friZ 2/2009

Weshalb sollen sich Regierungen mit lästigen KriegsteilnehmerInnen herumschlagen, wenn sie Konfliktbewältigung auch auslagern können? Zum Beispiel beim Centre for Humanitarian Dialogue in Genf. Von William Dowell

Die Genfer FriedensmacherInnen

Das Centre for Humanitarian Dialogue (Zentrum für Humanitären Dialog) oder kurz HD Centre ist eine von ganz wenigen Adressen weltweit, an die man sich wendet, um zum Beispiel Verhandlungen mit Piraten in Somalia oder mit einer Rebellenarmee im Sudan in Gang zu bringen. Das HDC ist Teil eines neuen Trends: die Vermittlung in heissen Konflikten, an denen oft anstössige Typen beteiligt sind, wird zunehmend ausgelagert.

«Andere machen in Peacebuilding,» sagt Martin Griffiths, ehemaliger stellvertretender Generalsekretär für Humanitäre Angelegenheiten der Uno, der das HD Centre seit der Gründung vor zehn Jahren leitet. «Wir beschäftigen uns mit Peacemaking.»
Die Organisation lieferte zum Beispiel wesentliche Grundlagenarbeit für die erfolgreichen Verhandlungen zwischen der indonesischen Regierung und der Separatistenbewegung Freies Aceh (Gerakan Aceh Merdeka, kurz GAM), welche die Konkurrenz von der Crisis Management Initiative des früheren finnischen Präsidenten Martti Ahtisaari im Jahre 2005 zu Ende führte.

Erst kürzlich unterstützte HD Centre den früheren UN-Generalsekretär Kofi Annan bei seinen Bemühungen, die blutigen Krawalle in Kenia zu beenden. Und anfang Mai dieses Jahres war die Organisation Gastgeber eines Treffens von lokalen Beamten aus Pakistans turbulenter Nordwestprovinz mit UN-Verantwortlichen und ausländischen Geldgebern in Genf.
Zurzeit ist das HD Centre an mindestens vier Verhandlungsprozessen aktiv beteiligt, über die es Stillschweigen bewahren muss. Daneben hält es weitere Beratungsmandate für Konfliktsituationen im Tschad, in Darfur, auf den Philippinen, in Osttimor und in Thailand.

Schweizer Dilemma als Geburtshilfe

Am Anfang des HD Centre, das im August 1999 seinen Betrieb aufnahm, stand ein politisches Dilemma der Schweiz. Das Land war wegen seiner fixen Idee von der Neutralität weder in der EU noch in der Uno dabei, wollte aber trotzdem Einfluss nehmen auf das Weltgeschehen, ohne dafür einer formellen internationalen Organisation beitreten zu müssen. Die Lösung, die das Land wählte, bestand in der Gründung verschiedener Think-Tanks, um Debatten über internationale Politik in die Schweiz zu holen. Martin Griffiths wurde zusammen mit einer kleinen Gruppe von Kollegen eingeladen, ein Zentrum aufzubauen, das sich mit Fragen humanitärer Politik befassen sollte.

«Uns allen war rasch klar,» sagt Griffiths, «dass wir nicht ein weiteres Politikinstitut brauchten. Die kritischen Punkte waren humanitärer Zugang und Mediation.» Von dieser Einsicht war es nur noch ein kleiner Schritt bis zum Aufbau einer Institution für Konfliktmediation. Griffiths Erfahrung in der Uno hatte ihn gelehrt, dass die Vereinten Nationen oft von der Politik am Handeln oder Veröffentlichen einer Analyse gehindert wurde. Eine private NGO dagegen, die keine politische Verpflichtungen hat, kann dies problemlos. Die Uno und andere Akteure könnten sich an eine solche Organisation wenden, um die ihnen auferlegten politischen Fesseln zu sprengen. Bei der Lösung des jahrzehnte alten Konflikts um Aceh war dies offensichtlich der Fall.

Der Fall Aceh

Der amerikanische Energiekonzern Exxon bohrte vor der Küste von Aceh nach Öl, was die USA zu einem Interessenvertreter im Konflikt machte. Die Bewegung Freies Aceh (Gerakan Aceh Merdeka, kurz GAM) forderte die Uno auf, zu vermitteln. Die indonesische Regierung in Jakarta, selbst Mitglied der Uno, weigerte sich strikt, die Vereinten Nationen als Unterhändler zu akzeptieren. Als Kompromiss sprang schliesslich das HD Centre ein.
Schliesslich wurde ein Waffenstillstand vereinbart, der aber bald schon von Teilen der indonesischen Armee gebrochen wurde; diese glaubten noch immer, die Überreste der Befreiungsbewegung vernichten zu können. Martin Griffiths war enttäuscht, aber nicht sonderlich überrascht. «Konfliktlösungsarbeit erreicht selten in kurzer Frist ein Friedensabkommen,» sagt er. «Bei Konfliktlösung geht es vor allem um Vertrauensbildung und die Beziehungspflege, die dann irgendwann ein erfolgreiches Abkommen möglich machen.»

