friZ 3/2008

Südafrika könne das Migrationsproblem nicht allein, sondern nur im regionalen Kontext lösen, sagen die Fachleute. Ruedi Küng hat mit zweien von ihnen gesprochen.

«Wir brauchen eine Kultur der Zusammenarbeit»

Die Meinung, dass afrikanische Staaten gewisse Probleme nicht im Alleingang, sondern nur in regionaler Zusammenarbeit lösen könnten, hat im vergangenen Mai in Südafrika Auftrieb erhalten, als das Land von einer Welle fremdenfeindlicher Gewalt erschüttert wurde. Migrationsfachleute hatten schon vor vielen Jahren festgestellt, dass viele SüdafrikanerInnen den Einwanderern und Einwanderinnen aus anderen afrikanischen Ländern gegenüber feindlich eingestellt sind. Südafrika mit seiner relativ hoch entwickelten Wirtschaft ist für viele Bewohner der umliegenden Länder sehr attraktiv. Gleichzeitig profitiert in der südafrikanischen Gesellschaft nur eine Minderheit vom Reichtum, die überwiegende Mehrheit ist arm, was zur Fremdenfeindlichkeit beiträgt.

Wie sehen SüdafrikanerInnen die afrikanischen Einwanderer?
Vincent Williams: Schon 1997 ergab eine Untersuchung, dass SüdafrikanerInnen der Migration aus anderen afrikanischen Ländern gegenüber sehr feindlich eingestellt sind. Zehn Jahre später sehen die Südafrikaner die Immigranten noch immer als arm und ungebildet an. Sie meinen, dass sie ihnen die Jobs wegnähmen, in Kriminalität verwickelt seien und ein Gesundheitsrisiko darstellten. Die Haltung gegenüber Immigranten ist extrem negativ.

Welche Haltung haben Südafrikas PolitikerInnen?
Vincent Williams: Politiker aller Parteien und Volksgruppen äussern sich zweideutig zur Migration und zu den Immigranten. Mal reden sie von deren Rechten, die man respektieren müsse, dann fordern sie wieder Härte ihnen gegenüber. Niemand verfolgt eine klare Einwanderungspolitik. Fremdenfeindlichkeit zieht sich durch alle Parteien hindurch, durch alle Rassen. Fremdenfeindlichkeit zeigt sich in der südafrikanischen Bevölkerung ganz allgemein, in beiden Geschlechtern, in allen Einkommensschichten und Altersgruppen.

Ist dies eine Folge der Politik der offenen Tür im demokratischen Südafrika?
Vincent Williams: Es gab nie eine Politik der offenen Tür. Nach 1994 wurden vor allem Restriktionen verhängt: Nur ausgebildete Einwanderer waren willkommen, die Ungebildeten wollte man nicht und schaffte sie auch wieder aus. Die Regierung hat aber eingesehen, dass die Rückschaffungen eine Zeit- und Geldverschwendung sind, weil die Leute immer wieder einen Weg zurück nach Südafrika finden. Trotzdem fordern viele jetzt nach der fremdenfeindlichen Gewalt noch energischer, die Regierung müsse die Grenzen schliessen und schärfer bewachen.

Was ist Ihrer Meinung nach zu tun?
Vincent Williams: Repression funktioniert nicht. Die illegalen Migranten werden einfach ausweichen, wenn die Grenze an einer Stelle geschlossen ist. Und die Regierung hat die Ressourcen gar nicht, die gesamte Grenze zu überwachen. Man muss also schauen, ob und wie diese Leute legalisiert werden können. Und unsere Regierung muss mit den Nachbarländern zusammenarbeiten. Es geht um Entwicklung und Zusammenarbeit in der Region.
Gleichzeitig sollten Südafrikaner und Einwanderer bei der Linderung der Armut und Unterentwicklung zusammenarbeiten. Viele Einwanderer könnten mit ihren Fähigkeiten und Erfahrungen den Gemeinden nützlich sein. Es geht darum, eine Kultur der Zusammenarbeit zum Nutzen aller zu fördern.
Sehlare Makgetlaneng: Südafrika ist weiter entwickelt als die anderen Staaten in der Region. Aber Südafrika kann keine Insel des Wohlergehens in einem Meer sozialer und wirtschaftlicher Probleme sein. Südafrika hat keine Wahl, es muss zur weiteren Entwicklung in ganz Subsahara-Afrika beitragen. Deshalb versucht es auch, bei der Lösung von bewaffneten Konflikten und sozialen Problemen in Afrika mitzuhelfen. Es ist aber klar, dass dies nicht einfach ist.
Die afrikanischen Führer müssen einsehen, dass sie ihr Volk im Stich gelassen haben, und dass als Folge davon viele Bürger ihr Land verlassen, nach Europa, nach Südafrika. Es braucht eine bessere Entwicklung für die Bevölkerung auf dem Kontinent. Das ist schwierig und wird lange dauern, aber es kann nur gelingen, wenn die Führer zusammenarbeiten.

Vincent Williams ist Migrationsexperte beim Institute for Democracy in South Africa IDASA (www.idasa.org.za).
Sehlare Makgetlaneng arbeitet als Experte für regionale Zusammenarbeit beim Africa Institute of South Africa (www.ai.org.za).
Die Interviews führte Ruedi Küng, Afrika-Korrespondent von Radio DRS, im Mai 2008.

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