Was heisst feministisch-friedenspolitische Einflussnahme? Was ist ihr Ziel? Wo findet sie statt? Wer bewirkt was? Diesen Fragen war eine Podiumsdiskussion1 im Rahmen von "womanoeuvres" gewidmet. Teilgenommen hat daran auch die amerikanische Wissenschafterin, Antimilitaristin und Feministin Margo Okazawa, deren eindrücklichen Auftritt wir im Folgenden dokumentieren.Von Detlev Bruggmann
Margo Okazawa ist Professorin für Women Studies und Direktorin des Women Leadership Institute in Oakland (USA). Sie ist auch Mitbegründerin des Frauennetzwerk gegen Militarismus in Ostasien2. Auf dem Podium erzählte sie, wie es zur Gründung dieses Netzwerks kam und was sein Ziel ist:
"Ich kam als ÐProduktð der US-Besetzung Japans nach dem 2. Weltkrieg zu diesem Netzwerk: Meine Mutter ist Japanerin, mein Vater Afro-Amerikaner. Ohne diesen Krieg wäre ich nicht hier, und es ist eine Ironie, dass ich hier bin, um gegen das US-Militär aufzutreten.
Ich war schon bei der Bürgerrechtsbewegung und den Anti-Vietnamkrieg-Protesten dabei. Ernsthaft mit antimilitaristischer Politik habe ich mich jedoch erst nach einem Forschungsaufenthalt in Südkorea 1994 beschäftigt. Zum einen wurde ich dort mit meinen Wurzeln in zwei imperialistischen Nationen konfrontiert. Zum anderen erfuhr ich in Korea, wie Frauenhandel funktioniert und wie Koreanerinnen sexuell ausgebeutet werden für den Dienst an amerikanischem Militärpersonal. Dies war der Anstoss zur Gründung des "East Asia USA Puerto Rico Women's Network against Militarism".
Unser Netzwerk ist ziemlich klein und setzt sich zusammen aus Aktivistinnen, gewählten Politikerinnen, Akademikerinnen und Studentinnen. Die Mitglieder stammen aus Okinawa (eine japanische Kolonie), Japan, Südkorea, den Philippinen, Puerto Rico (eine US-amerikanische Kolonie) und den USA. Ursprünglich befassten wir uns mit den insbesondere für Frauen und Kinder negativen Folgen des US-Militarismus in Ostasien, wo die Vereinigten Staaten zurzeit rund 100000 SoldatInnen stationiert haben. Später begannen wir uns auch mit den militärischen Umweltschäden an diesen Orten und dem Schicksal der zahlreichen gemischtrassigen Kinder zu befassen, die von den GIs im Stich gelassen wurden. Einen Kick erhielt unsere Arbeit im Jahr 2000 nach der Vergewaltigung eines 12jährigen Mädchens auf Okinawa durch US-Soldaten. Dieser Fall, obwohl einer von tausenden, die es zuvor gegeben hatte, gab der Anti-Militärbasen-Bewegung aus zwei Gründen neuen Auftrieb: Zum einen, weil damit das Schema "Gute Mädchen - Schlechte Frauen" entlarvt wurde, in das die von sexuellen Übergriffen betroffenen Frauen üblicherweise eingeteilt werden. Zum andern kamen damals gerade 72 Frauen aus Okinawa zurück von der Weltfrauenkonferenz in Peking. Als sie von der Vergewaltigung erfuhren und mitbekamen, dass die Zeitungen den Fall nur gerade als Notiz auf den hinteren Seiten gemeldet hatten, wurden sie unheimlich wütend und begannen die Bevölkerung von Okinawa zu politisieren."
Das Netzwerk wurde 1997 bewusst nicht als Organisation sondern als loser Zusammenschluss gegründet: Es gibt keine Angestellten, die Frauen des Netzwerks machen alles - von der Administration bis zu den politischen Aktionen - in ihrer Freizeit. Dafür müssen sie nicht Geld auftreiben, um eine Organisation am leben zu erhalten, sondern können es ganz gezielt für politische Aktionen einsetzen. In dieser politischen Arbeit sind für Margo Okazawa die kleinen, alltäglichen Ergebnisse des Netzwerks genauso wichtig wie die grossen, spektakulären Erfolge.
"Wir sind eine sehr kleine Organisation mit einem sehr langen Namen, aber wir hatten doch schon einige Erfolge. Unser jüngster Erfolg ist die Vertreibung der US-Marine von der Insel Viequas am 1. Mai dieses Jahres nach jahrelangem Kampf. Viequas ist eine kleine puerto-ricanische Insel, die - obwohl bewohnt - während Jahrzehnten als Bombenabwurf-Übungsplatz missbraucht wurde.
