friZ 2/2009

Nach zwanzig Jahren Bürgerkrieg ist die Lage für die Menschen in Somalia noch immer bedrohlich. Mit dem somalischen Flüchtling Bashir Gobdon sprach Heinrich Frei

«Wir wissen nicht, was kommt»

Was halten Sie von der heutigen Situation in Somalia: Werden sich die verschiedenen Gruppierungen einigen? Ist eine Aufstockung der Uno-Truppen sinnvoll?
Bashir Gobdon: Im Moment bewachen die Uno-Truppen nur den Hafen, den Flughafen und die Ministerien der Regierung in Mogadiscio. Wir müssen abwarten. In den nächsten Monaten werden wir sehen, in welche Richtung es geht. Die Bevölkerung will Ruhe und Ordnung zurückhaben, denn sie hat in den letzten zwei Jahren Schlimmes erlebt.

Aber die heutige Regierung steht nicht auf der Seite der Warlords?
Bashir Gobdon: Nein, die gegenwärtige Regierung ist eine machtlose Regierung. Sie hat zwar den Willen der Bevölkerung umgesetzt, die den Abzug der äthiopischen Soldaten verlangt hat. Sharif Sheikh Ahmed verhandelte deshalb letztes Jahr mit der vorherigen Übergangsregierung von Abdullahi Yusuf und setzte den Abzug der Äthiopier durch (sie Artikel Seite 9). So ist er an die Macht gekommen, aber seine Regierung hat keine Mehrheit unter den Islamisten. Sharif Sheikh Ahmed müsste mit seinen ehemaligen Verbündeten Kontakt aufnehmen und mit ihnen zusammenarbeiten, statt gegen sie zu kämpfen.

Sharif Sheikh Ahmed war einer der Führer der Union der islamischen Gerichte, die das Land 2006 kurze Zeit kontrolliert haben?
Bashir Gobdon: Ja, aber inzwischen verfolgt er eine andere Strategie. Er hat gesehen, wie die äthiopischen Truppen die Union mit Waffengewalt verdrängten. Daraufhin hat er im vergangenen Jahr eine andere Politik versucht, nicht mehr Gewalt gegen Gewalt. Er hat mit Abdullahi Yusuf vereinbart, dass die Äthiopier vier Monate später aus Somalia abziehen sollten. Einmal an der Macht, hat Sharif Sheikh Ahmed aber damit begonnen, seine persönliche Macht zu zementieren und seine früheren Verbündeten aussen vor gelassen. Jetzt muss er beweisen, dass er mit seinen früheren Freunden wieder zusammenarbeiten will. Er kann nicht nur in der Regierung sitzen ohne Macht.

Glauben Sie, dass sie sich einigen werden?
Bashir Gobdon: Das ist offen. In den nächsten Monaten werden wir mehr wissen, z.B. wer an den Friedensgesprächen teilnimmt und wer sich weigert.

Eine Bedingung der Islamisten wurde bereits erfüllt: die Einführung des islamischen Rechtes, der Scharia, durch das Parlament und die Regierung.
Bashir Gobdon: Genau. Das ist jetzt erfüllt, aber dies muss auch gezeigt werden. Die Scharia ist nicht nur ein Wort. Die Menschen, die andere ermordet haben, müssen zur Rechenschaft gezogen werden, möglichst bald. Es muss gezeigt werden, dass wieder das Recht in Somalia einzieht.

Ist die Ausbildung der Mädchen und Frauen nicht in Gefahr, wenn in Somalia die Scharia eingeführt wird?
Bashir Gobdon: Man kann Somalia nicht mit Afghanistan oder mit Saudi-Arabien vergleichen. Jedes Land hat eine eigene Kultur, eine eigene Mentalität, sein eigenes Schicksal. Die Scharia sichert, dass jeder Mensch zu seinem Recht kommt. Das ist kein Problem. Die entscheidende Frage ist: Wer leitet die Scharia? Es ist eine Frage der Menschen. Jede Regierung macht Fehler, genau so ist es bei der Scharia. Aber das hat nichts mit der Scharia an sich zu tun. Jeder kommt mit der Scharia zu seinem Recht, ob er nun eine Frau oder ein Mann ist, ob gesund oder krank. Wenn es schief geht, liegt es an den Menschen, nicht am Propheten.

