FriZ - Kolumne aus Nr. 6/2003

Wohin mit der Wut?

Die Frage stelle ich mir, je älter ich werde, immer häufiger. die Frage passt vielleicht nicht ganz in eine Zeitung, die sich für Frieden einsetzt. Sie passt auch nicht ganz zu mir als politisch engagiertem Menschen. Ich verabscheue Krieg in jeder Form, weil jeder Krieg zulässt, dass Menschen getötet werden - aus diesem einen Grund entsetzt mich Krieg. Aber "friedfertig" würde ich mich auch nicht nennen; die Wut im Kopf, im Bauch ist zu gross, wird grösser von Tag zu Tag.

Die vielleicht grösste Leistung der jüdischen Kultur ist und bleibt das einmalige Gebot: Du sollst nicht töten. Der Gott Abrahams wollte keine Menschenopfer haben, und Abraham den Isaak dem Jahwe wohl auch nicht geben. Nur aus Gehorsam vor einem alten blutigen Gesetz ging der Patriarch so weit, wie er ging - und erfuhr von dem dort oben, dass Gesetze, die Töten implizieren, nicht gelten. Der ungläubige Jude Sigmund Freud sprach von einem "Fortschritt an Geistigkeit" im Jüdischen im Zusammenhang mit dem Verbot, sich ein Bild zu machen (von Gott und von Anderen). Freud war kulturpessimistisch genug, um zu wissen, dass dem Töten die falschen Bilder voraus gehen.

Als ich Kind war, war Krieg, nicht bei uns, aber rundherum. Nacht für Nacht zwar Sirenen, meistens zweimal, einmal wenn die Bomber unsere Neutralität überflogen, und das zweite Mal, wenn sie die Bomben abgeworfen über Städten und Menschen. Als Kind dachte ich im Bett: Wann bringt endlich jemand den Hitler um? Das war die Angst - und die Wut, zum ersten Mal. Später erklärte man uns an der Kantonsschule, warum im fernen Korea, von dem wir in der Geographie noch nichts gehört hatten, ein Krieg unausweichlich und gerecht war: die rote oder gelbe Flut, die uns sonst auch hier bald bedrohen würde in der kleinen, katholisch verschlafenen Stadt am See. Wahrscheinlich glaubten wir es. Noch später, als man in Vietnam, von dem ich etwas mehr wusste, dieselbe Flut einzudämmen vorgab, verlor ich endlich jeden Glauben an heiligen Krieg. Die Wut aber bekam mit jedem Mal, wo reines Machtinteresse immer ungeschminkter seine kriegerische Fratze zeigte, einige Gründe mehr für sich - und konnte sich immer weniger die Ohnmacht verbergen. Seit der kalte Krieg zu Ende ist, sind die Kriege wieder heiss geworden - und man zündelt ungeniert mit der Drohung, man könne, wo immer man wolle, Krieg in Brand stecken, wenn Macht angezweifelt würde.

Und der Widerstand, die Revolution, ohne die nie die rasende Fahrt in den Abgrund gebremst werden könne, wie Walter Benjamin es schon gesehen hat? Franz Hinkelammert, mein Freund in Costa Rica, hat seinem Freund Cardenal in Nicaragua untersagt die Revolution heilig zu sprechen: selbst wenn sie nötig sei, heilig sei sie genau so wenig wie der Krieg.

Aber: wohin mit der Wut? Wahrscheinlich ist die Frage falsch gestellt. Nirgends hin muss die Wut. Die Wut muss bleiben. Die Wut muss sagen, dass; zum Beispiel und vor allem, dass immer wieder irgend einer in Interessen, die sich lieber selbst nicht öffentlich zeigen möchten, töten lässt, heisse der nun Bush oder Putin oder - Bin Laden.

Reicht das? Der Wut vermutlich nicht. Aber wenn die Wut verstummt, wird sie dumm und dumpf, wenn sie stumm zur Tat schreitet, gefährlich. Die Wut jedoch, die artikuliert, nicht bloss sich selbst und nicht als kurzer Aufschrei, sondern insistent. macht sich, wie sehr sie auch zum Schweigen gebracht werde, unüberhörbar. Mein Freund in Costa Rica, Franz Hinkelammert, nennt das in seinem jüngst auch auf deutsch erschienen Buch, den Schrei des Subjekts. Kurz und bündig ist der Inhalt dieses Schreis: Kein Gesetz keiner Macht, und jedes lässt schliesslich töten, wenn ihm nicht gefolgt wird, kann das nackte Recht zu leben der Menschen und aller Kreatur zum endgültigen Schweigen bringen, es sei denn, es wäre bereit die Welt und sich selbst zu vernichten. Da ist die Wut, da muss sie bleiben.

Manfred Züfle ist Schriftsteller, Publizist und Intellektueller. Er war Präsident und Sekretär der ehemaligen Gruppe Olten und wird für ein Jahr die friZ-Kolumne schreiben. Soeben sind Erzählungen und Geschichten von Manfred Züfle unter dem Titel "Eines natürlichen Todes" bei der edition 8 erschienen.


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