Andere Erfolge sind für unsere Arbeit als Netzwerk absolut grundlegend: Wir arbeiten und kämpfen in fünf Sprachen (Tagalog, Japanisch, Koreanisch, Spanisch und Englisch). Bereits nach unserem ersten Treffen haben wir die Bedeutung von Sprache begriffen; der eigentliche Erfolg dabei war die Erkenntnis, dass Interpretation und Übersetzung politische Arbeit sind. Übersetzerinnen sind nicht einfach sprechende Wörterbücher, sondern sie haben eine zentrale Bedeutung, weil ihre Arbeit die Teilnehmerinnen des Netzwerks verbindet.
Ein weiterer Erfolg ist für mich, dass es uns gelungen ist, eine klare gemeinsame ideologische Basis für das Netzwerk zu erarbeiten. Das Verblüffendste dabei ist, wie dies zustande kam. Nach vier Jahren stellten wir uns an einem Treffen die Frage: Was sind die Werte und die Vision des Netzwerks? Alle fünf Ländergruppen kamen danach auf die gleichen Antworten: Gerechtigkeit, Antikapitalismus, etc. Diese Übereinstimmung entstand aber nicht aus einer politische Diskussion zu Beginn, sondern aus der konkreten politischen Zusammenarbeit, durch die wir lernten, uns zu verstehen und uns gegenseitig verständlich zu machen.
Eine weitere wichtige Erkenntnis, die wir alle teilen, ist, dass Innen- und Aussenpolitik untrennbar miteinander verknüpft sind. Das heisst auch, dass sich die aussenpolitischen Beziehungen eines Staates nicht von innenpolitischen Beziehungen trennen lassen. Am augenfälligsten wird dies vielleicht bei den Militärbudgets: Die USA planen für 2004 militärische Ausgaben in der Höhe von rund 450 Milliarden Dollar; dazu steuert z.B. Japan für jeden einzelnen der 48000 in Japan stationierten US-Soldaten rund 100000 US-Dollar pro Kopf und Jahr bei, insgesamt also 4,8 Milliarden Dollar."
Margo Okazawa ist nicht nur dezidierte Antimilitaristin, für sie ist es auch sehr klar, welche Rolle feministische Standpunkte in der Friedenspolitik spielen. Ihre Definition von feministischer Friedenspolitik lautet:
"Feministische Friedenspolitik kann meiner Meinung nicht auskommen ohne Bekenntnis zu Gerechtigkeit, ohne eine feministische Analyse der Genderfrage und deren Verknüpfung mit Klasse, Rasse, Ethnie und Nation und sie muss antikapitalistisch sein. Und schliesslich hat feministische Friedenspolitik zwei wichtige Fragen zu stellen. Erstens: Was heisst es, wahrhaft menschlich zu sein in einer unmenschlichen und entmenschlichten Welt? Und zweitens: Was heisst dann echte menschliche Sicherheit? Die Antworten auf diese Fragen sind sowohl Prozesse, die in Gang gesetzt werden, wie auch Erkenntnisse daraus."
Der (feministischen) Strategie des Gender Mainstreaming , d.h. des Einbezugs der spezifischen Bedürfnisse von Mädchen und Frauen in allen Bereichen, steht Marga Okazawa skeptisch gegenüber - vor allem wegen der Widersprüche, die sich beim "Schwimmen mit dem Strom" unweigerlich ergeben:
"Vermutlich verkörpern die meisten von uns als Person schon Widersprüche. Und eine Folge der Zugehörigkeit zum Mainstream ist der Widerspruch jener, die damit den Niedergang des Kapitalismus beschleunigen wollen und gleichzeitig wissen, dass dieser Niedergang auch unser und ihr Schicksal bedeutet. Viele von uns, die aus Organisationen kommen, die von Regierungen oder Stiftungen ins Leben gerufen wurden, wissen, dass Regierungen und Stiftungen niemals ihren eigenen Untergang finanzieren werden - das ist ein Widerspruch in sich. Und ein Argument gegen (Gender) Mainstreaming."
