Am 28. August 2008 sass ich - umgeben von zahlreichen Freunden - im Garten des Landhauses meiner Frau im Dorf Garikula unweit der georgischen Kleinstadt Kaspi. Kaspi liegt nur etwa 30 Kilometer von Tiflis, der Hauptstadt Georgiens, entfernt.
Zwei Wochen zuvor wäre es beinahe unmöglich gewesen Garikula zu erreichen. Damals verfolgten wir die Entwicklung des (bereits verlorenen) Krieges auf den Fernsehbildschirmen und versuchten zu erraten, ob und wann Russen in Tiflis einmarschieren würden. Die Aussenquartiere von Kaspi hatten die russischen Truppen längst schon erreicht.
Russland gab dann die Idee eines Einmarsches in Tiflis aus irgendwelchen mir unbekannten Gründen auf. Vielleicht war es ein Telefonat von Italiens Ministerpräsident Berlusconi mit Putin oder die Pendeldiplomatie des französischen Präsidenten Sarkozy oder auch die Bemühungen der anderen zahlreichen wichtigen und weniger wichtigen EU- und US-Politiker, die das Wunder bewirkt haben. Das werden wir höchstwahrscheinlich nie genau erfahren. Am 28. August war es aber tatsächlich so, dass ich wie gewohnt und ohne Probleme wieder nach Kaspi und weiter nach Garikula fahren konnte.
Bevor ich nach Kaspi gereist war, hatte ich eine noch mutigere Reise Richtung Chaschuri unternommen, dem Geburtsort meines Vaters und meine wichtigste Feriendestination. Um Chaschuri zu erreichen muss man durch die (heute könnte man ohne Hemmungen sagen: weltberühmte) Kleinstadt Gori fahren. Das ist jene Stadt, die das georgische Militär nach dreitägigen Gefechten aufgegeben hatte und die CNN-Berichten zufolge komplett zerstört sein sollte. Auch Chaschuri war kurze Zeit von den Russen besetzt gewesen, blieb aber weitgehend verschont.
Zu meinem Staunen habe ich in Gori nur wenige Anzeichen des Krieges und der kompletten Zerstörung gefunden. Die Stadt war einigermassen (das heisst für georgische Verhältnisse sehr gut) beleuchtet und alles schien seinen gewohnten Gang zu gehen.
Trotz der scheinbaren Ruhe in allen Gebieten Georgiens, in die ich es geschafft habe einzureisen, war der jüngste Russisch-Georgische Krieg allgegenwärtig.
Auch am eingangs erwähnten Abend in Garikula lieferte dieser Krieg den Hauptgesprächsstoff. Jeder wusste besser als die anderen, was an dieser oder jener Front passiert war, welches die Ursachen des Krieges waren und wie sich die Situation weiterentwickeln würde. Die Gäste meiner Frau erzählten jedes einzelne Kriegsdetail so überzeugend, als ob sie ganz vorne an der Front dabei gewesen wären. Tatsächlich war aber keiner von ihnen direkt an Kriegshandlungen beteiligt gewesen, wie ich festgestellt musste.
Am 8. August 2008 um ein Uhr nachts begannen georgische Kräfte aus den georgischen Grenzsiedlungen mit dem Beschuss von Zchinwali, der Hauptstadt Südossetiens. Schon am 7. August war es für mich klar, dass der von allen Seiten erwartete Krieg nicht mehr zu vermeiden war.
Nach dem nächtlichen Beschuss der Hauptstadt Südossetiens drang die Armee in Richtung Zchinwali vor. Trotz des südossetischen Widerstandes kontrollierte die georgische Armee am Abend des 8. August einen grossen Teil der Stadt. Bereits am frühen Morgen hatte der georgische Integrationsminister Temur Jakobaschwili erklärt, die Stadt sei nahezu eingeschlossen und zwei Drittel Südossetiens würden von Georgien kontrolliert. Laut georgischen Angaben war die Stadt bald «zu 100 Prozent unter georgischer Kontrolle». Danach sei ein dreistündiger Waffenstillstand ausgerufen worden, damit Verwundete gepflegt werden und Flüchtlinge die Stadt verlassen konnten.
Kurze Zeit später gab Georgien bekannt, auch die Kontrolle über die Stadt Znauri und einige weitere Dörfer erlangt zu haben. Die südossetischen Rebellentruppen seien geflohen.
Früh am Morgen des 9. August durchquerte ein russischer Konvoi mit mehr als 150 Panzern den Roki-Tunnel und stiess in Richtung Zchinwali vor. Daraufhin versuchten georgische Einheiten die Kurta-Brücke, wenige Kilometer nördlich der südossetischen Hauptstadt, zu sprengen, was aber durch den Angriff russischer Truppen verhindert wurde.