Visite mit Folgen

Der oben erwähnte Besuch der pakistanischen Provinzverantwortlichen ist ein Beispiel dafür. Im Moment ist es offensichtlich noch zu früh, um direkt mit den im Aufstieg begriffenen Taliban in Pakistan zu verhandeln. Aber der Besuch in Genf erlaubte es UN-VertreterInnen informelle Gespräche mit untergeordneten pakistanischen Beamten zu führen, die im Alltag direkt mit den Taliban zu tun haben. Der Besuch nützt den KonfliktlösungsexpertInnen, um die Herausforderungen und Chancen in diesem Konflikt besser und frühzeitig zu erkennen.

In einer Diskussion mit einigen der mitgereisten Reporter erklärte Zamir Akram, pakistanischer Uno-Botschafter in Genf, dass sein Land eine Reihe von Problemen mit den USA habe. Auf meine Frage, ob Obama eine Veränderung bedeute, blaffte er zurück: «Wir sehen's nicht. Sie (die Regierung Obama) sprechen über Veränderung, aber sie bombardieren weiterhin unser Territorium und schicken Drohnen... Falls es ihnen dabei gelungen ist, irgend jemand wichtiges zu töten, dann haben sie uns das bisher nicht mitgeteilt.»

Steigende Nachfrage

Weil weltweit immer mehr Warlords und Guerillagruppen auftauchen wird die Nachfrage nach Organisationen wie das HD Centre als neutrale Vermittlung steigen. Dennis McNamara, HDC's Chefberater für humanitäre Fragen und früher selbst Uno-Angestellter beobachtet: «Die Uno hat enorme Schwierigkeiten beim Umgang mit nichtstaatlichen Akteuren, wenn keine Regierung als Verhandlungspartner vorhanden ist.»
Martin Griffiths erklärt, das Gastgeberland Schweiz habe bisher solide Unterstützung geboten: «Wir hatten einige extrem zwielichtige Gestalten zu Gespräche hier, und die Schweiz hat grossartig mitgemacht.»

Griffiths erwartet in der Zukunft ganz klar einen Ausbau seiner Organisation. «Es ist bemerkenswert, wie schlecht die meisten innerstaatlichen Konflikte gemanagt werden,» sagt er. «Wenn Staaten und bewaffnete Gruppierungen vernünftige Ratschläge von Leuten erhalten könnten, denen sie vertrauen, und wenn wir Teil einer Entwicklung sein könnten, um diese Entscheidungen vernünftiger zu machen, dann werden wir das tun.»
Das Budget des HD Centre beträgt rund 20 Millionen Franken jährlich und wird vor allem von europäischen Regierungen bestritten, darunter Norwegen, Schweden, Dänemark, Grossbritannien und die Schweiz. Auch Zahlungen der USA gab es in der Vergangenheit, sie wurden aber unter der Regierung Bush weitestgehend gestoppt. Dies vor allem, weil amerikanische Aktivitäten unter Präsident George W. Bush für einen Grossteil der Welt inakzeptabel waren. Ausserdem geht es dabei auch um Neutralität: «Ich glaube nicht, dass wir für ein Pakistan-Projekt amerikanisches Geld wollten,» erklärt Martin Griffiths, fügt aber hinzu, dass US-Mittel für andere Programme willkommen sein könnten.

William Dowell ist Europa-Korrespondent der Internet-Nachrichtenagentur GlobalPost. Sein Spezialgebiet sind Nichtregierungsorganisationen weltweit. Der Originaltext erschien am 2. Juni 2009 unter dem Titel «Orchestrating Peace» online: www.globalpost.com/dispatch/ngos/090602/conducting-peace-negotiations
Übersetzung: db

HD Centre

Das Zentrum für humanitären Dialog, englisch Centre for Humanitarian Dialogue oder kurz HD Centre (HDC), ist eine in Genf ansässige, unabhängige und unparteiliche humanitäre Organisation. Hauptziel der als private Stiftung organisierten Einrichtung ist die Verhinderung und Beendigung von Kriegen und bewaffneten Konflikten sowie die Linderug des damit verbundenen Leids durch Vermittlung und direkte Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien. Das Zentrum ging 1999 aus dem 1965 gegründeten Henry-Dunant-Institut hervor.

Homepage (englisch): www.hdcentre.org


Inhaltsübersicht nächster Artikel