friZ 2/2009

Mit der Zürcher Beratungsstelle für Militärverweigerung und Zivildienst (BfMZ) ist in den vergangenen Monaten auch die älteste und grösste Einrichtung dieser Art in der Schweiz in arge Nöte geraten. Die friZ sprach mit BfMZ-Leiter Piet Dörflinger über die Hintergründe und die Zukunftsaussichten.

«Wer, wenn nicht wir, macht diese Arbeit?»

Kannst Du uns die aktuelle Situation der Beratungsstelle Zürich schildern?
Piet Dörflinger: Auf der Nachfrageseite sieht es gleich aus wie in den letzten Jahren. Das heisst, wir haben im laufenden Geschäftsjahr etwa so viele Beratungsanfragen wie in den vorangehenden Jahren. Konkret: Von August 2007 bis Juli 2008 hatten wir 4300 Beratungen - von August 2008 bis Ende Mai 2009 waren es ebenfalls bereits 3567. Auch thematisch verzeichnen wir keine grosse Änderung. Trotz des Wegfalls der Gewissensprüfung (s. Randspalte) für den Zivildienst, hat sich der Schwerpunkt der Beratungen nur leicht verlagert. Im Vergleich zum Vorjahr gab es eine leichte Zunahme der Beratungen zum Thema Zivildienst (plus 235) und sogar zum Thema Zivildienstzulassung führten wir 40 Beratungen mehr als im Vorjahr durch!
Sehr schlecht sieht es dagegen finanziell aus, hier ist die Situation ganz anders als in früheren Jahren. Wir verzeichnen dieses Jahr einen massiven Einbruch bei den Spenden, quasi von einem Tag auf den anderen.

Wann ist der Einbruch erfolgt?
Piet Dörflinger: Unsere Einnahmen sind schon seit einigen Jahren leicht rückläufig. Einen so massiven Einbruch wie dieses Jahr haben wir aber noch nie erlebt: Normalerweise konnten wir mit unserer Fundraising-Aktion an Ostern jeweils die Finanzierung der Beratungsstelle für eine wesentliche Teil des laufenden Jahres sichern. Dieses Jahr ist praktisch nichts hereingekommen, wir können gerade die Ausgaben für den Druck und Versand decken.

Was heisst das für die Beratungsstelle Zürich?
Piet Dörflinger: Es fehlen uns nicht nur einfach gut 30000 Franken, sondern wir sind gezwungen, den Betrieb Ende Juni einzustellen, wenn bis dann nicht mehr Geld auf unser Konto fliesst. Im Moment gibt es noch einige Unbekannte, was die Zukunft betrifft. Trotz allem bin ich nach wie vor vorsichtig optimistisch, ohne diese Einstellung hätten wir schon viel früher aufgegeben müssen. Die Arbeit der BfMZ war nie mit einer «normalen» betriebswirtschaftlichen Angsthaltung möglich.

Aber Du glaubst nicht, dass es so weiter gehen wird, wie bisher mit der Beratungsstelle Zürich?
Piet Dörflinger: Nein, so wie bisher wird es nicht weitergehen. Wir sind darum schon seit längerem daran, die verschiedenen Bereiche unserer Organisation kritisch zu hinterfragen.
Wir sind auch daran, verschiedene Szenarien durchzudenken, in welcher Form die Beratungsstelle weitergeführt werden könnte: Beratungsangebot, Stellenreduktion, eingeschränkte Erreichbarkeit, beschränkte Öffnungszeiten, es gibt kein Tabu.


Zwei Hauptgründe für die Krise

Was ist der Grund für den dramatischen Einbruch?
Piet Dörflinger: Es sind verschiedene Faktoren, die eine Rolle spielen. Ich persönlich sehe zwei Dinge im Vordergrund: Zum einen ist die Arbeit der Beratungsstelle nicht mehr so spektakulär wie früher. Es braucht nach wie vor Grundlagenarbeit, aber der frühere spektakuläre Kampf für die Menschenrechte - «aufgeschlossener junger Mann versus böser Staat», für den Zivildienst, gegen die Wehrpflicht - gibt es heute nicht mehr.