Bedenken geltend machte Marga Okazwa auch gegenüber der Uno-Resolution 13253, die Moderatorin Stella Jegher als "eigentliche Rechtsgrundlage für das Gender Mainstreaming" zur Diskussion stellte:
"Diese Frage wirft für mich eher weitere Fragen auf als Antworten. Die erste Frage: Wessen Resolution ist das? Wer war an ihrer Gestaltung beteiligt? Wer profitiert davon und auf welche Weise? Wer nicht? Die zweite Frage lautet: Wenn wir die Resolution 1325 als nützlich bezeichnen, welches sind dann die Verantwortlichkeitsmechanismen, die dafür sorgen, dass sie auch wie geplant umgesetzt wird? Die dritte und grundlegende Frage ist: Wie sieht unsere Veränderungstheorie aus? Wie stellen wir uns vor, dass wir Veränderungen bewirken? Und die Frage davor muss lauten: Was versuchen wir zu verändern? Und in was versuchen wir es zu verändern?
Letzteres ist auch eine Entgegnung auf die immer wieder geäusserte Bemerkung, dass selbst Millionen von demonstrierenden Menschen auf der ganzen Welt den Irakkrieg nicht verhindern konnten. Ich denke, es ist zu simpel zu sagen: Wir haben alle demonstriert und konnten den Krieg nicht verhindern. Zuerst müssten wir untersuchen, wer was getan hat. Ich denke ein Teil unserer Schwierigkeiten bei unserer Arbeit liegt darin, dass wir zu technische Vorstellungen haben: Da ist das Problem und wir müssen nur das richtige Werkzeug nehmen und dann können wir es beheben. Ich glaube nicht, dass soziale Veränderungen auf diese Weise geschehen."
Entschieden reagierte Margo Okazawa auf eine Aussage der deutschen Journalistin Ute Schäub im Publikum. Diese erklärte mit Hinweis auf die aktuelle Situation im Irak: "Ich denke, wir an dieser Konferenz versammelten Frauen haben eine grosse Verantwortung, dafür zu sorgen, dass die Resolution 1325 im Irak auch umgesetzt wird."
"Ich halte diesen Begriff des "Wir" für problematisch. Wer ist "wir"? Wer sind "sie"? Es gibt grundlegend verschiedene Verantwortungen und Verantwortlichkeiten unter den Gruppierungen, selbst unter denen, die hier an diesem Kongress vertreten sind. Ich denke, dass Frauen aus Ländern des Südens andere Möglichkeiten und Aufgaben haben als jene von uns, die im Norden leben. Daraus ergibt sich die Frage: Was genau sind die jeweiligen Verantwortungen, Verantwortlichkeiten und Möglichkeiten?
Eine andere Frage stellt sich, sobald wir daran denken, eine Art globale Bewegung zu schaffen: Welche Beziehung besteht zwischen Norden und Süden? Und was ist mit den hierarchischen Ungleichheiten im Norden und was mit jenen im Süden? Wir müssen uns darüber klar werden, dass und wie gesellschaftliche Schichtung vertikal und horizontal funktioniert. Es wäre sehr gut für uns, wenn wir dieses "wir" aufmerksam auseinander nehmen würden. In gewisser grundlegender Weise sind wir nicht alle "wir" - in anderer Hinsicht wiederum sind wir "wir". Es ist wichtig, dass wir über dieses "wir" künftig differenzierter sprechen, als wir alle manchmal den Hang haben, es zu tun."
In der politischen Arbeit stiessen die Frauen des Netzwerks in Südkorea, aber auch in anderen Ländern immer wieder auf den Vorwurf, dass feministische Ideen und Menschenrechte Importe aus dem Westen seien und nichts mit dem jeweiligen Land und seiner Kultur zu tun hätten.
"Es ist wichtig zu verstehen, dass solche Vorwürfe letztlich bloss dazu dienen, fortschrittliche Politik zu verhindern. In diesem Fall wird übelster Nationalismus gegen Feminismus eingesetzt. Dabei praktizierten die südkoreanischen Frauen keineswegs den Mainstream-Feminismus der weissen US-Mittelklasse - genauso wenig wie unser Netzwerk. Aber genau dieser Vorwurf wurde als eine Art maskulines Werkzeug eingesetzt, um Frauenanliegen zu hintertreiben.
Deshalb denke ich auch, dass wir von Feminismen sprechen müssen. Es gibt nicht einfach eine Form von Feminismus. Aber diese Feminismen, die in unterschiedlichen Zusammenhängen angewendet werden, müssen dennoch gewisse gemeinsame Grundsätze haben, weil völlig parallele Feminismen auch nicht funktionieren würden.