Das offizielle Eingreifen Russlands in den Krieg um die abtrünnige georgische Region Südossetien begründete Vladimir Putin, de facto Herrscher Russlands und offiziell Ministerpräsident, unter anderem mit dem Schutz der dortigen Bevölkerung und derjenigen in der Region Abchasien vor der Gewalt der georgischen Truppen. Ministerpräsident Putin warf Georgien vor, an den Osseten einen Völkermord zu begehen. Einige Zeit nach Putins Anschuldigungen begann später an diesem Freitag die russische Bombardierung des georgischen Kernlandes.
Der Präsident der Region Abchasien1, Sergei Bagapsch, berief eine Sondersitzung des nationalen Sicherheitsrats ein, der die Verlegung von Truppen an die georgische Grenze sowie die Entsendung von 1000 Kriegsfreiwilligen nach Südossetien beschloss. Hier muss bemerkt werden, dass die georgische Armee nie Kampfhandlungen in Richtung Abchasiens unternommen hat.
Bereits wenige Stunden nach der georgischen Meldung über die Einnahme der südossetischen Hauptstadt Zchinwali begann mobile russische Artillerie aus dem Gebiet um die Stadt Dschawa mit heftigem Beschuss mutmasslicher georgischer Positionen in der georgischen Enklave Kurta und von georgischen Stellungen in Zchinwali. Zchinwali wurde also sowohl von Georgiern als auch von Russen gnadenlos beschossen.
Die russische 58. Armee besetzte gegen Abend nördliche Teile von Zchinwali. Auch rund 200 Kriegsfreiwillige aus Nordossetien trafen in Südossetien ein.
Am 9. August rief die georgische Regierung das Kriegsrecht aus. Georgien meldete Angriffe der russischen Luftwaffe auf georgische Städte, darunter auf die wichtigste Hafenstadt Poti und verschiedene Dörfer im oberen Kodori-Tal (das einzige von Georgien kontrollierte Gebiet in Abchasien). Auch die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline soll bombardiert worden sein, wenn auch ohne Erfolg.
Bei einem Angriff auf Gori am Morgen des 12. August wurde der niederländische Kameramann Stan Storimans getötet, ein weiterer Kollege wurde verletzt; insgesamt sollen fünf Menschen gestorben sein. Gemäss verschiedenen Berichten haben russische Kampfflugzeuge die Stadt bombardiert.
Abchasien beschloss, die Gunst der Stunde zu nutzen und die Kodori-Schlucht, die den Russen schon lange ein Dorn im Auge gewesen war, zu erobern. Am 12. August drangen abchasische Einheiten unter Führung des stellvertretenden Verteidigungsministers Abchasiens, Oberst Alexander Melnik (wohlbemerkt ein russischer Offizier!), in den georgischen Verwaltungsbezirk Ober-Abchasien im oberen Kodori-Tal vor und besetzten fast ohne Widerstand die Verwaltungshauptstadt Tschchalta, wo sie Waffen und Munition der georgischen Sicherheitskräfte sicherstellten. Georgien hatte bereits am 10. August 2008 bekanntgegeben, dass es seine Truppen aus Südossetien zurückgezogen habe.
Georgiens Präsident Micheil Saakaschwili musste einen Besuch in der Stadt Gori mit dem französischen Aussenminister Bernard Kouchner, der als Vermittler nach Georgien gereist war, aufgrund eines befürchteten russischen Luftangriffs am Abend des 11. August abbrechen. Mit der Offensive in der Umgebung von Gori erreichte die russische Führung eine Unterbrechung der Hauptverbindung von Tiflis in den Westen des Landes, womit die georgischen Truppen in Abchasien und in der Stadt Senaki eingekesselt waren und das Land praktisch in zwei Hälften geteilt wurde.
Der Rückzug der georgischen Truppen aus Gori war eher eine Flucht unter massenweiser Zurücklassung von Kriegsgerät. Gori, Senaki, Poti und andere georgische Städte wurden ohne Gegenwehr den russischen Streitkräften überlassen. Zeitungsberichten zufolge verlief die Flucht aus Gori am Abend des 11. August in Panik und Unordnung.
Am 13. August kontrollierten trotz gegenteiliger Behauptungen immer noch russische Streitkräfte die Stadt Gori. Auch die georgische Hafenstadt Poti und andere Orte ausserhalb der umstrittenen Republiken blieben bis zum 13. September von Russen besetzt. Präsident Saakaschwili kündigte den Austritt Georgiens aus der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten GUS an.
