friZ 2/2009

«Auf der Suche nach dem Menschen bin ich zum Schreiber geworden.» Es ist wahr: Die Suche nach dem Menschen, nach Menschlichkeit und Menschenwürde war das Grundthema von Alfred Häslers Leben. Von Werner Kramer

Alfred A. Häsler zum Gedenken

Alfred Häsler war ein Mensch mit vielen Gaben, sein Wesen hatte viele Facetten: Da ist der in der bäuerlichen Welt des Berner Oberlandes verwurzelte Mensch. Da sind die Jahre der Schriftsetzerlehre in der Nazizeit, die ihn hellhörig und kritisch machen. Da ist der Sechzehnjährige, der vom Friedenspathos von Leonhard Ragaz beeindruckt sich vom Pietismus seiner Mutter weg dem Religiösen Sozialismus zuwendet. Er verbindet Gegensätzliches in sich: die Teilnahme am Aktivdienst und den Pazifismus.

Gelebte Solidarität

Schicksalshaft wird der Wunsch, sich für den politischen und sozialen Wiederaufbau im Nachkriegseuropa einzusetzen. Im Frühjahr 1944 muss er in der Genossenschaftsdruckerei in Zürich den Prospekt für einen «Schulungskurs für fürsorgerische Hilfskräfte in der Nachkriegszeit» setzen. Da meldet er sich gleich selbst an. Hier entstehen Freundschaften mit Juden, Sozialisten, Kommunisten, Flüchtlingen aus Osteuropa. Unmittelbar nach Kriegsende reist er nach Jugoslawien. Dort lernt er Verfolgte und Widerstandskämpfer kennen, die jetzt eine neue, sozialistische aber freie Gesellschaft aufbauen wollen. Zurück in der Schweiz wird Alfred Häsler Geschäftsführer der «Koordinationsstelle für Nachkriegshilfe» (Koost) in den von der offiziellen Schweizerspende benachteiligten Ostländern. In Polen begegnet er Zofia Pawliszewski, Abteilungsleiterin der polnischen Frauenliga, die er 1948 in Warschau heiratet.

Vergiftete Nachkriegszeit

Der aufkommende Kalte Krieg vergiftet die Verhältnisse: Wer dem Osten hilft, Kontakte mit Sozialisten und Kommunisten hält, selber Mitglied der PdA ist, gilt in der Schweiz als Verräter. Unheimliche Patrioten, ehemalige Nazisympathisanten, werden zu Kommunistenjägern. Anschuldigungen wegen ungetreuer Geschäftsführung und Veruntreuungen in der Koost werden konstruiert. Auch Afred Häsler wird im so genannten Woog-Prozess1 zu einer Gefängnisstrafe bedingt verurteilt. Damit ist seine Existenz vernichtet. Er verliert seine Arbeitsstelle, die Wohnung wird gekündigt. Er lebt mit seiner jungen Frau und der kleinen Tochter in einem Zimmer und muss froh sein, sich in der städtischen Suppenküche ernähren zu können. Dass er wieder Fuss fassen kann, verdankt er seinem schriftstellerischen Können und dem Inland- und dem Chefredaktor der unabhängigen Tageszeitung Die Tat2.

«Das Boot ist voll»

1967 erscheint Alfred Häslers Buch «Das Boot ist voll. Die Schweiz und die Flüchtlinge 1933-1945»3. Eben ist es in 10. Auflage neu erschienen und erschreckend aktuell angesichts der Verschärfung unserer Asyl- und Ausländergesetzgebung. Das Buch macht Alfred Häsler zu einer moralischen Instanz. Ehrungen werden ihm zuteil: Ehrendoktorwürde, Honorary Fellow der Hebrew University, Nanny und Erich Fischhof-Preis. Aber er ruht sich nicht aus auf diesen Lorbeeren. Er bleibt wach, sein Gewissen geschärft. Verfemte, diskriminierte Minderheiten finden in ihm einen Fürsprecher. Über viele Jahre ist er neben Sigi Feigel Vordenker der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz. Unbestechlich, wahrhaftig, authentisch.
Die letzte Lebensphase verbringt er im Drusberghaus in Witikon, bewundernswert seine innere und äussere Haltung. Wohl breitet sich der Nebel des Nicht-mehr-Erinnerns mehr und mehr aus. Aber klar und plastisch bleiben die Bilder aus seiner Kindheit und das Bewusstsein, dass menschliches Leben in Frieden mündet.
Ich selber bin dankbar, dass Alfred Häsler zu einem Leitstern für die Wegfindung meines eigenen Lebens geworden ist.

Werner Kramer war Ordinarius für Praktische Theologie an der Universität Zürich und ist Ehrenpräsident der Gesellschaft Minderheiten Schweiz.

Fussnoten

  1. Edgar Woog, Buchhändler und Mitbegründer der Schweizerischen Partei der Arbeit (PdA), wurde 1946 in den Zürcher Stadtrat gewählt. Schon nach kurzer Zeit wird gegen ihn ein Amtsenthebungsverfahren wegen Veruntreuung und Betrug bei der damaligen «Koordinationsstelle für Nachkriegshilfe» (Koost) angestrengt.
  2. Die Tat (1935-1978) wurde Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler und dem späteren Landesring der Unabhängigen gegründet. Sie erschien zu Beginn als Wochenzeitung, ab 1939 als Tageszeitung.
  3. Alfred A. Häslers «Das Boot ist voll. Die Schweiz und die Flüchtlinge 1933-1945» ist als Diogenes-Taschenbuch erhältlich (Nr. 21699, ISBN 9783257216998, Fr. 18.-)

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