FriZ 1/2007

Dass es der Schweiz gelang, sich aus zwei Weltkriegen herauszuhalten, hat zu einer mythologischen Überhöhung der Neutralität geführt. Damit wird der Blick auf Realitäten verstellt. Von Ruedi Tobler

«Immerwährende Neutralität» – ein Mythos

Das vergangene Jahrhundert ist wohl das gewalttätigste in der Geschichte Europas, sind doch in dieser Zeit zwei Weltkriege von diesem (Sub-)- Kontinent ausgegangen. Der Schweiz ist es gelungen, sich aus beiden heraus zu halten und sie ohne militärische Besetzung zu überstehen, was keineswegs selbstverständlich war. Dies hat zu einer mythologischen Überhöhung der Neutralität geführt, die auch auf frühere Zeiten projiziert und als «immerwährend» überhöht wird.

Anstelle von Machtpolitik Geschäft mit Krieg, ...

Nachdem das Bündnis der «Eidgenössischen Orte» im 16. Jahrhundert bei Marignano eine blutige Niederlage erlitten hatte, verzichtete es fortan auf Eroberungskriege1, war aber an praktisch allen Kriegen in Europa durch Söldnertruppen beteiligt. Krieg wandelte sich so für die Schweiz schon früh von Machtpolitik zum Geschäft, an dem sich eine kleine wohlhabende Schicht bereicherte (die «Abzocker» von damals?). Diese Tradition hat sich in der Form des Exports von Kriegsmaterial bis heute gehalten.

...Kolonialismus und Sklaverei

Dem frühen Ende der Eroberungspolitik, der Kleinstaatlichkeit und wohl auch ihrer Binnenlage in Europa verdankt es die Schweiz, dass sie kein Kolonialstaat geworden ist. Was aber nicht bedeutet, dass sie nicht am Kolonialismus beteiligt gewesen wäre. Auch hier ist ein ähnliches Muster wie beim Krieg zu beobachten. Die «Drecksarbeit» (Eroberung und Machterhaltung) überliess die Schweiz den Kolonialmächten («selbstverständlich» kämpften in Kolonialkriegen auch Schweizer Söldner), aber aus der Schweiz beteiligten sich viele Personen und Firmen am Geschäft mit und in den Kolonien. Die Schweizer Beteiligung am Sklavenhandel ist erst in der letzten Zeit zum Thema geworden.2

Männerbund statt Demokratie

Noch immer wird der Mythos hoch gehalten, die Schweiz sei die älteste Demokratie der Welt. Dabei musste die Abschaffung der Untertanengebiete und republikanische Staatsform in vielen Kantonen von einer «fremden Macht», Napoleons Truppen, mit militärischer Gewalt durchgesetzt werden. Und all dies war in der Restaurationszeit wieder in Frage gestellt. Erst nach einem – allerdings nicht sehr blutigen – Bürgerkrieg kam es 1848 zur Gründung des Bundesstaates, der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Bis sie sich zur Demokratie mit Stimmrecht für alle erwachsenen StimmbügerInnen mauserte, dauerte es bis 1971.3

Neutralität: Friedensliebe oder Legitimation für Aufrüstung?

Am Wiener Kongress 1815, schon vor der Gründung des Bundesstaates, wurde die militärische Neutralität der Schweiz von den europäischen Grossmächten anerkannt oder auferlegt.4 Ist sie deshalb ein besonders friedlicher Staat? Oder ist auch dies ein Stereotyp?
Ein Staatszweck ist die Neutralität jedenfalls bis heute nicht. Und so lange Eroberung noch irgendwie eine militärische Option war, wurde sie auch vertreten, wie nicht etwa kritische Historiker der jungen Generation herausgefunden haben, sondern der ehemalige Oberstkorpskommandant Alfred Ernst zu Beginn der Siebzigerjahre dokumentierte.5 Am 11. Juli 1958 gab der Bundesrat die Grundsatzerklärung ab: «Die Armee braucht zur Erfüllung ihres Auftrages die wirksamsten Waffen. Dazu gehören Atomwaffen.» Das erscheint heute skurril, aber noch am 1. April 1962 hat dem eine Mehrheit von 65,2 Prozent der stimmenden Schweizer Männer, getragen von den bürgerlichen Parteien, zugestimmt und die Verankerung eines Atomwaffenverbots in der Bundesverfassung abgelehnt. In der Zeit des Kalten Krieges hat die Schweiz mit der Neutralität als Legitimation eine der grössten Armeen in Europa aufgebaut. Und erst seit zehn Jahren können Militärdienstpflichtige nach Bestehen einer Gewissensprüfung einen Zivildienst von anderthalbfacher Dauer des Militärdienstes leisten.6 Nach der Annahme einer geänderten Motion von Nationalrat Heiner Studer gerät nun wahrscheinlich die Gewissensprüfung ins Wanken (s. Seite 7 dieser friZ).