Im Falle der südkoreanischen Frauen dauerte es auch einige Zeit, bis sich genügend Vertrauen zu uns Amerikanerinnen und zu den Frauen aus den anderen Ländern entwickelt hatte. Das Vertrauen entstand über die Jahre und muss immer wieder geschaffen werden. Ein Grund dafür sind die historischen Beziehungen zwischen unseren Nationen. Ein anderer Grund aber ist der strukturelle Machtunterschied zwischen uns: Wir hätten alle einfach sehr gutmeinende Feministinnen und Frauen bleiben können, die sich fleissig treffen. Doch wir mussten lernen, dass es strukturelle Ungleichheiten zwischen uns gibt, die über unsere persönlichen guten Absichten hinausgehen. Und die z.B. nur schon einen tiefgehenden Einfluss darauf haben, wie wir uns treffen: Vor jedem unserer Treffen haben die Frauen in den Philippinen eine verdammt schwierige Zeit, bis sie ihre Visa erhalten; wir Amerikanerinnen können praktisch überallhin problemlos reisen, danach folgen die Japanerinnen, die Südkoreanerinnen etc. Das heisst, es besteht eine vollständige Hierarchie der persönlichen Bewegungsfreiheit. Dies ist nur ein Beispiel für die konkreten Widersprüche innerhalb unseres Netzwerks, mit denen wir seit Beginn zu kämpfen haben.
Demokratie ist nicht ein Ergebnis, sondern ein Prozess. Diesen Prozess, echte Demokratie, angesichts von strukturellen Ungleichheiten aufrecht zu erhalten, ist selbst für eine so kleine Gruppe wie unsere eine enorme Aufgabe."
Margo Okazawa stellte während der FrauenFriedensKonferenz immer wieder Fragen, die einfach, klar und präzis auf den Kern der Friedenspolitik zielten. So auch zum Schluss der Podiumsdiskussion auf die Frage, was sie von dieser Konferenz mitnehme und welche Allianzen feministische Friedenspolitik brauche:
"Ich denke, es braucht auch noch einige ungebundene BürgerInnen, Menschen, die weder in Uno- noch in NGO-Strukturen eingebunden sind...
Und ich habe einige Fragen. Erstens: Was ist der Zweck einer Allianz? Warum haben wir uns überhaupt hier getroffen? Die zweite Frage ist sehr viel persönlicher: Was heisst es, unsere jeweiligen sozialen Standorte zu besetzen? Welche Verantwortlichkeiten sind mit diesen sozialen Standorten verknüpft? Wem gegenüber sind wir zu Rechenschaft verpflichtet? Die nächste Frage ist sehr persönlich: Wie gehen wir als Individuen, als bewusste Frauen, als Frauen, die sich für Gerechtigkeit einsetzen, mit den strukturellen Widersprüchen um, die wir verkörpern? Und die letzte Frage: Welches ist unsere Vision von einer veränderten Welt?
Mein letzter Punkt ist ein Punkt: Ich glaube nicht, dass das Gegenteil von Krieg Frieden ist. Ich glaube, das Gegenteil von Krieg ist Kreativität. Und was wir heute mehr denn je brauchen, ist Kreativität, um uns Möglichkeiten vorstellen zu können, die wir uns bisher nicht vorstellen konnten. Toni Morrison, die amerikanische Schriftstellerin, schrieb in einem Artikel über ihr Buch "Paradise" (Paradies) einmal über das Paradies: "If you can't imagine it, you can't have it."4 "
1 Auf dem Podium sassen: Margo Okazawa (USA, Professorin für Women's Studies), Patricia Barandun (Schweiz, Mitglied des Schweizer Expertenpools für Friedensförderung), Silvi Sterr (Deutschland, Präsidentin der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit WILPF) und Cordula Reimann (Schweiz, Genderbeauftragte beim Kompetenzzentrum für Friedensförderung KOFF). Moderation: Stella Jegher.
2 East Asia USA Puerto Rico Women Network against Militarism
3 Am 31. Oktober 2000 hat der UNO-Sicherheitsrat anlässlich die Resolution 1325 verabschiedet. Unter Punkt eins mahnt er die Mitgliedstaaten an, sicherzustellen, dass vermehrt Frauen in Entscheidungspositionen von regionalen, nationalen und internationalen Institutionen sowie den Mechanismen für Prävention, Konfliktbearbeitung und Konfliktlösung vertreten sind.
4 Etwa: Wenn Du es Dir nicht vorstellen kannst, kannst Du es auch nicht haben.
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