Wäre der Abzug der Uno-Truppen aus Somalia im jetzigen Zeitpunkt sinnvoll?
Bashir Gobdon: Dies kommt erst, wenn sich die beiden Parteien geeinigt haben.

Weil sich die heutige Regierung auf diese Uno-Truppen stützt?
Bashir Gobdon: Genau. Weil die heutige Regierung keine Kontrolle über das Land hat. Der grösste Teil des Landes ist in der Hand der Islamisten. Alle müssten sich einigen.

Auf unsere Aufforderung hin schilderten verschiedene Sekundarschüler und Schülerinnen in Merka ihre Situation und ihre Zukunftspläne (s. Randspalte). Fast alle wollen an einer Universität studieren - ist das realistisch?
Bashir Gobdon: In der somalischen Kultur ist dies normal, realistisch. Jeder träumt von irgendeinem Universitätsabschluss. Die frühere Regierung hat alles bezahlt, bis zur Universität.

Sie meinen unter Siad Barre, dessen Sturz 1991 der Beginn des somalischen Bürgerkrieges war?
Bashir Gobdon: Ja, und diese Träume studieren zu können, bestehen heute noch. Viele haben damals auch im Ausland studiert. In Mogadiscio und Umgebung gibt es noch immer einige Universitäten, aber die sind privat. Dort muss man bezahlen, das Studium ist nicht mehr gratis wie zu Zeiten Siad Barres. Es gibt auch Menschen die dank der finanziellen Unterstützung von Angehörigen im Ausland ein Studium in Mogadiscio absolvieren können. Es gibt solche Abmachungen mit Verwandten im Ausland: Du bleibst in Somalia und ich zahle dir dafür das Studium.

Könnten die jungen SomalierInnen nicht auch einen Beruf lernen? Zum Beispiel bei einem Schreiner oder in einer Autoreparaturwerkstätte?
Bashir Gobdon: Das Problem ist, dass die meisten dieser Werkstätten Familienbetriebe sind. Wer dort arbeitet, ist als Familienmitglied zum Beruf gekommen. In diesen Betrieben werden keine Personen von ausserhalb geschult. Vielleicht wird dies in Zukunft möglich werden, wenn das Land stabiler wird. Aber heute bleibt für die meisten gezwungenermassen der Traum von einer höheren Bildung.

Das Ambulatorium, die Primar- und Sekundarschule und die Reinigungsequipen von New Ways in Merka, mit 94 Angestellten, sind heute fast vollständig von den Geldüberweisungen des Fördervereins abhängig. Die Einnahmen, die sie selber erwirtschaften, sind gering. Im letzen Jahr waren es immerhin 10000 US-Dollar. Wie siehst du dies in Zukunft? Gibt es eine Möglichkeit, dass die SomalierInnen diese Einrichtungen einmal selbst finanzieren?
Bashir Gobdon: Wir haben keine andere Möglichkeit. Möglich wäre in Somalia höchstens die Privatisierung der Einrichtungen. Das wäre ein Weg.

Das hiesse, dass die SchülerInnen und PatientInnen bezahlen müssten?
Bashir Gobdon: Ja, das wäre ein Weg.

Das könnten sich die Armen nicht leisten, sie würden keine medizinische Versorgung erhalten und ihre Kinder könnten sie nicht in die Schule schicken?
Bashir Gobdon: Ja, das wäre möglich, aber wir wissen nicht was kommt. Wir wissen auch nicht, ob wir hier mit unserem Verein in der Schweiz in Zukunft genügend Geld auftreiben können, um die Einrichtungen in Merka weiter zu unterstützen. Wir unterstützen diese Einrichtungen in Merka seit vielen Jahren, auch nach dem Tod der Gründerin Vre Karrer. Darauf können wir stolz sein. Aber wir können die Probleme Somalias nicht lösen, heute nicht und morgen nicht. Wir machen, was wir können.