Mitgestaltung der Nachkriegsordnung nach dem Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg wurde für die Schweiz in zweifacher Hinsicht zu einer Zerreissprobe. Zum einen waren die Sympathien deutlich nach Sprachgebieten geteilt: in der Deutschschweiz für die Mittelmächte (Deutschland, Österreich), in der Romandie und im Tessin für die Alliierten (Frankreich, England, etc.). Zum andern wuchsen die sozialen Spannungen, die im «Landesstreik» vom November 1918 kulminierten, dessen Abbruch die Regierung mit Hilfe der Armee erzwang.
Dass die Schweiz militärisch nicht in den Weltkrieg hinein gezogen worden war, versperrte bei den politisch Verantwortlichen nicht den Blick darauf, dass für die Schweiz als Kleinstaat eine internationale Rechtsordnung mit kollektiver Sicherheit vorteilhafter war als eine formal uneingeschränkte Souveränität.7 Mitgespielt hat auch die Angst vor einem sozialistischen Umsturz, gegen den man sich im Schosse der Völkergemeinschaft besser gewappnet fühlte. (Die militärische Reaktion auf den Generalstreik mit seinen «reformistischen» und keineswegs revolutionären Forderungen war auch aus dieser Angst motiviert.)
Deshalb setzte sich der Bundesrat aktiv für die Schaffung des Völkerbundes ein, die Schweiz entwickelte sogar ein Modell der kollektiven Sicherheit, das über jenes hinaus ging, das schliesslich beschlossen wurde. Der Beitritt zum Völkerbund wurde von den Sozialisten und Kommunisten bekämpft, aber in der Volksabstimmung vom 16. Mai 1920 mit 56,3 Prozent Ja-Stimmen angenommen. Das Ständemehr wurde nur ganz knapp erreicht; den Ausschlag gab das knappe Ja in Appenzell Ausserrhoden.

Internationale Absenz nachdem Zweiten Weltkrieg

Im Gegensatz dazu hat die Schweiz am Ende des Zweiten Weltkrieges den Einstieg in die internationale Nachkriegsordnung gründlich verpasst. Es war ihr gelungen, ihre staatliche Eigenständigkeit auch durch diese Kriegszeit hindurch aufrecht zu erhalten. Dies in erster Linie dank einer intensiven wirtschaftlichen Verflechtung mit den Achsenmächten.8 Um dafür nicht zur Verantwortung gezogen zu werden, wählte die Schweiz die aussenpolitische Isolation und stand sowohl beim Europarat wie bei der Uno abseits.
So war sie auch an der Entwicklung des internationalen Menschenrechtsschutzes nicht beteiligt.9 Zur Legitimation wurden «Neutralität» und «Souveränität» mythisch überhöht und zugleich die internationalen Institutionen (Europarat, später die EU und vor allem die Uno) und ihre Arbeit (inkl. die internationalen Menschenrechtsverträge) als unbedeutend bis schädlich schlecht gemacht und jedenfalls als Gefahr für den schweizerischen Sonderfall dargestellt.

Hinwendung zum«westlichen» Europarat

Als sich gegen Ende der 50er-Jahre eine völlige Isolation in Westeuropa anbahnte, suchte der Bundesrat den Anschluss an den Europarat. Mit dieser Umorientierung konnte im Zeichen des Kalten Krieges die Zugehörigkeit zum «Westen» demonstriert werden. Innert kurzer Zeit konnte zu Beginn der 60er-Jahre die Ablehnung in eine Befürwortung gewendet werden, mit der bemerkenswerten Argumentation, der Europarat habe sich verändert – und nicht etwa die Schweizer Haltung. So wurde 1963 der Beitritt der Schweiz zum Europarat möglich.10
Bis zur Ratifikation der Europäischen Men-schenrechtskonvention EMRK dauerte es allerdings noch mehr als ein Jahrzehnt, bis 1974.11 1976 unterzeichnete der Bundesrat die Europäische Sozialcharta, zur Ratifikation durch das Parlament ist es bis heute nicht gekommen.12 Das ist typisch für die hierzulande vorherrschende Einstellung gegenüber den Sozialrechten.13

