friZ 3/2009

Das Ende September erschienene Buch «Für die Freiheit des Wortes» lässt nicht nur die letzten 100 Jahre der religiös-sozialen Bewegung im Spiegel ihrer Zeitschrift «Neue Wege» Revue passieren, sondern besticht auch durch die anschauliche Darstellung der bedeutenden Rolle, die das Blatt als Forum der antimilitaristisch-pazifistischen Friedensarbeit spielte. Von Peter Weishaupt

Neue Wege durch ein Jahrhundert

Er hätte zwar auf das Jahrhundert-Jubiläum der religiös-sozialen Bewegung vor drei Jahren hin erscheinen sollen, der vom langjährigen Redaktor Willy Spieler, dem Historiker Ruedi Brassel-Moser und dem Journalisten Stefan Howald verfasste Rückblick auf über 1200 Ausgaben des Sprachrohrs des religiösen Sozialismus in der Schweiz, der Zeitschrift «Neue Wege». Geschadet hat dies dem inhaltlich wie äusserlich recht gewichtigen, 440 Seiten enthaltenden und mit vielen hervorragend zusammengestellten Fotografien aus dem alternativ-friedenspolitischen Fundus reich bebilderten Buch «Für die Freiheit des Wortes» keineswegs - es ist nicht nur verständlich und spannend geschrieben, sondern hat durch die sorgfältige Redaktion, die eingestreuten Zitate und die träfen Portraits der involvierten Redaktoren wie AutorInnen an Übersichtlichkeit gewonnen.

Beitrag zum historischen Gedächtnis der «anderen» Schweiz

Für Stefan Howald spiegelt das Werk die linke Ideengeschichte des vergangenen Jahrhunderts und stellt «einen Beitrag zum historischen Gedächtnis einer anderen Schweizer Geschichte» dar. Dabei steckte der Autor nicht nur seine Nase in Hunderte von Heften der «Neuen Wege», sondern spürte auch Projekten und Personen der religiös-sozialen Bewegung nach, so interessierte er sich beispielsweise in England dafür, was aus der 1951 vom Schweizer Industriellen Ernest Bader ins Miteigentum der Belegschaft überführten Chemiefirma in Wollaston in den Midlands geworden ist. Nicht nur war der soziale Industrielle eng mit dem charismatischen Theologen Leonhard Ragaz, der jahrzehntelang als Redaktor und programmatischer Kolumnist die «Neuen Wege» prägte, befreundet, die Demokratisierung der Wirtschaft und der genossenschaftliche Sozialismus waren und sind auch ein Dauerthema der «Neuen Wege».
Entstanden ist die Zeitschrift Anfang des letzten Jahrhunderts aus dem Bedürfnis kritischer reformierter Theologen und Theologinnen (später gab's auch Zuzug von katholischen), die Intentionen der christlichen Bergpredigt auf das aktuelle politische Geschehen anzuwenden, an der Verwirklichung des «Reiches Gottes» auf Erden zu arbeiten und sich nicht aufs Jenseits vertrösten zu lassen. Der Name gab im Übrigen bei der Gründung der Zeitschrift im Jahre 1906 zu etlichen Diskussionen Anlass. Eingewendet wurde, dass «dieser Name in dem Masse veralten muss, als unser Programm sich erfüllt». Leonhard Ragaz bemerkte dazu später lakonisch, dass sich «diese Sorge als unbegründet erwiesen hat». Vorgeschlagene Alternativen wie etwa «Höhenluft» konnten sich aber seinerzeit nicht durchsetzen...
Der Titel der Retrospektive «Für die Freiheit des Wortes» bezieht sich auf die Haltung der Zeitschrift während des Zweiten Weltkrieges. Leonhard Ragaz hatte im Angesicht der Nazi-Kriegsherrschaft wiederholt gefordert, die feige Neutralität zugunsten einer «Solidarität der Völker» aufzugeben, was der offiziellen Schweizer Politik nicht in den Kram passte. Als er sich deswegen der militärischen Vorzensur unterziehen sollte, weigerte er sich «ohne Zögern» und stellte kurzerhand die Herausgabe des Blattes ein, um es jahrelang auf anderen, illegalen Wegen im Untergrund bis nach Deutschland zu verbreiten.

Frühe ökologische und feministische Themen

Der erste Teil des Jubiläumsbuches widmet sich den bewegten Gründungsjahren und -figuren der Zeitschrift, neben Ragaz tauchen die Namen von Rudolf Liechtenhan, Lukas Stückelberger oder Paul Trautvetter auf. Nach dem Tod von Leonhard Ragaz im Jahre 1945 rücken Hugo Kramer, Carmen Weingartner-Studer, Paul Furrer und Niklaus Heer ins Bild. Der Band scheut sich dabei nicht, Konflikte und Spaltungen in der Zeitschrift wie in der Bewegung anzusprechen, die es immer wieder gab, so etwa zwischen Trautvetter und Kramer nach 1948 um die Einschätzung der stalinistischen Sowjetunion.
Der zweite Teil widmet sich der Kernbotschaft des religiösen Sozialismus in der Erwartung des Reiches Gottes auf Erden. Auch hier tauchen die Persönlichkeiten mit ihren Widersprüchen auf, so illustre AutorInnen wie der junge Karl Barth, mit dem es später zum Bruch kam, wie Hermann Kutter oder Emil Brunner, Margarete Susman, Georg Sebastian Huber, Albert Böhler oder Markus Mattmüller. Früh spielte die in Lateinamerika entwickelte Theologie der Befreiung einen Schwerpunkt der redaktionellen Beiträge, so fanden erstmals Übersetzungen von Texten Ernesto Cardenals, Frei Bettos oder Leonardo Boffs ihren Weg in die Zeitschrift. Ebenfalls lange Zeit führend war der Raum, den die Redaktionsgruppe der feministisch inspirierten Theologie gab, mit der nicht nur die Namen Marga Bührig oder Dorothee Sölle verbunden sind.
Und auch ökologische Themen waren immer wieder präsent. So äusserte sich Leonhard Ragaz schon 1925 anlässlich der neunten Abstimmung, bei der das Bündner Volk ein kantonales Automobilverbot bestätigte (!), zur Auswirkung desselben auf die Menschen: «Nun kann man sich nicht leicht etwas Unmenschlicheres denken als das Automobil in der jetzigen Art seiner Verwendung. Es bedeutet die vollendete Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Menschen, seiner Gesundheit, seinen Nerven, seiner Sicherheit, ja seines Lebens, um von allem Ästhetischen zu schweigen; es ist die verkörperte Brutalität des Maschinenzeitalters.»