Mit der Abschaffung der Gewissensprüfung ist der Zivildienst heute etwas Normales geworden?
Piet Dörflinger: Viel normaler, der Zivildienst ist trotzdem zahlenmässig nichts mehr als eine Randerscheinung geblieben. Wir machen aber nicht nur Zivildienstberatung. Zu uns kommen auch viele Männer, die im Militärdienst in der Not sind, das ist nach wie vor eine wichtige Sparte unserer Arbeit. Aber auch hier sind die Fälle nicht mehr so spektakulär.

Heisst das auch, dass sich die Zustände im Schweizer Militär in den letzten Jahren verbessert haben?
Piet Dörflinger: Nein, das hängt nicht so sehr vom Verhalten des Militärs selbst ab, sondern von den Werten, die in der Gesellschaft gelebt werden.

Die Not des Einzelnen im Militär ist heute also unverändert gross?
Piet Dörflinger: Die subjektive Situation der Militärdienstleistenden ist unverändert, ja. Das Schweizer Militär ist vielleicht in gewissen Bereichen «netter» geworden, aber die jungen Leute von heute sind auch aufgeklärter und kritischer. Das führt unter dem Strich zu etwa gleich viel Menschen, die aus dem Militärdienst raus wollen. Ihre Auseinandersetzung aber interessiert heute weniger als vor zehn oder zwanzig Jahren, Militärprobleme sind weniger brisant. Vielleicht erachten es auch deshalb weniger Menschen als notwendig für unsere Arbeit zu spenden.

Was ist der zweite Hauptgrund für Eure Probleme?
Piet Dörflinger: Ich denke, dazu kommt die allgemeine Tendenz von abnehmender Lust zu langfristiger Verbindlichkeit und damit vielleicht zusammenhängend eine sinkender Zahlungsmoral, die wir auch bei unseren Mitgliedern und Klienten feststellen. Im Geschäftsjahr 2007/2008 mussten wir zum Beispiel 20000 Franken an ausstehenden Rechnungen trotz Zahlungserinnerung abschreiben. Weitergehende Massnahmen wie Mahnungen oder Betreibungen machen bei unserer Klientel aber aus politischen Überlegungen wenig Sinn.


Wer finanziert die Beratungsstelle?

Wer trägt die Beratungsstelle? Sind bei Euch zahlende Mitglieder, SpenderInnen und Nutzniessende identisch?
Piet Dörflinger: Die Mitgliederbeiträge machen ein Drittel bis die Hälfte und die Spenden den grösseren Teil unserer Einnahmen aus, nur einen kleinen Teil machen die Beratungshonorare aus. Ein wesentlicher, wenn auch leider rückgängiger Teil unserer Spenden stammt nach wie vor aus kirchlichen Kreisen.
Unsere Mitglieder sind ganz unterschiedliche Menschen, wobei die engagierten alten «kalten Krieger» auch immer weniger werden. Meistens sind unsere Mitglieder zugleich gute Spender. Wir haben heute um die 850 Mitglieder, eine Zahl die seit einigen Jahren in etwa gleich geblieben ist. Zwar hat es in den letzten Jahren etliche Austritte gegeben - zum Beispiel nach der Abschaffung der Gewissensprüfung für den Zivildienst -, wir konnten aber jeweils im Rahmen unserer Beratungstätigkeit wieder etwa gleich viele «Kunden» als Neumitglieder gewinnen. Dadurch hat sich auch das Profil unserer Mitgliedschaft verändert, und vermutlich waren die langjährigen und tendenziell älteren Mitglieder auch bessere Spender.
Bei den Kunden sinkt leider die Bereitschaft für unsere Dienstleistung zu bezahlen, nachdem sie sie in Anspruch genommen haben. Da müssen wir gezwungenermassen etwas ändern.

Heisst das, dass man sich bei Euch gratis beraten lassen kann?
Piet Dörflinger: Nein, jede persönliche Beratung kostet auf jeden Fall 50 Franken. Wer Mitglied wird, bezahlt 75 Franken pro Jahr und hat dafür das Anrecht auf eine unbeschränkte Anzahl an Beratungen. Bei den telefonischen Anfragen ist es hingegen weniger einfach Geld zu verlangen, besonders für kurze Auskünfte. Bei E-Mail Anfragen desto schwieriger.

