FriZ - Thema aus Nr. 4/2007

Die Philippinen sind keinem Kontinent einfach zuzuordnen: Zum einen gibt es die historische Orientierung zu Südostasien, zum anderen die Orientierung nach Latein – und später Nordamerika. Von Michael Reckordt

Die Philippinen – zwischen allen Stühlen

Die Philippinen liegen am Rand Asiens und sind relativ spät besiedelt worden. Die ersten Bewohner/innen von Inseln, die heute zu den Philippinen zählen, waren die Negritos (ca. 25 000 v. Chr). Es folgten zwei Einwanderungswellen altmalai-ischer Völker von Malaysia und Sumatra 4000 und 1000 v. Chr., bis sich ca. 200 v. Chr. die ersten jungmalaiischen Völker auf den Inseln ansiedelten. Zuerst kamen sie in Mindanao und den Sulu-Inseln an und verbreiteten sich von dort über die weiteren Inseln. Hinweis für die Verbreitung ist die Sprachverwandtschaft von Tagalog und Cebuano (Philippinen) mit Bahasa Indonesia (Indonesien) und Bahasa Melayu (Malaysia).
Für ca. 500 n. Chr. sind die ersten Handelskontakte mit China nachweisbar. Der Handel mit indigenen Völkern auf Taiwan soll schon vorher begonnen haben. Um das Jahr 700 begann sich das buddhistische Reich Sri Vijaya, mit Zentrum auf Sumatra, in Südostasien auszubreiten. Im 13. Jahrhundert kam es zu den ersten chinesischen Handelsniederlassungen. Die Insel Sulu war zu jener Zeit ein wichtiger Handelsstützpunkt. Sowohl arabische, chinesische und siamesische Seehändler, als auch Kaufleute aus dem alten Champa-Reich waren auf Sulu vertreten. Min-doro, Cebu und Butuan waren damals von einiger Bedeutung für den regionalen Handel.
Das javanische, hinduistische Majapahit-Reich löste das Sri Vijaya Reich als Hegemonialmacht in Südostasien ab, konnte allerdings wie sein Vorgänger die einzelnen Inseln der heutigen Philippinen nie gänzlich unterwerfen. Denn sowohl Sri Vijaya, als auch das Majapahit-Reich kamen über die Sulu-Inseln, Palawan, Mindanao sowie Teile von Negros und Panay nicht hinaus.
Viel mehr kam es zu einem starken Handelsaustausch. Auf diese Art verbreiteten sich z.B. einige indische Traditionen und Kultureinflüsse auf den Philippinen, ohne allerdings den animistischen Glauben komplett zu verdrängen.1 Es entstanden zwar einige Tempelanlagen, diese wurden allerdings von den spanischen Kolonialherren im 16. und 17. Jahrhundert wieder zerstört.
Sowohl das Sri Vijaya- als auch das Majapahit-Reich hatten sehr gute Handelsbeziehungen zu China und Indien, wovon auch die Philippinen profitierten. Im 15. Jahrhundert gab es enge Kontakte zwischen den Philippinen und der Ming-Dynastie in China, der stärksten Seemacht der damaligen Zeit.

Das Sultanat von Sulu

Um 1380 landeten die ersten muslimischen Sufis, zumeist als arabische Händler tätig, auf Sulu. Im selben Jahr entstand dort die erste Moschee auf philippinischem Boden. Die Sufis brachten den Islam mit sich, der sich sehr schnell auf den einzelnen Inseln ausbreitete. Sogar Manila, schon damals eine bedeutende Hafenstadt in Südostasien, stand zeitweise unter muslimischer Herrschaft. So kam es 1450 und 1475 zu Gründungen der muslimischen Sultanate von Sulu und Maguindanao. Der erste Sultan von Sulu kam ursprünglich von Johor (Malaysia) und hatte sich in die lokale Herrschaftsfamilie eingeheiratet.
Als die Spanier vom 16. Jahrhundert an begannen, das Land zu kolonialisieren, fiel ihnen die Eroberung des Nordens, wo hauptsächlich «Indios», wie sie die einheimische Bevölkerung nannten, lebten, relativ leicht. Anschliessend wollten sie zusammen mit den Indios den Süden erobern. Der sogenannte «Moro-Krieg» begann und sollte 333 Jahre dauern. Die Spanier versuchten die Moros, die Muslime, die in den südlichen Philippinen lebten, zu besiegen. Doch das gelang ihnen bis zum Ende ihrer Kolonialzeit nicht.

