Ein Gips verändert das Leben, auch wenn er gar nicht aus Gips ist und nicht an meinem Bein. Meine Lebensgefährtin hat so einen giftgelben starren Kunststoffverband am Unterschenkel. Malleolar-Fraktur hiess es im Spital. Sie stöckelt an zwei Krücken, es geht langsam, ich trage ihr Dinge zu, die sie braucht und Dinge von ihr weg, die sie nicht mehr braucht.
Erstaunlich wie so ein Bruch in den Alltag einbricht und ihn aus dem Alltagsdasein heraus hebt. Plötzlich ist alles anders, umplanen ist angesagt. Doch zunächst fahren wir ins Spital. Sind sie verheiratet? fragt der junge Assistenzarzt meine Gefährtin. Sie zeigt auf mich: Hier steht meine Partnerin. Umständlich und langatmig erklärt der junge Mann, dass er diese Frage eben stellen müsse, es gehe nämlich eigentlich nicht darum, ob meine Gefährtin, die Patientin also, verheiratet sei, das müsse er nämlich nicht wissen, sondern darum, ob sie nach dem Spitalaustritt zu Hause Unterstützung habe. Deshalb und nur deshalb frage er nach dem Verheiratetsein. Ich bin erstaunt. Warum geht der junge Mann nicht den einfach Weg und fragt das, was er wissen will? Oder wollte er eben doch sicher sein, dass da im Hintergrund ein Mann vorhanden ist und die Antwort hat ihn leicht aus dem Konzept gebracht? Wenn das der Fall wäre, würde es wiederum mich aus dem Konzept bringen. Schliesslich leben wir in der Stadt Zürich und im Jahre 2003. Auch der heterosexuellste Assistenzarzt muss schon einmal etwas von anderen Lebensformen gehört haben.
Nicht nur mündlich, auch schriftlich wird kommuniziert. Und in Kursen kann gelernt werden, wie Kundinnen und Kunden freundlich angesprochen werden sollen. Einladend eben. So wie es auf einem handgeschriebenen Zettel nun am Kiosk steht: Gerne geben wir Ihnen unsere Öffnungszeiten bekannt. Interessiert lese ich weiter und erfahre: 1. Mai geschlossen. Von Öffnungszeiten steht nichts.
Ähnlich doppelbödig kommuniziert die Stadtpolizei. Auf grossen gelben Plakaten gibt sie pinkfarbig bekannt: Erlaubt ist, was nicht stört. Das ist einleuchtend. Gibt es nicht eine Definition von Freiheit, die so ungefähr lautet, dass die Freiheit der einen dort aufhört, wo sie die Freiheit der anderen tangiert? Aber natürlich steht noch mehr auf dem gelben Papier. Zum Beispiel: Hier gilt: Hunde an die Leine. Soll ich nun einfach gehorchen - oder mich so verhalten, dass andere nicht gestört werden? Hier gilt... widerspricht dem Erlaubt ist... . Ich fühle mich erinnert an meine Kindheit. Meine Mutter beendete einen Streit jeweils mit heruntergezogenen Mundwinkeln und einem gepresst hervorgestossenen: Es ist jetzt wieder gut. Tonfall und Mimik widersprachen der Aussage. Und als Kind stand ich vor der Wahl, dem Sätzchen zu glauben oder Mutters Gesicht. So stehe ich vor der gelben Fläche. Ist's nun erlaubt oder gilt hier etwas anderes?
Da lobe ich mir den Katalog für die moderne Hausfrau, den ich jeweils zugeschickt bekomme und mit Genuss lese. Hier gibt es keine doppelten Botschaften. Vom Auge geht's direkt ins Herz: Ist es Zufall oder ein ungeschriebenes Gesetz? Kaum freut sich das Auge über eine frische Tischdecke, schon trübt ein neuer Fleck das Herz.
Doch nicht nur die Flecken von Tischtüchern springen ins Herz, auch doppeldeutige Sätze oder Abstimmungsresultate wie die vom 18. Mai hinterlassen Spuren. Und leider lässt sich das Herz nicht so leicht reinigen wie die im Katalog angepriesene Tischdecke.
P.S. Meine Gefährtin hinkt mittlerweile im blauen Gehgips umher und holt sich die Dinge, die sie braucht, wieder selbst.
Edith Spinner
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