Es geht mir hier nicht darum, die Realität von Mädchen als Soldaten vollständig wiederzugeben, sondern um die Hervorhebung einiger wichtiger Erkenntnisse. Sie stellen bisher unwidersprochene Grundannahmen des Problems in Frage oder gehen detaillierter als bisher auf das Thema Mädchensoldaten ein.
Nicht alle Mädchensoldatinnen wurden - wie manchmal angenommen - verschleppt oder mit körperlicher Gewalt in die bewaffneten Gruppen gezwungen. Sogar in Konflikten wie in Sierra Leone, bei denen Verschleppungen weit verbreitet sind, haben sich nicht alle Mädchen beteiligt, weil sie mit physischer Gewalt dazu gezwungen wurden. In Wirklichkeit lassen sich Mädchen aus einer ganzen Reihe von Beweggründen rekrutieren. Dabei gibt es zwei Hauptszenarien:
Konflikte, in denen sich viele Mädchen "freiwillig" beteiligen, d.h. sie wurden nicht verschleppt oder durch Anwendung von Gewalt dazu gezwungen (obwohl Zwangsrekrutierungen von Mädchen durchaus vorgekommen sind). Beispiele dafür sind Sri Lanka, die Philippinen und Kolumbien.2
Es stimmt, dass in manchen Konflikten Soldatinnen in grossem Masse sexuell ausgebeutet und missbraucht wurden. Es ist auch nicht überraschend, dass sich ein Zusammenhang zwischen Verschleppung respektive Zwangsrekrutierung von Mädchen und systematischer und weit verbreiteter sexueller Ausbeutung und Missbrauch nachweisen lässt (z.B. in Angola, Sierra Leone und Norduganda). Trotzdem darf man nicht davon ausgehen, dass alle Mädchensoldatinnen sexuell ausgebeutet wurden. Damit würden wir ihre individuellen Erfahrungen missachten und sie als eine Kategorie von aktuellen oder potenziellen sexuellen Objekten behandeln. Dies wiederum hat eine weitere Stigmatisierung der Mädchen zur Folge, was ihre zukünftigen Möglichkeiten und ihren Status in der Gesellschaft einschränkt.
In Wirklichkeit treffen manche Mädchen für sich eine positive Wahl, wenn sie Soldatin werden. Denn der Besitz einer Waffe ist, wie das Beispiel der Demokratischen Republik Kongo zeigt, ein effektiver Schutz gegen Vergewaltigung und anderen Missbrauch. In anderen Situationen wählen sich Mädchensoldatinnen einen oder mehrere Sexualpartner. Manchmal aus emotionalen Gründen, oftmals spielen dabei aber auch strategische Entscheidungen der Mädchen eine Rolle: Sie erhoffen sich Vorteile wie grösseren Schutz, Geld, Kleidung oder Transportmöglichkeiten.
Schlussendlich werden auch die meisten Mädchensoldatinnen im Kampf eingesetzt. Daher müssen ihre Erfahrungen und Funktionen als Kombattantinnen im Entlassungs-, Rehabilitations-, und Reintegrationsprozess Berücksichtigung finden, anstatt von der Annahme überschattet zu werden, dass Mädchen in bewaffneten Gruppen oder Streitkräften ausschliesslich zur Erfüllung sexueller Funktionen dienen. Der bisher häufige Ausschluss von Mädchen aus dem Demobilisierungsprozess ist eine Form der Diskriminierung.
