friZ 2/2009

Im März dieses Jahres hat mit der Militärverweigerer-Beratung Bern eine der ältesten Beratungsstellen der Schweiz den Betrieb eingestellt. Daniel Costantino schildert, wie es dazu kam.

Wir mussten uns immer nach der Decke strecken

Angefangen hatte alles 1981 in der «Brasserie Lorraine», mit dem Verweigerer-Stammtisch am Samstag. Es war noch die Zeit des eisernen Wehrwillens und der Verweigererprozesse, die drakonischen Urteile häuften sich, man schimpfte uns Kommunisten und Landesverräter und hätte uns weitherum am liebsten das Staatsbürgerrecht aberkannt. Trotz der Repression stieg die Anzahl der Verweigerungen von Jahr zu Jahr und hatte der Stammtisch immer grösseren Zulauf, nicht zuletzt auch von Leuten, die nicht verweigern, sondern sich psychiatrisieren lassen wollten - ein taktisches Manöver des Staates und seines Militärs, dafür alle Schleusen zu öffnen. Schliesslich nahm die Sache so überhand, dass ein Büro gemietet, eine bezahlte Stelle und ein Spendenkonto eingerichtet werden mussten.

Ruf als Anarchisten

Den Verein Militärverweigerer-Beratung Bern hat es dann fast auf den Tag genau 26 Jahre gegeben, samt Stellenleitern, Löhnen und Statuten. Er unterhielt in den Achtzigerjahren sogar zeitweilig eine Dependance in Biel. Nur ganz in den Anfängen wurde er vom Berner Synodalrat finanziell unterstützt. Als aber die ersten öffentlichen Stellungnahmen, die ersten gedruckten Seiten des neuen Vereins vorlagen, versiegte der synodale Geldfluss auf der Stelle. Wir sind halt immer aufsässig gewesen und haben die Missstände beim Namen genannt. In Zürich und anderswo galten wir Berner bald einmal als die Anarchisten. Man könnte dazu eine schöne Anekdotensammlung herausgeben.

Natürlich mussten wir uns immer nach der Decke strecken, doch konnte bei meinem Stellenantritt 1991 noch die doppelt höhere Lohnsumme bezahlt werden als am Ende. Unter meinen Vorgängern gab es Jahre mit über 600 persönlichen Beratungen, in meiner Anfangszeit lag der Durchschnitt knapp bei 500. Kontinuierlich ist dann diese Zahl geschrumpft, das Geld weniger, das Team und das Büro kleiner geworden. Immer aber sind wir in der «Brasserie» geblieben. Die letzten paar Jahre habe ich fast im Alleingang bestritten, meine zwei verbliebenen Kollegen mussten nur noch beim Couvertkleben helfen und einspringen, wenn ich meine Ferien bezog.

Schliessung statt halbseidenes Unternehmen

Wir haben uns gegen den Besucherschwund nie gewehrt. Die ersten Büros, Fribourg, Basel , Schaffhausen, schlossen schon vor über zehn Jahren. Alles ging nach Zürich, die Beratungsstelle an der Köchlistrasse platzte aus allen Nähten. Wir wollten keine Werbung machen und von keinen Organisationen mehr Geld akquirieren. Die technologische Entwicklung, Computer, E-Mail und Internet, hat uns erst sehr spät interessiert. Ausserdem, dachten wir, wird sich einiges von unsern Ratschlägen herumgesprochen haben. Man ist heute gewiss besser informiert als vor 20, 30 Jahren. Kam hinzu, dass die Ausmusterungsquote der militärischen Untersuchungskommission schon seit Mitte der Neunzigerjahre und die Zulassungsquote beim Zivildienst nach einiger Anlaufzeit sehr hoch, ja verdächtig hoch waren. Auch das spricht sich herum.

Mit der Abschaffung der Gewissensprüfung - notabene nicht aus tieferer Einsicht, sondern um Geld zu sparen - haben wir beschlossen, den Laden dichtzumachen. Das Einmaleins der Zulassungskommission müssen wir niemandem mehr vermitteln, und ein halbseidenes Unternehmen, das für blankes Geld ein paar zweifelhafte Psychiater bei der Stange hält, wollten wir auch nicht aufbauen. Manches, was übrigbleibt, lässt sich bequem per Mail oder kurz via Telefon beantworten. Mit der Handvoll persönlicher Beratungen, die es dann und wann noch braucht, kann ich meine eigne Wohnung ein wenig amortisieren.

Daniel Costantino war lange Jahre und bis zur Auflösung am 23. März dieses Jahres Sekretär des Vereins Militärverweigerer-Beratung Bern. Er hat sich entschieden, die Beratertätigkeit privat fortzuführen. Wichtige Informationen finden sich weiterhin auf www.armymuffel.ch. Die Homepage wird bald umgestaltet werden. Vorläufig versteckt sich das Aktuelle und Wesentliche hinter dem Kästchen «private Beratung».
Wer trotz des Inhalts, den ihm diese Seite liefert, noch nicht recht weiter weiss oder in einer etwas verzwickten Lage steckt, wer ein ausführliches Gespräch mit ihm wünscht und eine vertiefte Analyse seiner Verstrickungen mit der Wehrpflicht, erreicht ihn per E-Mail: info@armymuffel.ch. Daniel Costantino
schaut täglich in seine Mailpost und ist auch in dringenden Fällen verfügbar. Mit etwas Glück erreicht man ihn sogar übers Handy: 077 459 49 36.

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