FriZ 3/2003

In ihrem Workshop thematisierte die Soziologin Theresa Furrer wie unterschiedlich der Begriff "Sicherheit" besetzt werden kann. In ihrer Forschung stellt sie einen Prozess der Verschiebung des vorherrschenden Sicherheitsbegriffes fest. Von Peter Schneider

Von der sozialen Sicherheit zum Polizeistaat

Sicherheit ist ein höchst vieldeutiger und durchaus wandelbarer Begriff. Dies zeigt allein schon die Geschichte seiner Entwicklung (vgl. unten).

Was kommt uns zum Begriff Sicherheit in den Sinn? Welche Bilder und Gegenstände assoziieren wir mit "Sicherheit"? Mit solchen Gedankenspielen waren die TeilnehmerInnen des von Theresa Furrer geleiteten Workshops aufgefordert, sich mit dem eigenen Sicherheitsbegriff auseinanderzusetzen.

Es gibt also viele Sicherheiten: Sicherheit vor einem militärischen Angriff, finanzielle Sicherheit, Sicherheit vor Gewalttaten, Sicherheit der Versorgung mit Nahrungsmitteln oder Rohstoffen, Sicherheit vor Technikfolgen oder Naturkatastrophen.

Trotz der Unschärfe des Begriffs hat Sicherheit in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert: "Die Wahrung und Förderung von Sicherheit und Frieden" wird im "Bericht über die Aussenpolitik der Schweiz in den 90er Jahren" von 1993 als erste von fünf aussenpolitischen Zielsetzungen der Schweiz genannt. Und vom Vorhängeschloss über den Bewegungsmelder bis zum Anti-Viren-Programm wird sie von einer breit gefächerten Sicherheitsindustrie bestens vermarktet.

Sicherheit ist männlich

Die US-amerikanische Professorin für internationale Beziehungen Judith Ann Tickner1 konstatiert, dass die gesamte gegenwärtige Sicherheitsdiskussion durchwegs männlich geprägt ist (Tickner bezieht sich vorab auf die politisch-militärische Sicherheit). An dieser Tatsache ändert sich auch dann nichts, wenn soziale und ökologische Aspekte von Sicherheit in die Diskussion einbezogen werden.

Dass sich Frauen weniger sicher fühlen als Männer wurde verschiedentlich nachgewiesen. Eine Sonderstudie der Direktion für Sicherheitspolitik des VBS zum Thema "Sicherheit und Geschlecht" aus dem Jahr 20022 ergab zudem, dass dieser Unterschied eher zunimmt und dass Frauen "zu unterschiedlichen Wichtigkeitseinschätzungen von verschiedenen Sicherheitsaspekten" kommen.

Sicherheit, jeweils neu erfunden

"Wie ’Sicherheit' interpretiert wird, ob etwa soziale Sicherheit, wirtschaftliche Sicherheit oder ’innere Sicherheit' gefordert und bereitgestellt werden, hängt von politischen Forderungen und historischen Gegebenheiten ab. Wer bestimmt nun, mit welchem Inhalt ’Sicherheit' belegt wird? Bestimmen reale Ereignisse das Ausmass der geforderten Sicherheit oder wird mit Propagandamitteln ein bestimmtes Ziel verfolgt?", schreibt Theresa Furrer3.

Sie fordert uns auf, uns hierüber Gedanken zu machen und - darin liegt ihr politisches und feministisches Engagement - zu überlegen, wie wir auf den herrschenden Sicherheitsdiskurs Einfluss nehmen können.

Was in der Schweiz auf diesem Gebiet so ansteht, ist im letzten Herbst erschienenen dritten Bericht der von Bund und Kantonen gebildeten Projektorganisation zur Überprüfung des Systems der Inneren Sicherheit (USIS) ausführlich nachzulesen.4 Darin wird auch erwähnt, dass die Schweiz mit grossem Abstand den europäischen Spitzenwert im Bereich der jährlichen Polizeiausgaben pro Kopf aufweist. Diese Ausgaben sind überdies - während sonst fast überall gespart wurde - in den 90er Jahren real um 0.6 Prozent pro Jahr gestiegen.