Spanische Kolonialzeit

Die Spanier verhinderten, dass sich der Islam – wie z.B. in Malaysia oder Indonesien – auf dem Inselreich durchsetzte, indem sie die Bevölkerung zum christlichen Glauben bekehrten.
Nach der vollständigen Eroberung unterstellten die Spanier das Inselreich dem Vizekönig von Mexiko. Die Seeroute vom philippinischen Cebu ins mexikanische Acapulco wurde kurz darauf entdeckt und sogleich begannen Handelsbeziehungen. Philipp II, König von Spanien, verbot den direkten Handel zwischen China und Amerika, so dass sämtlicher Handel in der Folge über Manila abgewickelt werden musste. Die Philippinen waren für einige Jahrhunderte mehr Teil Lateinamerikas als Asiens. Spanische Galeonen transportierten amerikanisches Silber nach Manila, wo es vor allem gegen Seide getauscht wurde, die dort von chinesischen Händler feilgeboten wurde. In seiner Blütezeit war dieser transpazifische Handel sogar wichtiger als der über den Atlantik.
Nach Unabhängigkeiterklärung Mexikos 1821 wurden die Philippinen von Madrid aus verwaltet. Manila wurde zu einem internationalen Hafen ausgebaut und die Philippinen richteten sich auf den Welthandel aus (vor allem Produktion und Handel von und mit Hanf, Tabak, Zucker, Kopra und Reis). Der Handel mit Reis war auf den chinesischen Markt ausgerichtet. Die Handelsverbindungen nach China waren seit jeher sehr gut. So verwundert es auch nicht, dass im 16. Jahrhundert etwa 15 000 Chinesen, viele von ihnen Händler, in Manila lebten. Ihnen wurde sogar ein eigener Stadtteil, Parian, zugewiesen. Obwohl Chinesen hohe Sonderabgaben bei ihrer Einwanderung zahlen mussten, wuchs ihr Anteil an der Bevölkerung, vor allem Manilas, rasch an.2

Die amerikanische Kolonialherrschaft

1898 kauften die USA den Spaniern im Vertrag von Paris die Philippinen, die bereits ihre Unabhängigkeit erkämpft hatten, ab. In einem blutigen Krieg, der eine Million Zivilist/innen – nach manchen Angaben ein Sechstel der damaligen Bevölkerung – das Leben kostete, unterwarfen sie das Land und sorgten auch für die Eingliederung Sulus in ihre einzige Kolonie. Damit war auch das Ende des Sultanats von Sulu besiegelt.3 Die USA führten Englisch als Schulsprache ein. Die Wirtschaft wurde auf die USA ausgerichtet, vor allem der Export von Zucker, Tabak, Hanf und Kokosnüssen war für die Grossgrundbesitzer lohnend.
Zu diesem Zeitpunkt verstärkt sich der Bruch, der unter den Spaniern begonnen hatte. Waren die Philippinen bis zur Kolonialisierung durch die Spanier eindeutig in den asiatischen Handel eingebunden, so zielte spätestens ab Mitte des 16. Jahrunderts der Handel hauptsächlich auf lateinamerikanische (Mexiko) und später nordamerikanische (USA) Interessen. Dieser Einfluss ist in den Philippinen noch heute stark zu spüren.
Von 1941 bis 1945 wurden die Philippinen – wie fast ganz Ost- und Südostasien – von Japan besetzt. Die «antijapanische Befreiungsbewegung» (Hukbalahap) hatte bereits grosse Teile des Landes unter ihre Kontrolle gebracht, als 1945 General McArthur zurückkehrte und für sich in Anspruch nahm, Befreier des Landes zu sein. 1946 haben die Amerikaner die Philippinen dann formell in die Unabhängigkeit entlassen, nicht ohne sich die wirtschaftliche Abhängigkeit für 28 Jahre und die Hoheitsrechte über 23 Militärstützpunkte für anfänglich 99 Jahre garantieren zu lassen.4
Die Philippinen blieben für die USA in Südostasien von überragender Bedeutung, weil das Land als Zentrum für ihre politische und militärische Aktivitäten in Südostasien fungierte.

