Der Saal ist voll, die Referentin durch die Konferenzleitung begrüsst und das interessierte Publikum sieht sich einer sympathischen, jungen Frau gegenüber, die nicht recht weiss, wie sie anfangen soll. Von einer schwierigen Aufgabe spricht sie, die ihr hier als Abschlussrednerin bevorstehe. Von Zweifeln, ob sie denn dem Publikum etwas zu sagen habe, und Feminismus, ja darüber wisse sie eben nicht allzu viel. Sie habe sich auch in Angola unter den Mitgliedern der vielen Frauengruppen erkundigt, was sie zum Feminismus zu sagen hätten - eigentlich nichts, sie hätten andere Sorgen, sie müssten überleben... Ja, sie sei skeptisch gewesen, ob sie wirklich etwas beitragen könne zur Diskussion einer feministischen Friedenskonferenz. Aber dann habe sie sich gesagt: "Graça, geh da mal hin, vielleicht kannst du etwas lernen für deine Arbeit." Sollte ihr nun diese Rede misslingen, so sei halt der cfd schuld, sie mache das jetzt mal ganz angolanisch, man schiebe die Verantwortung möglichst ab, und der cfd habe sie ja schliesslich eingeladen, also...
Das Publikum folgt amüsiert und auch einwenig überrascht über die masslose Bescheidenheit dieser Einleitung, wie ich jetzt mal von mir auf die Allgemeinheit zu schliessen wage. Mit den darauf folgenden Ausführungen wird der bereits aufgekeimte Verdacht genährt, dass doch viel steckt in der Frau, die ihr Licht dermassen gut unter dem Scheffel versteckt. Engracia Domingos Francisco spricht über Angola, die lange Zeit des Bürgerkriegs, die verlorenen Perspektiven und die Situation der Frauen, ihren Ausschluss, ihre Stärke und ihre Verletzlichkeit. Davon dass die Frauen genug haben von Kämpfen, eine Balance wollen, auch eine Genderbalance - sie wollen gemeinsam mit den Männern arbeiten. Frauen sind aktiv, beschaffen trotz der miserablen Wirtschaftslage Geld aus Verkäufen von Nahrungsmitteln oder illegalem Geldwechsel und kommen damit in Konflikt mit den traditionellen Werten, in denen der Mann für die Familie sorgt. Über den "Genderblick" der Referentin ist man dann nicht mehr wirklich überrascht. Umso gespannter macht sich eine kleine Gruppe auf in den Workshop der Referentin.
Es wird nicht konsumiert, nein, Frau Domingos Francisco macht uns mit einem Augenzwinkern klar, dass sie uns arbeiten lassen will. Die erste Aufgabe: Mit einigen bunten afrikanischen Tüchern sollen wir uns kleiden, so wie wir denken, dass angolanische Frauen es tun. Die TeilnehmerInnen lassen sich nicht lange bitten, versuchen ihre Vorstellungen umzusetzen und bald sind alle Tücher um Köpfe und Körper gewickelt. "Warum denken Sie, dass angolanische Frauen sich so kleiden?", fragt die Referentin. Frau versucht zu erklären. "Sehen Sie", meint darauf die Referentin, die in Jeans und Bluse gekleidet ist, "hier beginnen die Konflikte. Warum fragen Sie nicht die einzige anwesende angolanische Frau, wie sie sich kleidet?" Die Lektion war deutlich, wir sind ausnahmslos alle in die Falle getappt.
Im folgenden Rollenspiel werden Gruppen gebildet: die (internationalen) GeldgeberInnen, die Regierung, die an Parteien gebundene Frauenorganisation, die oppositionelle Frauenorganisation und die sozial ausgeschlossenen Frauen. Das Ziel ist für alle vorgegeben: Es soll bei den nächsten Wahlen ein Frauenanteil von 30% in Entscheidungspositionen erreicht werden. Zu kurz ist die Zeit, in der wir versuchen uns abzusprechen, mit anderen Gruppen Kontakte zu knüpfen und schliesslich unser Programm zu präsentieren.
Die Regierung geniesst ihre Macht, versucht aber, abgeschlossen von der Umwelt, ein vernünftiges - das heisst ein nicht zu asoziales - Programm, auf die Beine zu stellen. Die Frauengruppen, die sich als wirkliche Vertreterinnen der Frauen im Land verstehen, sehen Alphabetisierungsprogramme vor; sie wollen von allen Frauen gewählt werden und versuchen dafür Geld aufzutreiben. Die GeldgeberInnen kennen ihrerseits die Problematik der Frauen genau und arbeiten Programme aus, die sie unterstützen wollen. Alle versuchen, mit den sozial ausgegrenzten Frauen in Kontakt zu treten, um zu hören, was sie denn brauchen und sie als Wählerinnen zu gewinnen. Diese schliesslich empfinden ein tiefes Misstrauen gegenüber allen anderen Gruppen. Was wollen die von uns? Sind das nicht einfach Eigeninteressen, die da verfolgt werden? Am ehesten können sie sich vorstellen, mit den oppositionellen Frauengruppen zusammenarbeiten; die könnten ihnen vielleicht erklären, wie sisch ihre Situation verbessern liesse.
Die Arbeit in den Gruppen macht deutlich: Alle AkteurInnen handeln kurzfristig denkend, ohne Wahrnehmung der Komplexität der Lage der Frau und immer auf die eigenen Ziele bezogen. Zwar waren wir durch das Einstiegserlebnis etwas sensibilisiert für (un)geschicktes vorgehen, aber natürlich fehlte uns die genaue Kenntnis der sozialen und ökonomischen Situation in dem Land. Das Ergebnis waren ’Lösungsvorschläge', die nicht wirklich eingepasst, vereinfachend und eben nur auf das Wahlziel in einem Jahr ausgerichtet waren.
Wir erfahren schliesslich, dass wir die Wirklichkeit in etwa getroffen hätten. Es gäbe schöne Wahlprogramme, erklärt Engracia Domingos Francisco, die meist die schwierige Realität nicht einbeziehen; eine Regierung, die sich mit niemandem abspricht, und darauf wartet, dass man sich um sie bemüht; Gruppierungen, die ihre Ziele verfolgen und ihre Umgebung dazu nutzen.
In jeder Phase dieses Workshops versuchte Engracia Domingos Francisco das Gespräch in Gang zu bringen, liess uns Stellung beziehen, austauschen. So versteht sie ihre Arbeit, und so übt sie sie hier wie in ihrem Heimatland aus. Sie geht hin, um mit den Leuten zu sprechen. Sie animiert sie, sich zu engagieren. Nicht nur Regierungen verharren in ihren Positionen, auch "Opfer" tun es. Sie will Wege aufzeigen, wie Situationen verändert werden können, ohne die Realität aus den Augen zu verlieren. Friede beginnt mit der Einsicht der Einzelnen. Deshalb zieht es Engracia Francisco zu den Leuten, hinaus aufs Land, oder wo immer sie Bedarf sieht.Nach diesem Workshop wird mit einem Mal klar, was wir da in der Einleitung zu ihrem Referat erlebt haben: Die Kontaktaufnahme einer angolanischen Frau, auf ihre Art..
Eine wahrhaft begabte Kommunikatorin!
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