Die russische Schwarzmeerflotte hat vom 9. August an mit sieben Kriegsschiffen eine Seeblockade gegen Georgien errichtet. Russische Schiffe liefen abchasische Häfen an. Nach russischen Angaben wurde ein georgisches Schnellboot versenkt, welches zuvor das Feuer eröffnet haben soll.
Am 14. August drangen Einheiten der russischen Armee mit Panzern und Infanterie in die georgische Hafenstadt Poti ein und zerstörten mehrere Schiffe der georgischen Marine und Küstenwache an ihren Liegeplätzen.
Damit war die Vernichtung der georgischen Armee komplett. Von da an stiessen die russischen Truppen auf keinen Widerstand mehr und die Georgier waren überzeugt, dass es nur noch eine Frage der Zeit sei, bis sie Tiflis erreichen würden.
Der Krieg fand auch auf diplomatischer Ebene statt. Zahlreiche Staatsoberhäupte besuchten sowohl Tiflis als auch Moskau um die Kampfhandlungen zu beenden, was am 14. August auch erreicht wurde. Georgien und Russland unterschrieben auf französische Vermittlung ein Dokument, das den Frieden sichern sollte. Dieses Dokument erlaubt Russland auf georgischem Kernland so genannte Pufferzonen zu errichten. Ich werde die Leserinnen und Leser nicht weiter mit Einzelheiten dieses Papiers quälen, weil diese Sechs-Punkte-Abmachung einige ziemlich unklare Definitionen enthält und auch die Verfasser des Papiers (das heisst Russen, Franzosen und Georgier) sich nicht darüber einigen können, in welchem Punkt was wirklich gemeint ist.
Tatsache ist, dass bei Redaktionsschluss Russland noch immer mehr als einen Drittel Georgiens beherrschte. Obwohl es gemäss Abkommen seine Truppen bis zum 10. Oktober vom georgischen Kernland abgezogen haben sollte.
Zwei Wochen nach dem Krieg schien das Leben in Tiflis wie gewohnt. Zurückgekehrt aus Garikula wurde ich in ein Lokal mit dem Namen SKYY Bar eingeladen. SKYY liegt in Avlabari - das heisst im Herzen der Hauptstadt - auf dem Dach eines Hochhauses. Der Blick auf die Altstadt ist herrlich. SKYY ist der beste Ort in Tiflis, um sich in aller Ruhe und angenehm mit Kollegen zu unterhalten. Mein Gastgeber war ein entfernter Verwandter, der angeblich viel mehr Geld besitzen soll, als wir alle zusammen (mit «wir alle» meine ich meine ganze Verwandtschaft). Da in Georgien Geld und Macht ineinander verschmolzen sind, gehört er zu den «Insidern» der gegenwärtigen Regierung.
«Ich weiss wirklich nicht», sagt er mir flüsternd, «was da schief gelaufen ist. Sicher kann ich dir das sagen: Zchinwali wurde von einer kleinen Eliteeinheit der georgischen Armee erobert. Die wurden von den Amerikanern trainiert und gehören zu den Besten der Besten. Die handeln nicht ohne Einverständnis der USA.» Ich glaube ihm. Ich weiss, dass er viel besser informiert ist als alle unsere Gäste in Garikula.
Ich kann die Verwirrung meines Gastgebers nur teilen. Es ist eine Tatsache, dass Präsident Saakaschwili landesabwesend war und dass der Verteidigungsminister sich auf Ibiza vergnügte, als die Kampfhandlungen in Zchinwali eskalierten. Wir stellen fest: Entweder hat eine gewaltige russische Provokation stattgefunden oder Georgien hat die Reaktion der Russen völlig unterschätzt und das Ausmass des Krieges falsch kalkuliert. Ich bin fest davon überzeugt, dass das zweite der Fall war.
Die letzten fünf Jahre ist das georgische Militärbudget um das 30fache gewachsen. Es war für alle klar, dass abchasische und südossetische Einheiten der modernisierten georgischen Armee keinen ernsthaften Widerstand leisten könnten. Wie letzte Aussagen der georgischen Behörden offenlegen, hat die Regierung angenommen, dass Russland es nicht wagen würde, direkt militärisch zu intervenieren. Das ist aber geschehen.
Schaut man die Geschichte Georgiens und Russlands in den letzten fünf Jahren ganz genau an, sieht man sofort, dass der Krieg zwischen den beiden Länder schon lange angekündigt worden war.