War früher die Bereitschaft der Ratsuchenden grösser, auch Mitglied der BfMZ zu werden?
Piet Dörflinger: Ja. Es wurde auch öfter von sich aus gefragt: «Wie kann ich Euch unterstützen?» Heute sprechen wir jeden standardmässig auf eine Kostenbeteiligung oder Mitgliedschaft an und merken diesbezüglich immer grössere Zurückhaltung. Auch in der Telefonberatung: Unsere Eröffnung, dass kurze Auskünfte gratis sind, ein ausführliches Gespräch dagegen 25 Franken kostet, führt oft zur Replik: «Nein, ich brauche nur eine kurze Auskunft...», noch bevor überhaupt klar ist, worum es geht.

Liessen sich die jungen Männer denn früher finanziell weniger abschrecken?
Piet Dörflinger: Vor Jahren waren unsere Beratungen unentgeltlich, das heisst für persönliche Beratungen haben wir einen freiwilligen Betrag von 30 Franken verlangt. Im Jahr 2003 haben wir diesen Betrag fest eingeführt und ihn dann 2008 auf 50 Franken erhöht. Ich vermute, dass ein grosser Teil unserer Telefon- und E-Mail-Anfragen auf diese Gebühr zurückzuführen ist.

Geht die Zahl der persönlichen Beratungen zurück?
Piet Dörflinger: Nein, seit 2005/06 nimmt sie sogar leicht zu. Bei den persönlichen Beratungen haben wir eher das Problem, dass wir zuwenig freiwillige BeraterInnen haben, um genügend Termine anbieten zu können. Thematisch lässt sich auch bei unserer Klientel eine gewisse Entwicklung beobachten: Weg vom weltanschaulich motivierten Kampf für eine gerechte Sache hin zur einfachen Inanspruchnahme einer Dienstleistung. Die Lebensplanung, die Karriere und finanzielle Fragen werden in den Beratungsgesprächen wichtiger als ideologische Motive.

Aber heisst das nicht auch, dass Eure Klientel tendenziell finanziell besser gestellt ist als früher?
Piet Dörflinger: Schwer zu sagen. Falls dem aber so wäre, macht sich das bisher in unserer Kasse auf jeden Fall nicht bemerkbar! Vielleicht tragen wir aber auch selbst dazu bei: Unsere Homepage ist sehr ausführlich und enthält viele unentgeltliche Informationen. Bis anhin überwiegen für uns jedoch die Vorteile: Die Homepage nimmt uns die Beantwortung von vielen banalen Anfragen ab und ist ein unerlässlicher Werbeträger. Meistens figurieren wir auf den vordersten drei Google-Plätzen, wenn jemand Stichworte zu Militär- oder Zivildienst eingibt. Das ist nur mit einem seriösen Informationsangebot und einer regen Nutzung der Homepage zu erreichen. Und die Bekanntheit der Homepage erleichtert uns natürlich auch unsere zweite Aufgabe, die Öffentlichkeitsarbeit.


Was würde die Schliessung der BfMZ bedeuten?

Wie wichtig ist die Beratungsstelle heute? Was passiert, wenn es Euch nicht mehr gibt?
Piet Dörflinger: Dann gibt es einer markanten Zunahme an Disziplinarstrafverfahren, Bussen und Bundesverwaltungsgerichtsfällen sowohl beim Militär- wie beim Zivildienst. In beiden Bereichen mehrere hundert Fälle zusätzlich pro Jahr, schätze ich. Dementsprechend würde der Aufwand für die zuständigen Behörden bei Bund und Kantonen steigen.
Langfristig würde die Schliessung eine schlechtere Aufklärung punkto Dienstpflicht in der Schweiz bedeuten: Mehr junge Menschen könnten wichtige Entscheidungen für die Jahre zwischen 18 und 34 nicht oder nur unzureichend treffen, was unter Umständen weit reichende Konsequenzen für ihre Ausbildung und ihr Einkommen hat.

