friZ 2/2009

Seit zwei Monaten existiert die Beratungsstelle für Zivildienst und Militärverweigerung St.Gallen (bzm) nicht mehr. Die Gründe dafür schildert Christoph Balmer-Waser

Ganz im Osten der Schweiz

14. Mai 2009: Nach 17 Jahren als Verein löst sich die Beratungsstelle für Zivildienst und Militärverweigerung St.Gallen (bzm) auf. Der Vereinszweck hat sich erfüllt und es hat keinen Sinn, für niemanden da zu sein. Das Vereinsvermögen von rund 5000 Franken schenken wir unserer grösseren Schwester, der Beratungsstelle Zürich. Sie hat uns stets gut mit Broschüren sowie mit ihrer Homepage unterstützt und uns bei kniffligen Detailfragen weitergeholfen. Sie wird weiterhin gebraucht - das wünschen wir ihr.

Aber blenden wir zurück: April 2009, die Gewissensprüfung fällt – und mit ihr die Zahl unserer Beratungen auf Null. In den zwei Monaten davor hatten wir noch ganze zwei Beratungen! Die machten wir im Migros-Restaurant im St. Galler Hauptbahnhof: Zentrale Lage, immer offen. Unser Erkennungszeichen: Eine Crèmeschnitte auf dem Tisch. (Es blieb bei der Idee). Ist dieser junge Mann, der da suchend herumgeht, der erwartete, potentielle Zivi? Oder eher der dort? Das ganze hatte zum Schluss wieder etwas von jener konspirativen Aura der 70er-Jahre. Und der andere am Nebentisch mit dem Nussgipfel? Ist der vom Staatsschutz? Weder noch.

Im Februar 2008 hatten wir beschlossen unser Büro aufzulösen. Eine Beratung kostete uns damals rund 100 Franken. Wir frotzelten, dass wir für dieses Geld jeden Ratsuchenden ins «Einstein» (St.Gallens Luxushotel) einladen könnten, ein Glas Sekt inklusive.
Zur gleichen Zeit etwa «lupfte» es auch immer mehr ParlamentarierInnen in Bern den Hut, wegen der Kosten pro Gesuchsteller im Zivildienstverfahren. Endlich mal ein gemeinsames Verständnis: Das Kostenbewusstsein! Wer hätte das gedacht!
Die Zahl unserer Beratungen ging immer mehr zurück. Wir machten sie nur noch auf Voranmeldung! Die wenigen, die aus Überzeugung Zivi werden wollten, wussten von älteren Kollegen was nötig war, informierten sich als «E-Generatiönler» über die Zürcher Homepage (siehe oben) und brauchten uns nur noch für die Besprechung ihrer Gesuche und der Anhörung.

Früher war das anders gewesen. Wir hatten jeweils freitags ab 17 Uhr offen. Die ersten Männer waren schon hier, bevor unsereiner Berater schnaufend von der Arbeit andampfte. Zuerst galt es die Schlange zu organisieren. (Heute würden wir wie bei der Post «Nümmerli» verteilen.) Weil damals der allgemeine Wissensstand punkto Zivildienst sehr schlecht war – lange hat's gedauert, bis in der Hochglanz-Army-Broschüre zuhinterst auch etwas darüber stand – führten wir an bestimmten Terminen reine Informationsstunden ein. Damit konnten wir uns mehr auf die Situation jedes einzelnen konzentrieren. Und damals war auch noch Detailwissen gefragt: Weitermachen? Waffenloser Dienst? WK-Probleme? Zivi-Gesuch? Blauer Weg? und so weiter... Wenn wir selber nicht mehr weiter wussten: Ein Anruf bei der Schwesterstelle in Zürich half weiter! Und als einsamer Höhepunkt die Beratung eines Oberleutnants (momoll!) Oder wenn's Mami für das Söhnchen anrief, da Junior just keine Zeit habe um selbst... (da fühlten wir wohl wie das Militär: Hoffnungsloser Fall!)

Umso mehr Hoffnung machten wir den anderen jungen, aber auch den gestandenen Männern in ihrer Situation. Wir lernten selbst viel über die Innenwelten der Männer und hatten in diesen Zeiten rund 200 Beratungen im Jahr. Oft kamen wir erst nach vier Stunden aus dem Büro raus und nicht mehr ins Kino rein. Der Film lief schon.

Noch ein paar Jahre früher, in den 90ern, teilten wir das Büro mit der ARNA (Aktion zur Rettung von Neuchlen-Anschwilen vor dem Waffenplatz). Das Volk nahm den Waffenplatz dann in der Abstimmung an - aber mittlerweile hat die Armee dermassen abgenommen, dass sie ihn eigentlich gar nicht mehr bräuchte.
In den 80ern und 70ern fanden die Beratungen privat zuhause statt, am Küchentisch. Und es gab noch viele Verweigerungsprozesse und eine gnadenlose Militärjustiz in einer kalten Zeit, die noch wusste, wo der Feind im Osten hockte - und mitten unter uns hier im Osten und im Rest der Schweiz. Das war ein Anfang!

Christoph Balmer ist Leiter der Koordinationsstelle der katholischen Sozialdienste in St. Gallen. Bis zur Auflösung war er Vorstandsmitglied des Vereins Beratungsstelle für Zivildienst und Militärverweigerung St. Gallen.
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