Innere Sicherheit auf dem Vormarsch

Theresa Furrer wies bereits in einer 1997 zusammen mit Koni Weber veröffentlichten Forschungsarbeit auf einen eigentlichen Paradigmenwechsel beim dominierenden Sicherheitsbegriff hin: Über weite Teile des 20. Jahrhunderts sei Sicherheit wesentlich als soziale Absicherung durch den Wohlfahrtsstaat garantiert worden. Ende der 1970er Jahre begann dieser gesellschaftliche Konsens zu bröckeln. "Es handelt sich um eine längere Phase gesellschaftlichen Konflikts. Die Sicherheitsstruktur steht zur Debatte, wird umkämpft und umgebaut. In den 1990er Jahren haben diese Konflikte eine bislang ungekannte Schärfe erlangt, und es zeichnet sich ab, worin sich die neue Sicherheitsstruktur von der alten unterscheidet: Sowohl der Wohlfahrtsstaat als auch der Arbeitsfrieden verlieren tendenziell an Bedeutung, und die Politik der Inneren Sicherheit gewinnt zunehmend an Gewicht. Vorab mit dem Verweis auf den globalen Wettbewerb wird ein Teil der Bevölkerung von den (redimensionierten) sozialstaatlichen Sicherungen ausgeschlossen. Dafür liegt in der neuen Sicherheitsstruktur ein Akzent auf der Bekämpfung von illegaler Migration und Kriminalität."

1 Mehr zu Judith Ann Tickner in: Sandra Hedinger, "Frauen über Krige und Frieden, 2000, Campus Verlag (besprochen in FriZ Nr. 1/01)

2 Michael Niederhauser und Stefan Wehrli: Sicherheit und Geschlecht 2002: Sekundäranalyse zur aussen-, sicherheits- und verteidigungspolitischen Meinungsbildung nach geschlechtsspezifischen Gesichtspunkten, VBS, Oktober 2002

3 Aussagen und Zitate von Theresa Furrer stammen aus ihrer 1997 zusammen mit Koni Weber veröffentlichten Arbeit:"Neues Sicherheitsparadigma? - Sicherheit und Sicherheitspolitik in der Europäischen Union 1970-1990" sowie aus ihrem Artikel "Unsicherheit und Risiko. Notizen zu einer Soziologie der Sicherheit" in Widerspruch Nr. 42, 2002.

4 Alle drei bisher erschienenen USIS-Berichte sind unter www.usis.ch publiziert. Der Schlussbericht wird noch dieses Jahr erwartet.


Sicherheit

Das Wort "sicher" ist erstmals bei Cicero und Lukrez belegt. Dort drückt es einen Zustand des "Freiseins von Triebhaftigkeit und Erregung" aus. Im ersten vorchristlichen Jahrhundert bedeutete "securitas" die auf Dauer angelegte Pax Romana. Der Begriff des "Frieden und Sicherheit schützenden Universalreichs" bestand bis ins Mittelalter. Im 16./17. Jahrhundert wurde "Sicherheit" zum staatsrechtlichen Begriff. Von damals stammt auch die Unterscheidung in innere und äussere Sicherheit. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts wurden Aussen- und Militärpolitik zunehmend zu "Sicherheitspolitik".

Sicherheit, begriffen als menschliches Grundbedürfnis, stammt ebenfalls aus jener Zeit. Im 18. Jh. wird Sicherheit als (Lebens-)Sicherung verstanden und mit Eigentum, Wohlfahrt, Ruhe und ähnlichen Dingen in Verbindung gebracht, die der Staat schützen und erhalten solle. Aus dem Gedanken, dass von Unglücksfällen betroffene Personen "versichert" sein, also unterstützt werden sollten, entwickelten sich, vorab in Grossbritannien, die Versicherungsgesellschaften.

Seit dem Ende des 19. Jh. hat die Herausbildung des Wohlfahrtsstaates den Sicherheitsbegriff entscheidend geprägt. Trotz nationaler Unterschiede entwickelte sich in Europa ein relativ einheitliches Muster von Institutionen, die auf ein umfassendes Versicherungs-, Fürsorge- und Gesundheitssystem hinausliefen. Doch seit den späten 1970er Jahren sind diese Institutionen Gegenstand von zunehmenden Auseinandersetzungen und im Umbau begriffen.

(frei nach Theresa Furrer)


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