Die Erfahrung, verschleppt worden zu sein (manchmal zum wiederholten Male), lässt manche Mädchen ihr Zeitgefühl, ihr Erinnerungsvermögen und ihr Gefühl für die eigene Identität verlieren. Letzteres kann geschehen, weil die Entführer aktiv versuchen, dieses zu zerstören, und/oder weil die Mädchen - in der Hoffnung, fliehen zu können - ihren wirklichen Namen und ihre Herkunft vor den Entführern verbergen wollen:
"Im Lager ist es nicht möglich über deine Familie oder dein Dorf zu reden. Sie sagten uns: hier müsst ihr Eure Eltern einfach vergessen." (Mädchensoldatin aus Angola3)
Dies wiederum lässt den Schluss zu, dass es schwierig sein kann, die Familienmitglieder von Mädchen zu identifizieren. Ausserdem sollten die Mädchen während des Rehabilitationsprozesses beim Neuaufbau ihrer eigenen Identität besondere Unterstützung erfahren und die Möglichkeit haben, ihre Geschichten zu erzählen oder aufzuschreiben. Auf diese Weise lernen sie, ihre eigenen Erfahrungen zu verstehen und ihnen einen Sinn zu geben.4
Für Mädchen spielen oft die gleichen Gründe eine wesentliche Rolle, die auch Jungen zur Teilnahme an bewaffneten Gruppen oder Armeen bewegen. Es gibt aber auch einige spezifische Gründe und solche, die unter Mädchen stärker wirken oder vorherrschend sind.
Ein signifikantes Ergebnis der Studie von Yvonne Keairns ist die grosse Bedeutung von Ausbeutung oder Missbrauch in der Familie oder im Haushalt als primärer Grund für die Entscheidung von Mädchensoldatinnen, sich freiwillig zu melden (z. B. in Sri Lanka, den Philippinen, Kolumbien). Dieses Ergebnis wird unterstützt durch Studien in anderen Konfliktgebieten, z.B. der Demokratischen Republik Kongo. "Ausbeutung im Haushalt" umfasst sexuellen Missbrauch und körperliche Schläge (durch Mutter, Vater oder Stiefvater) ebenso wie Ausbeutung durch Arbeit im Haushalt (z.B. Hausarbeit, Aufpassen auf jüngere Geschwister). Diese Ausbeutung kann zuhause vorkommen, in den Haushalten der erweiterten Familie oder auch an fremden Orten, wenn das Mädchen nicht in der eigenen Familie untergebracht ist:
"Als ich jünger war, versuchte mich einer der Männer meiner Mutter zu missbrauchen. Er versuchte mich zu vergewaltigen, und weil ich mich wehrte, wurde er böse. Er stritt mit mir und mit meiner Mutter (...) daher wollte ich nicht länger bei meiner Mutter wohnen." (Kindersoldatin aus Kolumbien6)
"Etwa zehn Tage vor dem Hochzeitstag begann ich, meine Flucht zu planen. Ich versuchte meine Eltern zu überzeugen und wartete, aber sie waren sehr unnachgiebig und hörten mir gar nicht zu. Sie hörten niemals zu. Am Tag vor der Hochzeit war alles fertig. Ich rannte weg. Ich rannte weg vor einer Hochzeit, die ich nicht wollte." (Mädchensoldatin aus Sri Lanka7)
Ein weiterer wesentlicher Beweggrund für die Mädchen ist die Suche nach Schutz für sich selbst. Angesichts des hohen Grads an körperlichem und sexuellem Missbrauch in einigen der derzeitigen bewaffneten Konflikten, kann die Entscheidung sehr rational sein, zu den Waffen zu greifen anstatt abzuwarten, bis man vergewaltigt, verkrüppelt und/oder getötet wird. Schlussendlich gibt es auch einige Mädchen, die ganz bewusst bewaffneten Gruppen beitreten, weil sie beweisen wollen, dass sie mit den Jungen mithalten können.
Jeder dieser Gründe wirft ein bezeichnendes Licht auf den Status und die Behandlung von Mädchen in der jeweiligen Gesellschaft. Natürlich sind sie meist nicht die einzigen Gründe für den Entschluss - Mädchen sind dem gleichen Druck, aber auch den gleichen Verlockungen ausgesetzt wie Jungen. Aber nur, wenn wir ihre spezifischen Beweggründe wahrnehmen und daraus auch die entsprechenden Konsequenzen ziehen, wird Prävention möglich. Wenn nicht, werden Mädchen weiterhin diskriminiert und während der Entlassungsphase, der Reintegration und in der Nachkriegszeit falsch behandelt werden.
