FriZ 6/2003

Kürzlich sind die Briefe von Vre Karrer aus Somalia in Buchform erschienen. Die Lektüre geht unter die Haut, die Autorin hat sie sich buchstäblich vom Leib geschrieben. Deshalb hat man beim Lesen oft den Eindruck mit ihr in Merka zu sein. Von Jenny Heeb

Und grüsse euch mit dem Lied des Regenvogels

Das Buch mit diesem Titel enthält vor allem Briefe von Vre Karrer, die sie an Bekannte und Verwandte schickte und an den Freundeskreis, der ihre Arbeit in Merka unterstützte. Ergänzt werden die Briefe durch ein Porträt, geschrieben von ihrer Freundin Verena Büchli, durch eine Betrachtung von Willy Spieler zu Vres religiös-sozialem Hintergrund und einem sehr berührenden Brief von Vres Tochter Maya, den sie einige Monate nach dem Tod ihrer Mutter an diese gerichtet hat. Ausserdem findet sich am Schluss des Buches eine Zusammenstellung der Aktivitäten der Genossenschaft "New Ways" in Merka, die Vre Karrer aufgebaut hatte, sowie ein Überblick zu Geschichte und Gesellschaft Somalias, verfasst von Elisabeth Bäschlin.

In ihrem Vorwort schreibt Elisabeth Bäschlin, dass Vre Karrer zu den "verrückten Idealistinnen" gehörte, die wir brauchen. Vre Karrers Briefe legen davon Zeugnis ab.

In ihren Briefen kommt ihre tiefe Überzeugung, dass Friede nie mit Waffen erreicht werden kann zum Ausdruck. Sie hält nicht viel von der UNO, die ihrer Meinung nach die Interessen der alten Elite des Landes gegen das arme Volk verteidigt. Sie erlebt, wie UNO-Truppen sich an Schiessereien in Merka beteiligen, deshalb fordert sie die Leser der Briefe mehrmals auf: "Schaffen wir eine UNO-Friedenstruppe ohne Waffen, damit diese die Hände frei hat für lebensnotwendige Dinge." Einmal berichtet sie über eine erfreuliche Erfahrung mit nigerianischen UNO-Soldaten. Sie wird von ihnen in ein von Cholera heimgesuchtes Dorf begleitet und in der Pflege der Kranken unterstützt. Ein junger Nigerianer meint nachher zu ihr: "Dieser Tag ist für mich persönlich ein echter UNO-Einsatz gewesen, so wie ich es mir vorstellen könnte."

Vre Karrer duldete keine Waffen innerhalb des Geländes der Genossenschaft. Sie wurde aber oft von jugendlichen bewaffneten Banditen bedroht, die nach Essen und Geld verlangen. Sie beschreibt sehr anschaulich, wie es ihr in vielen Fällen gelang, diese jungen Männer zu überzeugen, ihre Gewehre niederzulegen, und sie innerhalb der Genossenschaft zu beschäftigen.

Am 30.11.1997 schreibt sie: "... die Zahl der - meist jugendlichen - Banditen, die ihre Gewehre abgegeben haben und den Umschulungskurs 'put the pen and get the pen' (Lege das Gewehr nieder und nehme die Feder zur Hand) besuchen, ist inzwischen auf hundertzweiundfünfzig gestiegen."

Neben ihrer pazifistischen Überzeugung, war ihr der Genossen-schaftsgedanke sehr wichtig. Immer wieder betont sie, dass New Ways in Merka kein Hilfswerk sei, sondern eine Genossenschaft. Am 18. Juli 1996 schreibt sie über die Farmergenossenschaft Ambe Banaan: "Diese Frauen sind besonders stolz auf die Genossenschaft. Sie sagen ’Endlich ist es soweit, dass unsere Männer auch mithelfen, das Land zu bebauen.' Denn in der Genossenschaft gibt es eine einfache Regel: Nichtstuer haben auch nichts zu essen."

In den meisten ihrer Briefe erzählt Vre Karrer von den Schwierigkeiten beim Aufbau der verschiedenen Zweige von New Ways; macht sie ihrer Trauer und Wut über Hunger und Armut und über die schrecklichen Minenunfälle Luft. Doch es gibt einige Briefe, in denen Vres Humor zum Ausdruck kommt, dies vor allem in Passagen über ihre zahlreichen Begegnungen mit Wanzen, Ratten, Spinnen... Ihren Esel Bioley, mit dem sie überall unterwegs ist, liebt sie sehr; Kamele muss sie hin und wieder verarzten.

Auch ist sie eine gute Beobachterin der Natur, manchmal kommt sie dabei ins Philosophieren, wie in einem ihrer letzten Briefe vom 31. Januar 2002. Drei Wochen vor ihrem gewaltsamen Tod. Sie schreibt: "Ich bin am Meer... Die letzten Sterne verblassen am Himmel, sanft und leise beginnt die Dämmerung... Allein in der Natur finde ich mich immer wieder zurecht. Das Alleinsein unter vielen Menschen ist aber etwas ganz anderes .Die Einsamkeit mit einer Idee für etwas Ganzes und Umfassendes wie zum Beispiel Friede und Brot für alle Menschen, dieses Alleinsein ist oft unerträglich kalt, ja so kalt wie der Tod. - Ich habe gelernt allein zu sein in Afrika, und es ist gut so und wichtig für mein Leben."

Elisabeth Bäschlin (Hg.): Und grüsse Euch mit dem Lied des Regenvogels. Vre Karrer - Briefe aus Somalia. 2003, eFeF Verlag, Bern/Wettingen. ISBN: 3-905561-50-6. Fr. 35.-

Das Buch wird am 14. Januar 2004 um 20 Uhr in der Kornhausbibliothek in Bern (3. Stock, Kornhausplatz) vorgestellt. Eintritt frei


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