Zum Schluss eine ganz andere Frage: Ist es sinnvoll, dass die Schweiz Soldaten in den Golf von Aden schickt, um Schiffe vor Piraten zu schützen?
Bashir Gobdon: Das bringt nicht viel, ob die Schweizer da nun mitmachen oder nicht. Solange die Probleme in Somalia nicht gelöst sind, lassen sich auch die Probleme auf dem Meer nicht lösen. In Somalia sind Millionen Menschen arbeitslos. Ein paar von ihnen riskieren es, dort bei den Piraten mitzumachen. Aber das Problem sind nicht nur die Seeräuber. Wir haben auch ein Flüchtlingsproblem. Jeden Monat ertrinken 300 oder 400 Menschen auf der Flucht nach Jemen oder im Mittelmeer vor Libyen. Davon spricht man nicht. Solange die Situation in Somalia so schlecht ist, werden die Menschen weiter flüchten. Viele riskieren aber ihr Leben, nur schon um nach Libyen zu gelangen. Irgendwann hören die einen Angehörigen dann vielleicht: «Ich bin schon in Rom.» Hunderte von Verwandten, Nachbarn und Schulkollegen denken dann: Wir flüchten auch. Aber von denen, die auf der Flucht umgekommen sind, hören die anderen nichts.
Bei den Piraten mitzumachen und Millionen zu verdienen, das ist der grosse Traum. Und durch die BBC-Informationen, in denen jetzt ständig von Piraten die Rede ist, werden die Leute geradezu animiert dazu. Sie denken, sie finden so eine Arbeit. Ich habe erst kürzlich von einer Frau gehört, deren Sohn plötzlich verschwand - drei Tage später fiel amerikanischen Soldaten im Einsatz gegen die Piraten in die Hände. Er war erst 19 Jahre alt, jetzt wird er in den USA vor Gericht gestellt.

Aus welchen Gebieten Somalias kommen die Piraten?
Bashir Gobdon: Es sind vor allem zwei oder drei Ortschaften in Puntland im Norden Somalias, wo sich die Stützpunkte der Piraten befinden. Dort könnten die Somalier das Problem lösen, nicht die Europäer, aber es wäre auch für sie sehr schwierig. Die Piraten sind dort vernetzt mit den örtlichen Machthabern. Es funktioniert wie die Mafia in Italien: Sie haben Geld und Waffen und die lokalen Clans machen mit. Es sind nur drei oder vier Gruppen, die an der Piraterie beteiligt sind, die dies riskieren können. Die Regierung in Puntland bekommt vielleicht ein Teil der erpressten Lösegelder. Es gibt Gerüchte, dass die Piraten aus Kenia Informationen über lohnende Schiffe erhalten. Denn für die Piraten selbst ist es unmöglich zu wissen, welche Schiffe gerade wo sind und welchen Kurs sie einschlagen. Hinter dieser Piraterie in Somalia steckt eine internationale Mafia.

Bashir Gobdon war 1988 einer der ersten Somalier, der in der Schweiz Asyl suchte. Heute ist er einer von mehr als 5000 SomalierInnen in der Schweiz. Er lebt in Zürich und engagiert sich im «Förderverein Neue Wege in Somalia». Das Interview fand anlässlich der Generalversammlung des Fördervereins im Mai 2009 statt. Mit Bashir Gobdon sprach Heinrich Frei.

Merka

Der «Förderverein Neue Wege in Somalia», gegründet von Vre Karrer, betreibt in Merka südlich der somalischen Hauptstadt Mogadiscio ein Ambulatorium und eine Primar- und Sekundarschule mit über 1000 Schülern.
HYPERLINKAm 18. November 2008 wurde Mohamed Roble, der Leiter des Hilfswerks New Ways, in Merka angeschossen. Er konnte nach Nairobi ausgeflogen werden, wo ihm auf der Intensivstation eines Spitals ein Auge entfernt werden musste. Inzwischen konnte Roble das Spital verlassen. Ob er nach Merka zurückkehren und dort wieder arbeiten kann, ist noch unklar. Zurzeit wird das Hilfswerk New Ways interimistisch vom Sekundarlehrer Abdullahi Ali Mohamed geführt. Die Schüler der Primar- und Sekundarschule können wie gewohnt zur Schule gehen und im Ambulatorium finden weiter jeden Tag Dutzende von Menschen Hilfe.
Förderverein Neue Wege in Somalia, Homepage: www.nw-merka.ch. Spendenkonto: Hilfe für Somalia, Postcheckkonto 80-53042-7


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