Welche Folgen hätte das Ende der Beratungsstelle für den Zivildienst?
Piet Dörflinger: Es gäbe deutlich weniger Zivildienstleistende, weil zugelassene Zivis aus Ohnmacht angesichts absurder Bedingungen die Flinte ins Korn werfen würden. Der Ruf des Zivildienstes würde dementsprechend schon sehr bald darunter leiden.

Was bedeutet die Abschaffung der Gewissensprüfung politisch? Ist damit das Thema Zivildienst für Euch abgeschlossen?
Piet Dörflinger (lacht): Nein, bestimmt nicht! Die Bedingungen für den Zivildienst sind nach wie vor abschreckend. Und obwohl gesellschaftliche Verantwortung nicht als Pflicht verordnet werden kann - sie muss aus Überzeugung entstehen - sehe ich den Zivildienst als eine Art Übergangsmöglichkeit, um gesellschaftliches Engagement zu honorieren. Es ist eine patente Chance, Erfolg erfahren zu dürfen. Das hiesse, Menschen die Möglichkeit zu geben, sich sozial zu engagieren und sie dafür gerecht zu entlöhnen, sie zu loben und zu fördern anstatt sie zu diskriminieren, wie das heute beim Zivildienst der Fall ist. Das hätte grosse Auswirkungen auf ihr Selbstverständnis und ihr späteres Wirken in der Gesellschaft. Der Zivildienst hat also noch sehr viel mehr zu bieten und muss deshalb weiter gefördert werden.

Und diese Förderung ist weiterhin Aufgabe und Inhalt einer unabhängigen Beratungsstelle?
Piet Dörflinger: Das ist die Frage, die wir uns zurzeit stellen: Wer macht das sonst, wenn nicht wir? Antwort: Im Moment gibt es kaum jemand anderes, der das macht. Die Behörden fördern den Zivildienst nicht, weil sie keinen Auftrag dafür haben. Sie dürfen sogar aus politischen Gründen keine Werbung für den Zivildienst machen, wie der Bundesrat wiederholt klar gemacht hat. Er sieht sonst das Primat der Wehrpflicht in Gefahr...
Handlungsbedarf besteht aber auch beim Zivildienst selbst, dessen Ausgestaltung in der Schweiz nach wie vor diskriminierend ist: Der Zivildienst dauert nicht nur anderthalb mal länger als der Militärdienst, sondern sogar zwingend 390 bis 430 Tage. Dagegen muss heute kaum noch jemand seinen Militärdienst über die ganze Dauer von 260 Tagen leisten, eine Mehrheit der Militärangehörigen wird vor Erfüllung der Dienstpflicht ausgemustert oder altershalber entlassen. Auch finanziell und sozial gelten für Zivildienstleistende nicht die gleichen Rechte: Wer seinen Zivildienst unter prekären finanziellen Bedingungen leistet, muss unter Umständen Sozialhilfe beanspruchen, die später zurückzuzahlen ist. Mit anderen Worten: Er muss sich verschulden, um diesen Dienst zugunsten der Allgemeinheit leisten zu dürfen! Militärangehörigen in gleicher Lage steht dagegen ein ausgewachsener Sozialdienst zur Verfügung, der Zugang zu verschiedenen Geldtöpfen für solche Fälle hat.

Und es gibt niemanden, der sich ausser Euch für diese Anliegen stark macht?
Piet Dörflinger: Kaum. Es gibt zwar einzelne Organisationen, die sich für die Themen Militärverweigerung oder Zivildienst interessieren und die auch im Zivildienstkomitee (s. Randspalte) mitmachen. Das sind engagierte MitstreiterInnen, aber eher sporadisch z.B. für grössere politische Kampagnen.


Letzter Deutschschweizer «Mohikaner»

Dieses Jahr haben sich die Beratungsstellen in St. Gallen und in Bern aufgelöst. Die Beratungsstelle Zürich ist die letzte verbliebene in der Deutschschweiz. Weshalb gerade Zürich?
Piet Dörflinger: Ich denke, das ist letztlich vor allem eine Frage der Grösse. Zürich war immer die grösste Beratungsstelle und hatte dementsprechend das günstigere Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag.