Eigentliches Sprachrohr der Friedensbewegung

Der vierte Teil des Buches setzt sich mit dem andauernden Ringen um eine Alternative zu Kapitalismus und Gewaltkommunismus auseinander und rekapituliert etwa den christlich-marxistischen Dialog. Dabei waren die religiös-sozial engagierten «Pfäfflein» (Lenin) vielen Linken ebenso suspekt wie deren sozialistische Ausrichtung wiederum den Vertretern der etablierten Kirchen - und mit ihrem schon vor dem Ersten Weltkrieg radikal ausgerichteten Friedensengagement eckten die «Neuen Wege» bei beiden an. Die Zeitschrift entwickelte sich dabei nach 1914 zu einem immer bedeutenderen friedenspolitischen Forum der Orientierung und der Diskussion. Nicht nur hielt die Redaktion von Anfang an gegenüber allen Kriegsparteien (des Ersten Weltkrieges) kritische Distanz, auch innenpolitisch wurde die Verabsolutierung militärischer Belange durch den Militarismus hinterfragt. Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, wie umstritten und verhasst dies damals war, vor allem Leonhard Ragaz wurde öffentlich verfemt und bekämpft.
Folgerichtig widmet sich der dritte Teil des Buches der zentralen Rolle, die das Friedensthema im Laufe der Jahrzehnte in der Zeitschrift spielte und wie diese Generationen von PazifistInnen prägte, er liest sich wie ein Who-is-who der (deutsch)schweizerischen Friedensarbeit. Besonders eindrücklich ist Clara Ragaz-Nadig porträtiert, die nicht nur den zuweilen bombastische Feldpredigten haltenden Ehemann nach und nach auf pazifistischen Kurs trimmte, sondern an ihrem Wohnsitz an der Zürcher Gartenhofstrasse, bis heute eine Anlaufstelle der Friedensarbeit, ein soziales Zentrum und eine «Pazifistische Bücherstube» einrichtete. Sie war an vielen Orten aktiv, vor allem aber bei der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit IFFF - und bei der Gründung des Schweizerischen Friedensrates Ende 1945.
Überhaupt finden sich immer wieder Belege für das starke Engagement von Frauen in der Bewegung wie bei der Zeitschrift: Zum Beispiel die prägende Redaktionsmitarbeit von Berthe Wicke und Helen Kremos oder die Beiträge der Chemikerin Gertrud Woker im frühen Widerstand gegen die aufkommende Atomkraft, die nicht nur die atomare Bewaffnung der Schweiz in den 1950er-Jahren bekämpfte, sondern auch an der «friedlichen» Verwendung der Atomkraft zweifelte. Hélène Monastier, Mitbegründerin des Internationalen Zivildienstes, und Alice Herz-Strauss' Arbeit dokumentieren einen weiteren Schwerpunkt durch die Jahrhundertwege, nämlich den Einsatz für die Anerkennung der Militärverweigerung und für einen Zivildienst. Weitere Portraits sind Robert Lejeune, Willi Kobe, Rosemarie Kurz, Hansheiri Zürrer und Hansjörg Braunschweig gewidmet.
Noch ein roter Faden zieht sich durch beim kontinuierlichen Einsatz der «Neuen Wege» für eine internationale Friedensordnung, anfänglich für den Völkerbund, dann für die Vereinten Nationen. Nach den Erschütterungen des Zweiten Weltkrieges beispielsweise äusserte sich die Redaktion wie folgt: «Schon während des Krieges widmeten sich die ‹Neuen Wege› intensiv der Neuorientierung und der Neugestaltung der Gesellschaft, die den Krieg und das Gewaltprinzip von innen heraus überwinden sollte. (...) Angesichts der Erfahrung des Weltkriegs haben die ‹Neuen Wege› die Kritik der Gewalt und des Militarismus sowie die Forderung nach Abrüstung, die schon in den ersten Jahren der Zeitschrift angelegt waren, weiter entwickelt. Dem entsprachen der Einsatz für den Völkerbund, die Ablehnung des Beitritts der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz zur Dritten Internationale, der Kampf für eine weltweite Abrüstung und für eine Pionierrolle der Schweiz in diesem Kampf.»
Kurz: Wer sich der Geschichte der Friedensarbeit in der Schweiz vergewissern will, wird hier fündig.

Peter Weishaupt ist Geschäftsleiter des Schweizerischen Friedensrates.

Für die Freiheit des Wortes

Willy Spieler, Stefan Howald, Ruedi Brassel-Moser: Für die Freiheit des Wortes. Neue Wege durch ein Jahrhundert im Spiegel der Zeitschrift des religiösen Sozialismus. Mit zahlreichen historischen Abbildungen und Portraits. Theologischer Verlag, Zürich 2009, 440 Seiten, Fr. 48.-

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