«Nach»kriegszeit

1954 wurde das Bündnis Seato (Southeast Asia Treaty Organization) gegründet. Dem ähnlich wie die Nato konzipierten Militärbündnis traten die USA, die Philippinen, Grossbritannien, Frankreich, Australien, Neuseeland, Pakistan und Thailand bei. Es sollte die Ausbreitung des Kommunismus in Asien verhindern. Die Philippinen hatten dabei ähnlich wie Indonesien und Thailand eine grosse Bedeutung als Vorposten im Kampf gegen den Kommunismus. Während des Korea- und des Vietnam-Krieges unterstützten das Seato-Bündnis und insbesondere die Philippinen die USA. Auf den Philippinen wurden z.B. die Luftwaffen- und Marinestützpunkte Clark Air Field und Subic Naval Base, die grössten US-amerikanischen Stützpunkte ausserhalb Nordamerikas, aufgebaut. Von dort aus flogen die Amerikaner später auch die Angriffe gegen den Vietkong. Nach dem die Amerikaner sich aus Vietnam zurückgezogen hatten, verlor die Seato an Bedeutung und löste sich 1977 auf.
1991 mussten die letzten stationierten US-Truppen die ehemaligen amerikanischen Militärstützpunkte in den Philippinen verlassen, weil der philippinische Senat mit knapper Mehrheit die Stützpunktverträge nicht verlängerte. Die USA nahmen das als «unfriendly act» auf; doch schon 1999 wurden neuen Abkommen abgeschlossen, welche die Militärpräsenz der USA teilweise wiederherstellten.

Bündnispolitik des 20. Jahrhunderts

Mit Malaysia hatten die Philippinen ab und zu Konflikte, vor allem um die malaysische Provinz Sabah, auf welche die Philippinen seit 1962 ebenfalls Anspruch erheben. Sabah gehörte zum ehemaligen Sultanat Sulu und ist somit gemäss philippi-nischer Auffassung bis Bestandteil der Philippinen. Aus geostrategischen Überlegungen unterstützte Indonesien die Philippinen zu Beginn der malaysischen Staatenbildung. Indonesien selbst hatte die Absicht, Borneo komplett in sein eigenes Staatsgebiet einzugliedern. Die Ma-laysier konnten sich allerdings durchsetzen, so dass Indonesien und die Philippinen schliesslich das Staatsgebiet Malaysias anerkannten.
Am 8. August 1967 wurde ein weiteres regionales Bündnis mit philippinischer Beteiligung gegründet: Die Asean (Association of Southeast Asian Nations), in der sich Indonesien, Malaysia, Philippinen, Singapur und Thailand5, zusammenschlossen. Erneut, um den Vormarsch des Kommunismus in Asien zu stoppen.
Die offiziellen Ziele der Asean sind bis heute eine enge Kooperation in wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und technischen Bereichen sowie in Bildungsfragen.6 Die Philippinen gehören in der Asean zu den Befürwortern einer Reformation des Bündnisses, damit es eine aktivere Rolle in regionalen Konflikten einnimmt (Politik der konstruktiven Intervention).