Welche Folgen hat die Schliessung der anderen Beratungsstellen für die BfMZ?
Piet Dörflinger: Die Ratsuchenden werden sich in Zukunft an uns wenden, beziehungsweise sie werden sich auf unserer Homepage informieren. Wobei die Beratungsstelle Zürich immer schon einen gewissen Anteil an Kontakten von ausserhalb hatte, schon wegen der längeren Öffnungszeiten und besseren Erreichbarkeit. Aber die persönlichen Beratungen haben dann in der Regel in der jeweiligen Region stattgefunden.

Erbt Ihr ausser den Ratsuchenden auch zahlende Mitglieder von den geschlossenen Beratungsstellen?
Piet Dörflinger: Hoffentlich. Bisher lässt sich das noch schwer feststellen. Wir vermuten, dass vor allem die Anfragen per Telefon und per E-Mail zunehmen werden.


Ein bisschen Wunschdenken

Zum Schluss ein bisschen Wunschdenken: Wie würdest Du gerne in fünf Jahren in der Beratungsstelle Zürich arbeiten?
Piet Dörflinger: Eine Beratungsstelle ist nur legitimiert, wenn es wirklich Probleme gibt, sie muss nicht a priori erhalten bleiben. Unter dieser Grundvoraussetzung würde ich mir wünschen, dass es in fünf Jahren eine starke Lobby für den Zivildienst gibt, zum Beispiel in Form eines ausgebauten Zivildienstkomitees, in dem sich alle Beteiligten stärker engagieren. Das würde es erlauben, die Lobbyarbeit auf mehr Hände und Köpfe zu verteilen, was unsere Infrastruktur und das Stellenbudget entlasten würde. Vielleicht könnte die Beratungsstelle auch kleiner werden, weil ein Teil der heutigen Beratungen dank besserer Aufklärung bis dahin wegfällt?

Wie und wo könnte diese bessere öffentliche Information stattfinden?
Piet Dörflinger: Auf verschiedenen Ebenen: Zum einen könnte eine starke Zivildienstlobby bessere Öffentlichkeitsarbeit machen. Und ganz klar müssten die Behörden mehr tun, wozu sie schon heute verpflichtet wären: Gibt eine Behörde einer Bürgerin oder einem Bürger Auskunft, dann hat diese zumindest korrekt zu sein - das ist heute zum Thema Zivildienst noch lange nicht der Fall. Zum Beispiel muss jeder dienstpflichtige Schweizer mit 17 oder 18 einen obligatorischen Orientierungstag besuchen, der heute von den Militärbehörden des jeweiligen Kantons in sehr unterschiedlicher Qualität durchgeführt wird. Aufgrund dieser Informationen treffen dann die jungen Männer oft weit reichende Entscheidungen, die sich im Nachhinein als falsch herausstellen. Deshalb ist es höchster Zeit, dass an diesen Anlässen wirklich korrekt, fair und umfassend über alle Möglichkeiten zur Gestaltung der Dienstpflicht orientiert wird. Hier sind in erster Linie die Kantone gefordert.

Wer ausser den politisch Engagierten und den direkt betroffenen Dienstpflichtigen hat ein Interesse am Weiterbestand der Beratungsstelle?
Piet Dörflinger: Da gibt es eine ganze Reihe: Zivildienst-Einsatzbetriebe die auf Zivi-Nachwuchs angewiesen sind (dadurch auch alle Nutzniesser ihre Dienstleistungen), Behörden und Gerichte und letztendlich auch die SteuerzahlerInnen.

