zuvor noch bei uns in der Kirche saßen. Dazu waren auch sie frei geworden.
Wenn man mich nach den Gründen fragt, warum es so still um uns geworden sei und warum wir so wenige seien, dann erkenne ich vor allem zwei: Erstens die in zwei aufeinander folgenden totalitären Systemen anerzogene Unfähigkeit, in der Freiheit zu leben, und zweitens das Fehlen von Alternativen und Gegenentwürfen. Der gesellschaftliche Gegenentwurf für die DDR-Bürger war die Bundesrepublik. Das war unsere Sehnsucht, das war der Garten Eden. Darin leben wir nun: satt und mehr oder weniger zufrieden. Uns sind die Träume abhanden gekommen und die konkreten Ziele. Ich denke, das ist auch schon ein Problem der gesamtdeutschen Friedensbewegung. Das wird interessanterweise von Den Linken aufgegriffen, die jetzt mit Friedenstauben am Revers und auf blauen Luftballons Wahlkampf machen. Mir überreichte kürzlich ein Funktionär während einer Veranstaltung gegen Rechts solch einen Luftballon. Er war vor der friedlichen Revolution der Meinung gewesen, die Gegner des Sozialismus müssten mal endlich liquidiert werden. Ich erinnerte ihn daran und trug dann stolz den Luftballon. So ändern sich die Zeiten.
Halt, noch was zum Schluss: Die Freie Heide! In der Gegend von Wittstock und Neuruppin in Brandenburg wurde auf einer schon von der Sowjetarmee genutzten Fläche die Errichtung eines Bombenabwurfübungsgeländes (schreckliches Wort) nach jahrelangem Kampf verhindert. Die Ruppiner Heide ist endlich frei. Es gibt sie also doch noch: die Friedensbewegten, die Langmütigen, die Geduldigen und die - es muss hier erlaubt sein: Siegreichen.
Wenn sie viele Freunde haben und Träume.
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