Im 21. Jahrhundert

Wenn man sich heute die politischen, aber auch die wirtschaftlichen Partner der Philippinen ansieht, kann man erkennen, dass die Philippinen versuchen, sich stärker in die Region Südostasien (z.B. über die Asean) einzubinden. Die Philippinen bemühen sich sowohl um eine friedliche Lösung des Spratly-Inseln-Konflikts (siehe Randspalte), als auch um die Demokratisierung Burmas. Auf der anderen Seite sind sie politisch und wirtschaftliche immer noch eng an die USA angelehnt. Nach dem 11. September 2001 gehörten die Philippinen zu den ersten Nationen, die den USA ihre «bedingungslose Unterstützung» aussprachen. So ist es wenig verwunderlich, dass die Philippinen stark in den «Krieg gegen den Terrorismus» eingebunden sind. Die Amerikaner sehen die Philippinen als Vorposten in Südostasien im Kampf gegen islamisch-fundamentalistische Gruppen in Malaysia und Indonesien, aber auch im Kampf gegen die muslimischen Rebellen im Süden des Landes. So gibt es beispielsweise gemeinsame Truppenübungen mit dem Ziel, die Terrorismusbekämpfung zu effektivieren.
Die Philippinen hatten auch eine 51 Mann starke Truppe – bestehend aus Soldaten und Polizisten – zum Wiederaufbau nach dem dritten Golfkrieg im Jahr 2003 in den Irak geschickt; darüber hinaus hielten sich rund 4000 philippinische Arbeiter im Irak auf. Nach der Entführung eines philippinischen Lastwagenfahrers und daraus resultierenden innenpolitischen Verwicklungen wurde dieses Kontingent allerdings wieder zurückgeholt – zum Missfallen der USA.
Auf der Handelsebene sind die USA der grösste Handelspartner, vor den Mitgliedsstaaten des Asian Pacific Economic Council (APEC)7; dahinter folgen deutlich abgeschlagen die ASEAN-Staaten (die allerdings fast alle auch APEC-Staaten sind) und die EU-Staaten. Der intraregionale Handel innerhalb der ASEAN ist relativ unbedeutend, im Jahr 2000 betrug sein Anteil gerade einmal 20 Prozent. Die ASEAN versucht mit der Errichtung der Freihandelszone Association of South East Asian Nations Free Trade Area (AFTA) den Handel innerhalb Südostasiens zu forcieren. Die AFTA soll eine Freihandelszone der ASEAN-Länder werden, in der die gegenseitigen Zölle stark gesenkt werden.
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Michael Reckordt ist Mitglied des Philippinenbüros in Essen (D) und schreibt zurzeit seine Diplomarbeit in Geographie über Shopping Malls in den Philippinen.

Literatur

Margarete Payer: Zur Geschichte der Philippinen; Online unter: www.payer.de/hbiweltweit/weltw43.
Rosario M. Cortes: The Filipino Saga – History as Social Change, Quezon City, 2000 (541 S., mit ausführlichem Index)

Fussnoten

  1. So findet man in fast allen philippinischen Sprachen Einflüsse von Sanskrit und dem Tamilischen.
  2. Dabei waren die Chinesen den Spaniern nicht immer wohlwollend gestimmt. Zum Beispiel wurden bei einem Umsturzversuch 1603 angeblich ca. 23000 Chinesen getötet. Siehe Cortes, S.56f.
  3. Guam, die Marianen, die Karolinen und Palau wurden allerdings aus den Philippinen ausgegliedert.
  4. Diese Zeitspanne wurde Ende der 50er Jahre drastisch gekürzt.
  5. Brunei (1984), Vietnam (1995), Laos und Burma (1997), sowie Kambodscha (1999) sind dem Bündnis nach und nach beigetreten.
  6. Quelle: aseansec.org
  7. Die 1989 gegründete APEC besteht aus folgenden Mitgliedern: Australien, Brunei, Chile, China (inkl. Hongkong), Indonesien, Japan, Kanada, Südkorea, Malaysia, Mexiko, Neuseeland, Papua-Neuguinea, Peru, Philippinen, Russland, Singapur, Taiwan, Thailand, USA und Vietnam.


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