FriZ - Kolumne aus Nr. 4/2007

Arne Engeli: Mein Friedenstagebuch 2007

Winterreise nach Bosnien-Herzegowina

Wir fahren mit Sezam, einer kleinen bosnischen Organisation aus Zenica, in das abgelegene serbische Dorf Blatnica in der Republica Srpska. Unterwegs Abfalldeponien längs der Strasse und an der Bosna. Zerschossene, abgebrannte Häuser, hier verlief die Frontlinie. Das Land wird kaum landwirtschaftlich genutzt. Die Dörfer sind jetzt ethnisch 'clean'. Die Schulgemeinde besteht aus drei Dörfern. Ins Dorf Kamenica sind Muslime zurückgekehrt, 180 gehen dort zu Schule und werden von der serbischen Lehrerschaft aus Blatnica in der Nachmittagsschicht unterrichtet. Das ist eine Herausforderung. Der Krieg mit seinen schrecklichen Erlebnissen hat das Vertrauen zerstört. Nun muss gelernt werden Feindbilder zu überwinden, einander mit Respekt zu begegnen, wieder ein bosnisches Haus zu betreten. In den gemischten Workshops, angeboten von Sezam, wird gewaltfreie Kommunikation trainiert. Neue Arbeitsmethoden werden ausprobiert. Mit Lehrenden aus fünf anderen Schulen, darunter auch solche kroatischer Ethnie, wird ein Austausch gepflegt; Freundschaften entstehen, Projekte werden entwickelt, zum Beispiel gemischte Sportgruppen, Theater, Bäume pflanzen ums Schulhaus.
Beklagt wird, dass die Politiker in der Republika Srpska immer noch auf Separation hin arbeiten. Sollte Kosovo unabhängig werden, wollen sie das auch für sich beanspruchen – oder sich Serbien anschliessen. In der Föderation stehen gegenwärtig grosse Wahlplakate für die Partei des Ministerpräsidenten von Kroatien, Ivo Sanader - alle kroatischstämmigen Bürger Bosniens können an der Wahl im Nachbarland teilnehmen. Bosnien ist noch immer ein geteiltes Land.

Die Gedenkstätte in Srebrenica

Wir stehen vor der Fabrikhalle, in der das holländische UN-Batallion stationiert gewesen war. Ein Überlebender des Massakers vom 21. Juli 1995 berichtet die unfassbare Geschichte: Vor den Augen der Blauhelme wurden von den 20 000 schutzsuchenden Muslimen auf Befehl des serbischen Generals Mladic die Männer und Burschen von den Frauen und Kindern getrennt, in Busse verfrachtet und nachher liquidiert. Unser Blick fällt auf die über 3500 weissen Grabkreuze jenseits der Strasse – für die Überreste von weiteren 5000 Opfern, die noch identifiziert oder gefunden werden müssen, ist Platz ausgespart. Ein Film gibt ein erschütterndes Zeugnis, was Frauen erlebten, welches letzte Bild sie von ihren Männern und Söhnen in ihren Herzen tragen.

Bei zurückgekehrten muslimischen Witwen

Im Kanton Tuzla leben noch immer 6000 Frauen und Kinder in acht Kollektivzentren. Jene, die in ihre Herkunftsregion Srebrenica zurückkehrten, trafen dort auf eine serbische Bevölkerung, die ihnen ablehnend gegenüber steht. Manche der muslimischen Zuzügerinnen getrauten sich zunächst nicht, ihre Kinder in die Dorfschule zu schicken. Die Frauenorganisation Vive Zene aus Tuzla begleitet gegenwärtig 70 Familien in drei Dörfern mit dem Ziel, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Ich besuchte eine solche Gruppe in einem kleinen vergessenen Dorf an der Drina. Sieben ältere muslimische Frauen, meist Witwen, die ihre Männer und Söhne durch das Massaker verloren haben, und eine junge Frau mit zwei Kindern reden über ihre Probleme. Es ist ein hartes Leben: kein Verdienst, die Rente reicht nur für das Essen. Das Haus ist zerstört, es wird Baumaterial geliefert, aber gebaut werden muss mit eigenen Händen. Für die Feldarbeit sind nur einfachste Geräte vorhanden. Junge serbische Männer helfen einigen, verkaufen ihre Feldfrüchte auf dem Markt. Trotzdem, das Misstrauen bleibt. Nach den ersten drei Wochen wurde Fesa eine Granate in den Garten geworfen, sie lag für drei Monate im Spital und ist seither behindert. Nach einem Jahr nochmals eine Granate. «Ich bleibe hier, auch wenn sie mich töten wollen!» Eine andere Frau sagt: «Ich komme fünf Kilometer weit am Stock hierher an unsere Gruppentreffen. Wir finden oft zusammen eine Lösung und träumen davon, was wir alles machen könnten. Nachher bin ich ganz entspannt.»

Arne Engeli (a.engeli@switzerland.org) ist ehrenamtlich Geschäftsführer der Stiftung Kriegstrauma-Therapie (Einzahlungsscheine für die beiden Bosnien-Projekte werden gerne zugestellt) und war bis zu seiner Pensionierung beim Heks Programmbeauftragter für das ehemalige Jugoslawien.


Winterreise nach Serbien...

Am Rande der Stadt Novi Sad liegt die Roma-Siedlung Bangladesh. Es regnet, der Boden vor den Hütten ist schlammig, noch immer kein Strom, es ist kalt. Jede der 80 kinderreichen Familien hat in ihrer sauberen Hütte eine Küche und ein Zimmer. Dank des ökumenischen Hilfswerkes, unterstützt von Heks, besuchen die Kinder jetzt die Schule, erhalten Aufgabenhilfe. Die Hütten werden eine nach der anderen in Eigenbau renoviert, dann gibt es auch Elektrizität und die Siedlung wird legalisiert. ... und Kosovo Wir besuchen die Grossfamilie Ahmeti. Die vier Familien mit 21 Kindern wohnen in drei kleinen Häusern, die von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) gebaut worden sind. Xhevdet ist der einzige Mann – Vater, Onkel, Brüder, Cousins, insgesamt 10 Männer und Knaben, wurden damals von serbischen Paramilitärs hingerichtet. Grossmutter und die Mütter haben sich davon nicht erholt – aber die Kinder haben Fuss gefasst, sind voller Energie und Zukunftspläne. An diesem Tag sind Wahlen. Ob eine Lösung gefunden wird, die Frieden bringen kann, ist noch offen.

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