Die für die Studie geführten Interviews zeigen, dass Mädchen, die sich aus eigenem Antrieb zur Beteiligung entschlossen hatten, damit Stärke zur Unabhängigkeit und Charakter gezeigt hatten - dies sollte anerkannt und gefördert werden. Dies kann insbesondere bedeuten, dass Mädchen, die sich auf Grund der häuslichen Ausbeutung und des Missbrauchs den bewaffneten Gruppen angeschlossen hatten, an einer "Rückkehr" zu ihren Familien kein Interesse haben.
Manche Mädchen hatten den Eindruck, dass sie durch ihre Beteiligung auch persönliche Vorteile genossen: Entweder, weil sie sich selbst gegen Vergewaltigung, Verletzung oder Tod schützen, oder weil sie neue Fähigkeiten erwerben konnten. Einige Mädchen erfuhren, dass sie fähig waren, in der Gruppe oder der Bewegung auf gleicher Ebene wie die Jungen teilzuhaben, einige erwarben Führungsqualifikationen:
"(...) Sie machten mich zum 'team leader', weil sie glaubten, ich sei aufgeweckt und smart. Dann haben sie mich als Sanitäterin ausgebildet. Sie zeigten mir traditionelle Heilmethoden." (Mädchensoldatin aus den Philippinen, die mit 13 Jahren in die Bewegung eintrat8)
Trotz allem: Das Hervorheben einiger Vorteilen bedeutet nicht notwendigerweise, dass die Entscheidung zur Beteiligung nicht doch bedauert wird. Dieses Bedauern wird oftmals genährt durch negative Konsequenzen wie Verletzungen, die Abscheu vor Kampfeinsätzen, die Sehnsucht nach Familienmitgliedern oder der Erkenntnis, dass möglicherweise das Leben zu Hause doch nicht so schlimm gewesen ist.
Ehemalige Mädchensoldatinnen leiden unter genauso vielen Problemen für ihre Zukunft wie Jungen: etwa unter fehlender Ausbildung, an der Erfahrung von Tod und Zerstörung oder an Verwundungen. Was sie unterscheidet, ist ihr Status in der Gesellschaft. Ihre in jeder Hinsicht stärker eingeschränkten Möglichkeiten sind eingebunden in gesellschaftliche und personalisierte Vorstellungen über Mädchen, die am Kampf teilgenommen haben und/oder in einer bewaffneten Gruppe gewesen sind. In einem solchen Umfeld verstärkt die Annahme, dass Mädchensoldatinnen automatisch auch sexuell missbraucht oder sexuell aktiv sind, die gesellschaftlichen Stereotypen über Mädchen und den "Wert" von Jungfräulichkeit. Diese Annahmen mögen im Einzelfall zutreffend oder falsch sein, sie beeinträchtigen aber in jedem Falle die Möglichkeiten des Mädchens sowohl bei der Berufswahl wie auch punkto Heiratsaussichten. Offensichtlich wird dabei das Risiko einer Zukunft als Prostituierte.9
Schulbildung, Berufsausbildung und professionelle Fähigkeiten sind für Jungen wie Mädchen gleichermassen fundamental wichtig. Aber eine Teilnahme an solchen Massnahmen wird für Mädchen dann besonders schwierig, wenn sie selbst Kinder haben: Einerseits weil es die Tendenz gibt, solche Mädchen von der Ausbildung aus zu schliessen, andererseits wegen der Belastung, für ihr Kind zu sorgen.
Die Studie "The Voices of Girl child Soldiers" stellt Mädchensoldatinnen nicht als blosse Opfer dar, sondern auch als Überlebende dargestellt. Dies ist eine grundlegende Voraussetzung um verstehen zu können, wer diese Mädchen sind, schreibt Yvonne Keairns: "Diese Mädchen zeigten ein starkes Selbstwertgefühl, sonst hätten sie nicht überlebt. (...) Die Mädchen wissen, dass sobald andere erfahren, dass sie in einer bewaffneten Bewegung gedient haben, selbst wenn es gegen ihren Willen war, sie als nicht vertrauenswürdig und insgesamt geringwertiger angesehen werden. Trotzdem streben sie weiterhin nach einem menschenwürdigeren Leben."
