Offenbar geht es im Artikel "Europas IdealistInnen und die Antikriegsbewegung" um eine Abrechnung - aber mit wem? Mit der "Linken", die angeblich 1999 den Nato-Krieg gegen Jugoslawien unterstützt hat? Wirft er den MittelschülerInnen von heute vor, damals nicht protestiert zu haben, als sie in ihrer grossen Mehrheit noch gar nicht MittelschülerInnen waren? Soll die ganze Protestbewegung gegen den Krieg auf dem Misthaufen der Geschichte landen, weil sie zu "unpolitisch" ist?
Es wäre tatsächlich interessant zu vergleichen, wie Diskussionen und Engagement 1999 rund um den Nato-Krieg gegen Jugoslawien abgelaufen sind im Vergleich zum aktuellen Krieg gegen den Irak. Warum spielte damals die Frage eines Uno-Mandates nur eine Nebenrolle? Im Zentrum stand das Thema "humanitäre Intervention".
Drängt sich der Vergleich "Jugoslawien - Irak" auf, um die Protestbewegung gegen den Irak-Krieg beurteilen zu können? Wäre eine Gegenüberstellung mit dem Krieg gegen Afghanistan nicht mindestens ebenso angemessen? Oder mit dem Krieg gegen Irak von 1991? Wäre vielleicht ein Vergleich mit einem jener andern Kriege auf unserem Globus, die weniger auf das Interesse der internationalen Medienöffentlichkeit stossen, nicht ebenso bedeutungsvoll?
War die Protestbewegung der SchülerInnen Ausdruck der Konformität, wie es der Artikel anprangert? Und bildeten die FriedensaktivistInnen die "ideologischen Hilfstruppen des deutsch-französischen Europa"? Beide Unterstellungen laufen meines Erachtens ins Leere.
Manifestationen der Konformität sind von der politischen Führung organisierte Massenaufmärsche wie etwa in Nordkorea. Es ist absurd, jener Minderheit, die sich mit der Beteiligung an Demonstrationen exponiert hat, vorzuwerfen, dass die Mehrheit in der Bevölkerung und auch unter den politischen Parteien ebenfalls gegen diesen Krieg war.
Es ist ein gar simples schwarz-weissSchema, dass wer gegen die Kriegspolitik der US-Regierung protestierte, damit die deutsche und französische Politik unterstützte. Warum eigentlich nicht auch die russische, chinesische und mexikanische? Oder gar die schweizerische? Zum Widerstand der Mehrheit der Staaten in der Uno und im Sicherheitsrat darf - unabhängig von den jeweiligen Motiven der verschiedenen Staaten - auf jeden Fall positiv angemerkt werden, dass in den letzten Jahren nichts so wie dieser Widerstand in breitesten Kreisen das Bewusstsein der Bedeutung des Völkerrechts für die Regelung der internationalen Beziehungen geweckt hat. Dies muss für die anstehenden institutionellen Reformen der Uno fruchtbar gemacht werden.
Die Frage, wie politisch oder politisiert diese Jugend ist, stellt sich durchaus. Und da sind grosse Fragezeichen angebracht. Aber ist das ein Vorwurf an die Jugendlichen? Oder an die Protestbewegung? Als ich vor vierzig Jahren als Sechzehnjähriger am ersten Ostermarsch gegen die Atomwaffen teilnahm, war ich politisch ziemlich unbedarft. Aber meine Politisierung hat mit diesem Marsch begonnen, dank Gruppierungen und Organisationen, die mir ein weiter gehendes und kontinuierliches Engagement ermöglicht haben.
Die Frage ist also nicht, wie politisch oder unpolitisch die Jugendlichen sind, sondern vielmehr, was die Organisationen, die die Grosskundgebungen organisiert haben, diesen Jugendlichen inhaltlich angeboten haben. Und da hat es tatsächlich nicht rosig ausgesehen. Über platten Antikapitalismus und simplen Antiamerikanismus hinaus sind die Aufrufe und die meisten Kundgebungsreden kaum gekommen. Perspektiven über das Nein zum Krieg hinaus hatte das Bündnis gegen den Krieg kaum anzubieten. Entsprechend ist es nach dem Sieg der USA und ihrer Kriegskoalition still und leise von der politischen Bühne entschwunden.
Die Friedensorganisationen sind herausgefordert, hier Perspektiven anzubieten oder zu entwickeln.
Ruedi Tobler ist Präsident des Schweizerischen Friedensrates (www.friedensrat.ch).
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