Wäre auch eine direkte Finanzierung via Bund oder Kantone denkbar?
Piet Dörflinger: Dafür gibt es erst ein paar unfertige Ideen. In vielen anderen Bereichen, in denen Menschen mit dem beschaffen von Informationen oder mit Behördengängen überfordert sind, wird eine Beratungsstelle eingerichtet - entweder von den Behörden selbst oder von einem unabhängigen Trägerverein mit öffentlichen Mitteln. Ziel ist es jeweils, Probleme zu vermeiden oder zu entschärfen und somit auch Geld, Ärger und Leid zu sparen. Gleiches lässt sich auch für unseren Bereich denken. Konkret sehe ich dafür im Bereich Militär das VBS und für den Zivildienst das Volkswirtschaftsdepartement schon seit Jahren in der Pflicht, aber das steht heute noch politisch auf einem anderen Stern...

Aber für Euch wäre das vorstellbar, vom Staat finanziell unterstützt zu werden?
Piet Dörflinger: Sofern unsere Unabhängigkeit gewährleistet bleibt, wäre es denkbar. Das wäre sicher eine Gratwanderung. Konkret könnte ich mir eine Entschädigung vorstellen für unseren effektiven Aufwand in jenen Fällen, in denen wir bei einem Behörden- oder Vorgesetztenstreit als Schlichtungs- oder Ombudsstelle präventiv fungieren. Damit werden wir in gewisse Kreisen nicht auf Gegenliebe stossen, aber aus meiner Sicht sollten sich jene Organe, die für - zum Teil sogar absichtlich - diskriminierende Bestimmungen verantwortlich sind, auch an der Schadenbehebung beteiligen müssen. Es ist umgekehrt auch nicht in Ordnung, dass wir teure Spendengelder sammeln müssen und Unmengen von Gratisarbeit leisten müssen, um quasi Bundesstellen zu subventionieren! Dort wo der Bund in der Pflicht wäre und relativ einfach Abhilfe schaffen könnte in Sachen Dienstpflicht... Für die Form und den Umfang einer solche «staatlichen Kostenbeteiligung» haben wir noch kein Patentrezept.

Kannst Du ein Beispiel für eine solche Ombudsfunktion nennen?
Piet Dörflinger: Angenommen zu uns kommt jemand, der mit den Behörden im Clinch liegt wegen seiner Dienstplanung, etwa weil er weder seine Kinder nicht im Stich lassen kann noch vom Lebenspartnerin verlangen will sie solle ihre Arbeitsstelle opfern, und deshalb entschlossen ist zu verweigern. Ein solcher Fall entartet normalerweise entweder in mehrere militärisches Strafverfahren oder, falls Zivildienstbezogen vor Bundesgericht. Wenn wir uns in solchen Fällen dazwischenschalten, können wir als unabhängige Experten in aller Regel eine für alle weit günstigere Lösung finden.

Sehen die Bundesstellen das auch so? Seid Ihr für sie nicht viel mehr Sand im Getriebe?
Piet Dörflinger: Sicher gibt es beim VBS noch immer solche «Kalte Krieger»-Stimmen. Aber mittlerweile gibt es auch dort viele aufgeschlossene Menschen, die wissen, was wir machen. Und aufgrund meiner Erfahrung bin ich optimistisch: Wunder sind möglich, auch das VBS kann sich bewegen! Inzwischen gibt es ja auch in der Schweiz Offiziersgesellschaften, die sich explizit für den Zivildienst einsetzen. Und einige bürgerliche PolitikerInnen haben sich bei der Abschaffung der Gewissensprüfung explizit für die Entdiskriminierung des Zivildienstes stark gemacht.

Aber das Militär wehrt sich doch wo immer möglich gegen Einmischung von ziviler Seite?
Piet Dörflinger: Sicher, das VBS hat auch bereits vor Jahren selbst eine Ombudstelle eingerichtet. Mangels vertrauen der Hilfesuchende musste er eingestellt werden. Um eine unabhängige und faire Aufklärung sicherzustellen, wäre eine solche Stelle aber besser ausserhalb anzusiedeln.