R
achel Brett ist Repräsentantin (Menschenrechte und Flüchtlinge) des UN-Büros der Quäker in Genf und Mitglied des Steuerungsausschusses der Coalition to Stop the Use of Child Soldiers. Dieser Artikel basiert in erster Linie auf der 2002 erschienen Studie "The Voices of Girl Child Soldiers" von Yvonne E. Keairns (s. Literaturliste), für die Mädchensoldaten in vier Konfliktgebieten interviewt wurden (in Angola, Sri Lanka, den Philippinen und Kolumbien). Der vollständige Artikel erschien im Newsletter 6/02 der Coalition to Stop the Use of Child SoldiersFussnoten
1 In einer Studie wird festgestellt, dass Jungen und Mädchen im Alter zwischen 12 und 14 mit dem grössten Risiko leben, rekrutiert zu werden. (UNICEF/EaPRO, 2002)
2 Nach den Ergebnissen einer Studie hatten sich 58% der Jungen und Mädchen freiwillig gemeldet, 23% wurden zwangsrekrutiert, die Situation der verbliebenen 19% blieb unklar (UNICEF/EAPRO, 2002)
3 Zitiert in Keairns, Y.E., 2002
4 Einige der Mädchen gaben an, dass ihnen die Interviews in dieser Hinsicht geholfen haben.
5 Der Begriff "Freiwillig" deckt in diesem Zusammenhang jede Rekrutierung ab, die nicht auf Verschleppung oder körperlichem Zwang beruht.
6 Zitiert in Keairns, Y.E., 2002
7 a.a.O
8 a.a.O
9 Machel, Graca. The Impact of War on Children, Hurst&Co, London 2002
Krieg wird traditionellerweise als männliches Reservat begriffen und diese Vorstellung enthält immer noch einen grossen Teil Wahrheit. Allerdings beteiligen sich Frauen und Mädchen zu einem viel stärkeren Ausmass an der Kriegsführung, als allgemein angenommen wird. Obwohl die genaue Zahl unbekannt ist, gehen Schätzungen davon aus, dass dort, wo Mädchen in Streitkräften oder bewaffneten Gruppen anwesend sind, sie etwa ein Viertel bis ein Drittel der Kindersoldaten stellen. So sind z.B. in Kolumbien (Paez, Erika, 2001) und in Zentralmindanao (Cagoco Guiam, 2002) jeweils 20 bis 30 Prozent der Kindersoldaten Mädchen.
Susann McKay und Dyan Mazurana von der kanadischen Initiative "War Affected Children" haben die weltweit vorhandenen Angaben über Mädchensoldatinnen für das Jahrzehnt von 1990 bis 2000 ausgewertet (s. Literaturliste). Demnach nahmen in dieser Zeitspanne in mindestens 39 Ländern Mädchen jünger als 18 Jahre an bewaffneten Konflikten teil. In zwei Dritteln dieser Länder gibt oder gab es dokumentierte Fälle von Verschleppungen oder gewaltsamer Rekrutierung von Mädchen.
Anzahl (und Prozentsatz) der beglaubigten Fälle von Mädchensoldatinnen bei Streitkräften und bewaffneten Oppositionsgruppen in 39 Ländern (1990-2000):
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Regierungs-Truppen | Paramilitärs/ Milizen | Bewaffnete Opposition |
| Mädchen beteiligt
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26 (37%) | 10 (25%)
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23 (100%) |
| nicht beteiligt
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43 (62%) | 30 (75%) | 0 (0%) |
Welche Rollen nehmen Mädchen in Streitkräften und bewaffneten Oppositionsgruppen ein? Angaben in Prozent über die Häufigkeit der acht identifizierten Mädchenrollen aufgrund der bestätigten Fälle in den Jahren 1990-2000 (die meisten Mädchen nahmen in ihrem Soldatenleben mehrere dieser Rollen ein):
Einsatz als Kämpferin 41 %
bei Selbstmordaktion 10 %
als Trägerin 25 %
als Köchin 13 %
als Lager-Mitarbeiterin 18 %
als Spionin 1 %
bei Plünderungen 21 %
für sexuelle Dienste 28 %
Quelle: McKay/Mazurana, 2000
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