Massive Aufrüstung im Kalten Krieg

Aus Sicht der Militärs war die im Zweiten Weltkrieg verfolgte Reduit-Strategie14 eine Katastrophe, bestand sie doch darin, den Grossteil der Bevölkerung und des wirtschaftlichen Potentials kampflos dem allfälligen Angreifer zu überlassen – eine Kapitulation bereits vor dem möglichen Kriegsbeginn. Das sollte sich nie mehr wiederholen.
Der Kalte Krieg lieferte eine zusätzliche Legitimation für den Aufbau der Gesamtverteidigung15 in den 50er- bis 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Die gesamte Zivilbevölkerung sollte im Kriegsfall unter dem Boden zum Verschwinden gebracht werden, um der Armee die Kriegführung auch in den dicht besiedelten Gebieten des Mittellandes zu ermöglichen. Parallel dazu wurde eine Grossmachtarmee im «Taschenformat» aufgebaut. Die Idee einer eigenen Atomwaffe entstand auch aus der absurden «Wunschvorstellung», jedem militärischen Gegner gewachsen zu sein. Eine kritische Haltung zu dieser Vorstellung von Landesverteidigung wurde mit Landesverrat gleichgesetzt. Entsprechend wurden alle armeekritischen Kreise überwacht, wie 1989 mit der Fichenaffäre offiziell bekannt wurde.16

Neutralität als Überlebenssicherung?

Der Umstand, dass die Schweiz als neutraler Kleinstaat beide Weltkriege weitgehend unbeschadet und ohne militärisch in sie hinein gezogen zu werden überstanden hat, wurde im Nachhinein zur Kausalität umgedeutet, dass die bewaffnete Neutralität an sich es gewesen sei, die die Schweiz vor dem Krieg bewahrt habe. Und zugleich konnten so die Unterschiede zwischen den beiden Weltkriegen als nicht bedeutsam in den Hintergrund geschoben werden, da ja die Neutralität in jedem Fall das Erfolgsrezept sei. Dabei unterscheidet sich der «Charakter» der beiden Kriege grundlegend.

Erster Weltkrieg zwischen und um Imperien

Im Ersten Weltkrieg ging es zentral um Gebiets- und Machtansprüche der grossen Monarchien Europas, also um einen klassischen imperialistischen Krieg. Ansprüche auf schweizerisches Gebiet stellte keine der Grossmächte, weshalb sich eine neutrale Haltung der Schweiz geradezu aufdrängte, die auch von keiner Seite grundsätzlich in Frage gestellt wurde.
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs bedeutete auch das Scheitern der Sozialistischen Internationale, die mit dem Anspruch angetreten war, ihn zu verhindern, indem die Proletarier nicht gegen einander in den Krieg ziehen würden, wie noch 1912 an ihrem Friedenskongress im Basler Münster feierlich proklamiert wurde. Dennoch hat der Erste Weltkrieg insgesamt zu einer Stärkung der Arbeiterbewegung geführt und beispielsweise die Voraussetzungen für die russische Revolution geschaffen. Die absolutistischen Monarchien brachen zusammen und so stellte sich am Ende des Krieges in vielen Staaten die Frage nach der Staats- und Regierungsform. Das grosse Gewicht der Arbeiterbewegung zeigt sich exemplarisch an der Struktur der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), der «Menschenrechtsorganisation» des Völkerbundes. In der Internationalen Arbeitskonferenz sitzen gleichberechtigt neben den beiden VertreterInnen der Mitgliedsstaaten je eine Vertretung der Arbeitgeber und der Gewerkschaften.