Eine echte «Schule der Nation»

Was könnten Kantone und Gemeinden gewinnen, wenn sie sich stärker für den Zivildienst einsetzen?
Piet Dörflinger: So lange unsere Staat noch auf eine Dienstpflicht beharrt ist der Zivildienst eine Möglichkeit, in vielen Bereichen nachhaltig zu wirken. Der Zivildienst trägt wesentlich zur Bildung eines sozialen Bewusstseins bei: Je mehr Menschen das Privileg erhalten, im Rahmen des Zivildienstes soziale Verantwortung zu erleben und praktisch umsetzen, desto mehr werden dies auch in ihrem späteren Leben in Beruf und Privatleben nicht vergessen. Das ist eine Investition in unser aller Zukunft, deren Ergebnis sich heute nicht beziffern lässt. Aber ich bin davon fest überzeugt, sonst würde ich meine Arbeit nicht machen können. Es ist vielleicht ähnlich wie beim Umweltschutz, da brauchte es auch Jahrzehnte, um den Menschen begreiflich zu machen, dass wir vorsorglich handeln müssen.
Für mich wäre der Zivildienst heute ein Stein in der Bildungslandschaft, ein wesentlicher Bestandteil der Bildung von mündigen und verantwortlichen MitbürgerInnen - eine echte «Schule der Nation», um es provokativ auszudrücken! Das ist auch genau der Teil der Arbeit für den Zivildienst, der nicht sonderlich spektakulär ist. Es gelingt uns leider nur viel schwieriger diese Arbeit zu vermitteln und in Spendengelder umzusetzen, als früher etwa der Kampf eines Hungerstreikenden gegen die Wehrpflicht.

Was kann die Schweiz von Nachbarländern lernen, die schon länger und in grösserem Umfang einen Zivildienst kennen?
Piet Dörflinger: Ein bisschen Entkrampfung schadet niemandem! Positiv finde ich das Beispiel unseres Nachbarlandes Deutschland, wo der Zivildienst mittlerweile eine Selbstverständlichkeit ist. Dort muss sich niemand mehr schämen, weil er den Militärdienst verweigert. Das führt inzwischen sogar zu überraschenden Rechtsentwicklungen, etwa wenn neuerdings das Normale des «im Krieg töten dürfen» zur Diskussion gestellt wird. Ausserdem gibt es in Deutschland schon seit längerem neben dem Zivildienst auch ein freiwilliges Sozial- und Umweltjahr, das bereits recht häufig beansprucht wird.
Aber zugegeben, es wurden auch grobe Fehler gemacht beim Zivildienst. So hat Deutschland etwa den Berufsstand Pflegewesen quasi zerstört, eine Katastrophe für alle Beteiligten. Es gibt volkswirtschaftliche Studien, die belegen, dass der Einsatz von aber Tausenden von «Zivis» im Pflegebereich unter dem Strich gar nicht billiger ist, sondern eher teurer, wenn man die gesellschaftlichen Gesamtkosten betrachtet.

Piet Dörflinger ist seit Januar 2006 Stellenleiter der Zürcher Beratungsstelle für Militärverweigerung und Zivildienst. Das Gespräch fand Mitte Juni 2009 statt, die Fragen stellte Detlev Bruggmann.


BfMZ: Die Lage bleibt dramatisch

Die Beratungsstelle für Militärverweigerung und Zivildienst (BfMZ) startete im November 1981 an der Köchlistrasse in Zürich und war die erste professionell betriebene Einrichtung ihrer Art in der Schweiz. Erster angestellter Berater für Militärverweigerer war Ruedi Hotz. Jetzt kämpft die BfMZ als letzte verbliebene Beratungsstelle der Deutschschweiz mit grossen finanziellen Schwierigkeiten. «Wenn nicht innert Kürze Geld auf unser Postcheckkonto eingeht, müssen wir den Laden dicht machen und den Verein auflösen, weil wir die laufenden Rechnungen und die ohnehin schon geringen Löhnen nicht mehr bezahlen können,» hiess es Anfang Juni in der letzten Ausgabe der «zivilcourage», dem Publikationsorgan der BfMZ.
Als Reaktion auf den Hilferuf der Beratungsstelle und auf verschiedene Medienberichte sind bis Ende Juni 2009 einige Nothilfespenden eingegangen. Damit kann die BfMZ voraussichtlich noch zwei bis drei Monate überleben. Weitere Spenden werden dringend benötigt: BfMZ, Postfach 9777, 8036 Zürich, Postcheckkonto 80-30876-3

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