Die Schuld an diesen Ereignissen tragen nicht nur die Regierungen der beiden Länder, sondern auch die Völker. Die Russen sind von Ministerpräsident Putin nur deshalb so begeistert, weil er die tschetschenische Nation fast vollständig niedermetzeln liess. Die Georgier wählten ihren Präsident Saakaschwili hauptsächlich wegen des Versprechens, er werde bis zum Ende seiner zweiten Amtszeit das Land wiedervereinigen. Putin brauchte einen zweiten Krieg, um sich wieder zu behaupten. Saakaschwili wurde von seinen Wählern dazu gezwungen, zumindest in Zchinwali (Südossetien), wenn nicht auch in Sochumi (Abchasien) und Batumi (Adscharien), einen kleinen Sieg zu feiern. Beide Herrscher haben die Entscheidung getroffen die langfristigen Interessen dem kurzfristigen Kalkül zu opfern. Als Ergebnis haben wir das Selbstverständliche: Moskau anerkennt die Unabhängigkeit der georgischen Regionen Abchasien und Südossetien und vergisst, dass es auch in Russland grob geschätzt etwa 70 Regionen gibt, die nach (mehr) Unabhängigkeit streben. Die Tschetschenen fühlen sich wieder in ihrem Widerstand bestätigt und die Inguschen fragen sich ärgerlich, wieso sie weniger Autonomie erhalten sollen als die Abchasen. Die neue Destabilisierungswelle des Nordkaukasus nimmt täglich zu: Wann als Nächste auch die Tataren ihr Selbstbestimmungsrecht ausüben werden, ist nur eine Frage der US-Unterstützung und der Zeit.
Die Lage in Georgien ist nicht weniger dramatisch: Zu den 300000 georgischen Flüchtlingen aus Abchasien kommen weitere 150000 aus Südossetien und aus dem georgischen Kernland. Die noch kaum angekurbelte georgische Wirtschaft liegt schon wieder am Boden. Investoren verlassen das Land so schnell Sie können. Innenpolitische Spannungen könnten jederzeit zu einer neuen Revolution führen. Trotz allem sind die Südosseten die grössten Verlierer: ihre kleine, ohnehin arme Region ist vollständig zerstört.
Dass dieser Krieg nur eine Frage der Zeit war, war bereits kurz nach der so genannten Rosenrevolution 2003 klar. Leider haben sich die schlimmsten Erwartungen bewahrheitet. Wie sich die Lage weiterentwickelt, liegt ganz in den Händen der kaukasischen Nationen. Werden wir es irgendwann verstehen - so wie es die Europäer nach dem Zweiten Weltkrieg verstanden haben -, dass der einzige Ausweg aus diesen blutigen Konflikten in Zusammenarbeit und Kompromissbereitschaft besteht? Werden wir endlich Frieden und Entwicklung finden?
Wenn es das dritte Mal darauf ankommt...
Kurz nachdem der Präsident Armeniens im September 2008 Georgien besucht hatte, unterhielt ich mich mit zwei georgischen Kollegen über Politik. Vorausschicken muss ich, dass Armenien den Ruf hat, der einzige enge Verbündete Russlands im Südkaukasus zu sein. Als wir auf den Staatsbesuch zu sprechen kamen, sagte der erste Kollege: «Was will der (also der armenische Präsident) schon wieder? Ich mag ihn überhaupt nicht!» - «Nein, es ist gut, dass er angereist ist», erwiderte der zweite Kollege. «Er versucht sich anzunähern. Das ist positiv, denn wenn es das dritte Mal darauf ankommt, könnten wir so die Garantien haben, dass die Russen nicht auch von Armenien aus angreifen werden.»
Was mich an diesem Gespräch am meisten beunruhigte, war die Tatsache, dass meine Gesprächspartner bereits heute ernsthaft über «das dritte Mal» nachdachten. Diese Einstellung ist in Georgien nicht selten: Es wird viel darüber gesprochen, welche Kampfjets man jetzt kaufen sollte oder welche Panzer geeignet wären, um das nächste Mal den Russen besseren Widerstand leisten zu können.
Das ist ein Weg ins Nirgendwo (oder genau dorthin, wo wir gerade stehen). Wenn sich diese Einstellung nicht bald ändert, könnte aus der «Chronik eines angekündigten Krieges» die «Chronik eines angekündigten Selbstmordes» des immer noch jungen georgischen Staates werden.
1 Nach der Auflösung der UdSSR 1992 beanspruchte Georgien die Region am Ufer des Schwarzen Meers als georgisches Territorium. Der Versuch, diesen Anspruch mit Waffengewalt durchzusetzen, misslang. In einem einjährigen Krieg schlugen die abchasischen Separatisten mit Unterstützung Moskaus die georgischen Truppen 1992/93. Seither ist der internationale Status Abchasiens umstritten. Jüngste Entwicklung ist die einseitige Anerkennung Abchasiens als Staat durch Russland im August dieses Jahres.
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