Zweiter Weltkrieg um den nationalsozialistischen Weltherrschaftsanspruch

Zwar hatte auch der Zweite Weltkrieg «imperialistische Aspekte», aber im Zentrum stand der nationalsozialistische Weltherrschaftsanspruch und die Durchsetzung seines Gesellschaftsmodells. Das nationalsozialistische Deutschland hat gleichzeitig und mit gleicher Gewichtung einen Krieg nach aussen geführt und nach innen eine immense Vernichtungsmaschinerie betrieben. «Minderwertiges» bis «unwertes» Leben wurde zunehmend systematisch vernichtet (von den Juden und «Zigeunern» über die Homosexuellen, «Asozialen» und «Kriminellen» bis zur «Aktion Gnadentod» für «unheilbar Kranke» und «geistig Behinderte», mit den scheusslichsten «medizinischen Experimenten») – ebenso wie die politische und religiöse Opposition. Auch Angehörige eroberter Länder und Kriegsgefangene kamen massenhaft in Vernichtungslagern um.
Am Ende des Zweiten Weltkriegs war die Arbeiterbewegung in weiten Teilen Europas organisatorisch zerschlagen bis physisch vernichtet und/oder stalinistisch gleichgeschaltet. Bei der Gründung der Uno wurden deshalb weder die Arbeiterbewegung noch andere (wie sie heute genannt werden) zivilgesellschaftliche Organisationen mit einbezogen, obwohl die Präambel der Uno-Charta mit den Worten beginnt: «Wir, die Völker der Vereinten Nationen...» Die so genannten NGO (Non Governemental Organisations) mussten sich ihren Platz in der Uno im Nachhinein erkämpfen.
Den Anschluss an das Dritte Reich aus eigenem Entschluss hat die Schweiz nicht gesucht, obwohl es auch hierzulande Kreise gab, die offen dafür eintraten. Dies blieb zwar nicht ohne Einfluss auf die Schweizer Politik. So konstatiert der Bergier-Bericht: «...verstärkte sich aber im honorablen Feld des bürgerlichen Milieus der bestehende Trend zum grundsätzlichen Abbau der Demokratie, mit der lauten Forderung nach Einschränkung des Parlamentarismus, Beendigung der ‹Parteienherrschaft› und Ausbau eines starken Führertums.»17 Aber dem «Frontenfrühling» – dem Zusammengehen des Bürgerblocks mit der Nationalen Front in den Zürcher Gemeinderatswahlen vom Herbst 1933 – war kein Erfolg beschieden und er blieb eine Episode.
Die Neutralität der Schweiz war im Zweiten Weltkrieg zerbrechlicher als im Ersten, denn auch im Denken der Nationalsozialisten waren die «helvetischen Gaue» eigentlich «natürlicher» Bestandteil ihres Reichs. Sich aus dem Krieg heraushalten zu wollen, war nicht ausreichend. Um ihre Eigenstaatlichkeit erhalten zu können, musste sich die Schweiz für die Achsenmächste als nützlich erweisen. Das hat sie denn auch in verschiedensten Bereichen getan. Das war schon vor dem Bergier-Bericht von 2002 bekannt. «Dreizehn Gründe» dafür hat Markus Heiniger bereits 1989 herausgearbeitet.18
Es war also nicht so sehr die militärische Neutralität, welche die Schweiz den Zweiten Weltkrieg unbeschadet hat überstehen lassen, sondern ihre enge Zusammenarbeit mit den Achsenmächten, insbesondere Nazideutschland. Und ausschlaggebend war – und das ist der Umstand, den die Neutralitätsmythiker von Auns bis SVP geflissentlich unterschlagen – der Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg. Sie haben auch die Schweiz gerettet und statt Dankbarkeit hat ihnen die Schweiz die kalte Schulter gezeigt mit ihrem Abseitsstehen bei der Uno. Zu gross war die Angst der führenden Politiker, sie müssten Verantwortung für ihr Handeln während des Krieges übernehmen und das könnte etwas kosten.

Kriegsverbot oder Neutralität?

