friZ 2/2009

Läutet der Wegfall der Gewissensprüfung für den Zivildienst auch das Ende der Ära der Beratungsstellen für Militärverweigerung und Zivildienst in der Schweiz ein? Von Detlev Bruggmann

Militärberatung - quo vadis?

Seit dem 1. April 2009 können junge Schweizer fast frei wählen, ob sie Zivildienst oder Militärdienst leisten wollen («fast frei», weil der Zivildienst weiterhin anderthalb mal länger dauert). Der Wegfall der so genannten Gewissensprüfung (s. Randspalte Seite 18) zeigt bereits deutliche Wirkung: Schon im ersten prüfungslosen Quartal - April bis Juni 2009 - wurden 200 Zivildienstgesuche mehr eingereicht als im gesamten vergangenen Jahr! 2192 junge Männer zogen es also vor, in den nächsten Jahren mindestens 390 Tage Zivildienst statt höchstens 260 Tage Militärdienst zu leisten. Trotz dieses Anstiegs stellen die Zivildienstleistenden nach wie vor nur eine kleine Minderheit der Dienstleistenden überhaupt.

Die Schweiz war eines der letzten Länder Europas, das einen zivilen Ersatzdienst eingeführt hat. Die Beratung und die politische Unterstützung der wehrpflichtigen jungen Männer, die keinen Militärdienst leisten wollten (aus welchen Gründen auch immer), war ein wichtiger Teil der schweizerischen Friedenspolitik. Die Einführung des Zivildienstes vor elf Jahren und jetzt der Wegfall der Zulassungsprüfung brachten für die einschlägigen Beratungsstellen einschneidende Veränderungen. Bereits ihren Betrieb eingestellt haben dieses Jahr die Beratungsstellen in Bern (s. Seite 21) und in St. Gallen (s. Seite 23). Mit der BfMZ, der Beratungsstelle für Militärverweigerung und Zivildienst in Zürich steckt jetzt auch die letzte Deutschschweizer Einrichtung dieser Art in akuten Schwierigkeiten (s. Interview Seite 14ff.).

Anfänge in den 60er Jahren

Blicken wir kurz zurück: «In den 1960er Jahren, als die Verurteilungen wegen Militärdienstverweigerung erstmals markant anstiegen, entstanden in der Schweiz die ersten Organisationen, die Militärunwilligen und Militärdienstverweigerern mit Rat und tat zur Seite standen. In der Deutschschweiz hatte sich die IdK, die Internationale der Kriegsdienstgegner, des Problems angenommen. Seit Anfang der 1980er Jahre sind in verschiedenen Städten der Deutschschweiz eigentliche Beratungsstellen für Militärverweigerer entstanden - die grössten in Zürich, Bern und St. Gallen. In der Westschweiz bietet das Centre Martin Luther King in Lausanne, ein Zentrum zur Förderung aktiver Gewaltlosigkeit (heute: Centre pour l'action non-violente CENAC; db.) seit seiner Gründung solche Beratungen an. Zusätzlich gibt es ein Netz regionaler privater Berater, deren Adressen du bei den Beratungsstellen erfragen kannst, hauptsächlich in den Regionen Innerschweiz, Tessin und Graubünden.» So beginnt Ruedi Winet in der letzten Ausgabe von «Etwas Sinnvolles tun» den Abschnitt zu den «Beratungsstellen für Militärverweigerung und Zivildienst». Auch in früheren Auflagen des bekannten Zivildiensthandbuches lautet der Text praktisch unverändert, nur die geografische Streuung der Beratungsstellen geht immer mehr zurück: 1998, kurz vor der Einführung des Zivildienstes in der Schweiz, gab es «hauptsächlich in den Regionen Innerschweiz, Tessin, Graubünden, Wallis, Aargau und Solothurn» private Berater, und die Adressliste umfasste zehn Anlaufstellen in der ganzen Schweiz. Heute sind es noch fünf Adressen (Zürich, Genf, Lausanne, Bellinzona)

Beratung ist eine öffentliche Aufgabe

Davon wird wahrscheinlich schon bald nur noch das «Netz regionaler privater Berater» übrig bleiben. Das Sterben der Beratungsstellen bedeutet aber auch, dass ein grosser Teil ihrer Arbeit vom Staat übernommen werden muss. Kantone und Bund müssen endlich eine umfassende und nicht diskriminierende Beratung aller Dienstleistender organisieren. Energie und Spendengelder, welche die Beratungsstellen bisher in die Betreuung einzelner Dienstpflichtiger stecken mussten, könnte dann beispielsweise vermehrt in die politische Arbeit rund um Themen wie Wehrpflicht, Freiwilligkeit von und Verpflichtung zu sozialem Engagement und Geschlechtergerechtigkeit investiert werden.


Beratungsstellen

Zürich: Die Beratungsstelle für Militärverweigerung und Zivildienst (BfMZ) existiert seit 1981 durchgehend. Homepage: www.zivildienst.ch (S. 14)
Basel: Beratungsstelle existiert nicht mehr
Bern: Der Verein Militärverweigerer-Beratung Bern hat sich im März 2009 nach 26-jährigem Bestehen aufgelöst, Beratungen auf privater Basis sind weiterhin möglich (S. 21)
Fribourg: Beratungsstelle existiert nicht mehr
Luzern: Beratungsstelle existiert nicht mehr
Schaffhausen: Beratungsstelle existiert nicht mehr
Solothurn: Beratungsstelle existiert nicht mehr
St. Gallen: Der Trägerverein der Beratungsstelle St. Gallen wurde ebenfalls im Frühjahr 2009 aufgelöst. Die Erbschaft ging nach Zürich, Beratungen auf privater Basis sind weiterhin möglich (S. 23)
Winterthur: Beratungsstelle existiert nicht mehr
Zofingen: Beratungsstelle existiert nicht mehr
Lausanne: Das Centre pour l'action non-violente (gegründet 1968 als Centre Martin Luther King) bietet Beratungen für Militärverweigerung und Zivildienst an. Homepage: www.non-violence.ch
Genf: Seit 1997 bietet die Permanence Service Civil (PSC) Beratungen an und organisiert selbst Zivildiensteinsätze in der Romandie. Homepage: www.servicecivil.ch/
Bellinzona: Der Gruppo Ticinese per il Servizio Civile (GTSC) organisiert seit 1984 Beratung in der italienischsprachigen Schweiz. Homepage: www.serviziocivile.ch
Ausserdem gab es - zumindest zeitweise - informelle Beratungsstellen im Aargau, Wallis, Zürcher Oberland, Glarus und Graubünden.


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