Seit meiner Kindheit erlebe ich den 1. August als irgendwie himmeltraurig. Das ist eigenartig; ich liebte nämlich die grossen Feste des Jahres, die Kirchweih mit dem Riesenrummelplatz rund ums alte Schulhaus, die Fasnacht, Weihnachten, Ostern, selbst den Karfreitag, wenn im romanischen Kirchturm die Glocken nicht läuteten und an ihrer Stelle die Holzraffeln ratterten, Fronleichnam mit der Prozession durchs Dorf. Da knallte es auch, wenn der Pfarrer bei jedem der eigens aufgerichteten Strassenaltare dem Volk die Monstranz zeigte, die Ministranten mit den Glöcklein bimmelten, das Weihrauchfass schwangen. Vom Getreidesilo der Neumühle aus gab man den Bauern ringsum mit einer Fahne das Zeichen, sie sollten jetzt wieder einen Holzklotz sprengen. Es knallte auch am 1. August, an dem im Dorf tagsüber noch gearbeitet wurde, nach der Rede und der Blasmusik, aber himmeltraurig; nicht nur die drei Stabraketen in Bierflaschen zum Himmel gerichtet, die ich zünden durfte, waren enttäuschend, es war himmeltraurig überhaupt, wenn man vom Feierplatz nach Hause ging und alles verpufft war, obwohl ich damals für jedes patriotische Gefühl zu haben war.
Wäre ich beinahe immer noch, mit meinem inzwischen geläuterten, an einem Zipfel noch festgehaltenen "Verfassungspatriotismus"! Was soll also die zweifelhafte Mischung aus Melancholie und Nostalgie?
Mit gut zwanzig erlebte ich den ersten quatorze juillet in Paris. Die Militärparade verpasste ich, das grosse feu d'artifice für alle nicht und nicht den Tanz in der Gasse vor dem Hotel. Diese Pariser freuten sich offenbar ungeniert, Französinnen und Franzosen zu sein. All die Jahre immer wieder, vom letzten Kaff in der Bretagne bis zum Dorf in der Provence, dasselbe gute Gefühl bei einem Nationalfeiertag, der nicht der meine war. Zugegeben, ich bin frankophil.
Hierzulande verwandelte sich über die Jahre hinweg die Melancholie der Kindheit in eine sinnlos grösser werdende Wut über die verdammte Knallerei. Unsere Hunde gerieten, je älter sie wurden, Jahr für Jahr am 1. August in immer grössere Panik. Jetzt haben wir keine Hunde mehr, und die Katzen sind offenbar so klug, am sichersten Ort im Haus oder Garten alles gar nicht zur Kenntnis zu nehmen. Nicht mal ignorieren tun die das!
Aber dieses Jahr begriff ich endlich etwas, was Wut wieder zur adäquaten Wahrnehmung dämpfte. Um Mitternacht schien es langsam vorbei zu sein. Ich ging in den Garten. Da brachte ein liebender Vater für seine drei kleinen Töchter, und irgend ein Onkel war noch dabei, in der schmalen Strasse im stillen Quartier drei rauchende Vulkane zum Sprühen. Dazwischen die landesüblichen Kleinknaller, wahrscheinlich made in China. Ich merkte, wie ich trotz der Begeisterung der Mädchen und dem ernsten Hantieren ihres Vaters langsam sauer wurde. Garten, Haus und Strasse eingenebelt. Als er noch einen vierten (und vielleicht einen fünften, sechsten siebten, dachte ich!) zünden wollte, fragte ich, ob das nicht alles viel besser da oben auf der Wiese sich abspielen könnte. Der, den ich für den Onkel hielt, sagte: "Es ist immerhin erster August." Sie zogen ab, die Mädchen empört, und ich hörte noch, wie Papa sie pädagogisch tröstete, der alte Mann wolle wahrscheinlich schlafen. Denkste! Der "alte Mann" hatte endlich etwas begriffen! Nach all den Reden von rechts und von links und von der Mitte fürs "Volk" und für niemand lässt man hierzulande das Volk sein, für sich sein, jeder und jede für sich. Und das Volk sagt sich: Nun lasst uns mal knallen, jeder und jede für sich und für niemand, es ist immerhin erster August. Recht hatte der Onkel. Und ich sage mir: "Gelassenheit, alter Patriot", und, leise grinsend: "nun knallen sie wieder." Es bleibt die vielleicht auch schweizerische Utopie, es solle irgendwann nie mehr und nirgends befürchtet werden: Nun schiessen sie wieder.
Manfred Züfle ist Schriftsteller, Publizist und Intellektueller. Er war Präsident und Sekretär der ehemaligen Gruppe Olten und schreibt für ein Jahr die Kolumne in der friZ.
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