Eine vergleichbare Rolle wie bei der Gründung des Völkerbundes hat die Schweiz darum bei der Gründung der Uno nicht gespielt, sondern sie hat sich in die selbst gewählte Isolation begeben. Dabei ging die Uno bei der Verwirklichung der kollektiven Sicherheit einen Schritt weiter als der Völkerbund: Sie hat in ihrer Charta den Krieg grundsätzlich geächtet. Damit ist die Neutralität problematisch geworden, wie Professor Werner Niederer schon am 8. April 1948 in der NZZ ausführte: «So paradox es auch klingen mag, es ist doch richtig: Die Neutralität lebt von der Anerkennung des Krieges. Man erklärt den Krieg als ungesetzlich, und schon ist auch die Neutralität ins Wanken gekommen: Denn sie ist nun einmal das Gegenstück der souveränen Möglichkeit des Einzelstaates, Krieg zu führen – sie ist das Recht, nicht Krieg zu führen.»19
Wer, wie das die SVP kürzlich getan hat, die Rückkehr der Schweiz zur integralen Neutralität fordert, postuliert damit das Recht für jeden Staat, nach eigenem Belieben Krieg führen zu dürfen. Eine stärkere politische Rückendeckung für die Kriegspolitik von US-Präsident Bush ist kaum denkbar.

Ruedi Tobler ist Präsident des Schweizerischen Friedensrates.

Fussnoten

Um die Anzahl der Anmerkungen nicht allzu stark anwachsen zu lassen verzichte ich an vielen Stellen auf Quellenhinweise und verweise generell auf das Historische Lexikon der Schweiz (es ist noch in Bearbeitung, zu vielen Stichworten sind aber Angaben zu finden, auch elektronisch unter: http://hls-dhs-dss.ch/) und auf das Bundesarchiv (hier speziell die Website «Ausgewählte Themen»: www.bar.admin.ch/archivgut/00591/index.html?lang=de)
1 Einzelne «Stände» hat das nicht an einer eigenen Machtpolitik gehindert.
2 Siehe insbesondere «Reise in Schwarz-Weiss» von Hans Fässler (Rotpunktverlag Zürich, 2005) und «Schwarze Geschäfte» von David Thomas, Etemad Bouda und Jannick Marina Schaufelbuehl (Limmat Verlag Zürich, 2005).
3 In der Volksabstimmung vom 7. Februar 1971 wurde allerdings nur das Frauenstimmrecht auf Bundesebene eingeführt, die Kantone haben selber über jenes auf Kantons- und Gemeindeebene entschieden, begonnen hatte 1959 die Waadt. Appenzell Innerrhoden musste 1990 vom Bundesgericht dazu gezwungen werden. Die Idee, dass alle Ansässigen, ungeachtet ihrer Nationalität, an der demokratischen Ausgestaltung des Gemeinwesens beteiligt sein sollen, stösst in der grossen Mehrheit der Gemeinden und Kantone wie beim Bund auf vehementen ideologischen Widerstand.
4 Punkt 2 der «Eidgenössischen Beitrittsurkunde zu der Erklärung des Wiener Kongresses» vom
27. Mai 1815 lautet (zitiert nach Beilage II, 12b, Seite 320, zur «Botschaft des Bundesrates an die Bundesversammlung betreffend die Frage des Beitrittes der Schweiz zum Völkerbund», vom 4. August 1919): «Die Tagsatzung drückt den unverlöschlichen Dank der Schweizernation gegen die hohen Mächte aus, welche ihr durch obgedachte Erklärung, neben einer günstigen Gebietsausrundung, wichtige vormalige Grenzen zurückgeben, drei neue Kantone ihrem Bunde einverleiben und die feierliche Versicherung erteilen, die immerwährende Neutralität zu anerkennen und zu gewährleisten, welche das gemeinsame europäische Staateninteresse zugunsten der Eidgenossenschaft erheischt. Sie bezeugt die gleichmässigen dankbaren Gesinnungen für das ausharrende Wohlwollen, womit die erlauchten Monarchen sich die Ausgleichung der Zerwürfnisse haben angelegen sein lassen, die zwischen den Kantonen entstanden sind.»
5 Alfred Ernst: Die Konzeption der schweizerischen Landesverteidigung 1815–1966. Huber Verlag Frauenfeld, 1971. 8. Kapitel: «Zur Frage der strategischen Zielsetzung», S. 71 ff
6 Die Gemeinschaft Schweizer Zivildienstleistender (GSZ) hat zum Jubiläum ein Buch herausgegeben: «Zivildienst – ein Zeitzeuge» , GSZ, Zürich 2006 (zu beziehen über: www.civil.ch).
7 Botschaft des Bundesrates an die Bundesversammlung betreffend die Frage des Beitrittes der Schweiz zum Völkerbund, vom 4. August 1919, Seite 3: «Die Zukunft jedes Staates, zumal eines kleinen und friedlichen Volkes wie die Schweiz, liegt – das ist die Lehre dieses Krieges – nicht nur in der Befugnis allein, sich von dem Streite der grossen Mächte fernhalten zu können und nicht behelligt zu werden, sondern erst in der Sicherung positiver Gemeinschaft nach Rechtsgrundsätzen. Dieses nationale Interesse ist zugleich ein Menschheitsinteresse.»
8 Mitte der 1990er-Jahre geriet die Schweiz deswegen, insbesondere wegen «nachrichtenlosen Vermögen» und Raubgold, in so starke internationale Kritik, dass sie sich 1996 gezwungen sah, eine «Unabhängige Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg» einzusetzen. Sie hat 25 Studien und den Schlussbericht «Die Schweiz, der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg» (Pendo Verlag Zürich, 2002) veröffentlicht, die eine wesentlich stärkere wirtschaftliche Verflechtung aufzeigten als bis dahin bekannt war.
9 Jon A. Fanzun: Die Grenzen der Solidarität. Schweizerische Menschenrechtspolitik im Kalten Krieg. NZZ-Verlag Zürich, 2005.
10 Dass der Beitritt so reibungslos über die Bühne ging, wurde zweifellos dadurch erleichtert, dass der Beschluss nicht dem Referendum unterstand. Das «Staatsvertragsreferendum» wurde 1921 mit der Annahme der Volksinitiative «für die Unterstellung von unbefristeten oder für eine Dauer von mehr als 15 Jahren abgeschlossenen Staatsverträgen unter das Referendum» eingeführt und hat immer wieder zu Kontroversen geführt (siehe dazu: Oswald Sigg: Die eidgenössischen Volksinitiativen 1892–1939, Francke Verlag Bern, 1978, Kapitel 411: «Das Staatsvertragsreferendum», Seite 115). 1977 wurde der Gegenvorschlag zur Volksinitiative «Neuordnung des Staatsvertragsreferendums» angenommen (auch in der neuen Bundesverfassung gültige Regelung), der eine Erweiterung der Referendumsmöglichkeiten brachte.
11 Botschaft des Bundesrates
vom 4. März 1974, von der Bundesversammlung genehmigt am 3. Oktober 1974 (unterstand nicht dem Referendum).
12 Am 13. Juni 1983 unterbreitete der Bundesrat den Eidgenössischen Räten eine Botschaft zur Ratifikation der Sozialcharta, die Vorlage wurde 1984 vom Ständerat und 1987 vom Nationalrat abgelehnt. Mit einer parlamentarischen Initiative wurde 1991 die Frage wieder aufgegriffen und am 17. November 1995 legte die «Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrates» einen Bericht zur Genehmigung der Sozialcharta vor. Der Bundesrat erachtete in seiner Stellungnahme vom 4. September 1996 die Ratifikation als «nicht vordringlich». Am 17. Dezember 2004 hat der Nationalrat die Parlamentarische Initiative abgeschrieben.
13 Siehe dazu zwei andere Beiträge des Autors: «Sozialrechte und Chancengleichheit in der Schweiz» (Sozialalmanach 2000, Caritas, Luzern, 2000) und «Warum ist das Recht auf Bildung nicht in der Verfassung verankert?» (vpod bildungspolitik, Zürich, Nr. 145, März 2006, S. 22)
14 Propagandistisch wurde die Strategie zur patriotischen Heldentat empor stilisiert und mythisiert, die bis heute eine sachliche Diskussion weitgehend verhindert hat.
15 Ursprünglich hiess sie «totale Landesverteidigung»; wegen der allzu offensichtlichen Verwandtschaft mit Hitlers «totalem Krieg» wurde sie bald umgetauft.
16 89.006 Vorkommnisse im EJPD, Bericht der Parlamentarischen
Untersuchungskommission vom 22. November 1989 (Bern, 1989)
17 Die Schweiz, der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg. Schlussbericht der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg, Pendo Verlag Zürich, 2002, Seite 70
18 Markus Heiniger: Dreizehn
Gründe warum die Schweiz im Zweiten Weltkrieg nicht erobert wurde. Limmat Verlag Zürich, 1989
19 NZZ Nr. 737 vom 8.4.1948, zitiert in: Reinhold Hohengartner: Schweizerische Neutralität und Vereinte Nationen 1945–1981, Wien 1993


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