FriZ 3/2003

Mit zwei Projekten in Kosov@ und Bulgarien will der Service Civil International SCI Jugendliche unterstützen, aktiv an der gesellschaftlichen Entwicklung teilzunehmen. Von Philippe Haeni

Zivilgesellschaftliche Strukturen im Balkan stärken

Ivanka Petkova, die bulgarische Botschafterin in der Schweiz, betont, es sei entscheidend, dass selbst die ärmeren Länder Südosteuropas nicht auf alle Zeiten als Hilfeempfänger gesehen würden. Es müsse ein Weg zu partnerschaftlichen Zusammenarbeitsmodellen geschaffen werden.1 Der Service Civil International SCI führt derzeit zwei Projekte im Balkan: Eines in Bulgarien mit der Partnerorganisation Cooperation for a voluntary Service Bulgaria (CVS BG) und seit 2001 in Vushtrri (Kosov@2) ein weiteres im Rahmen des Projektes KIDS3. Beide zielen darauf ab, vor Ort zivilgesellschaftliche Strukturen zu stärken. Die Jugendlichen sollen Wege finden, um an der gesellschaftlichen Entwicklung aktiv teilnehmen zu können und als Partnerorganisationen im internationalen Netzwerk der Friedensorganisation SCI integriert zu werden.

Die Situation in Kosov@

Bis vor fünf Jahren hat im Balkan ein fürchterlicher Krieg getobt und unsägliches menschliches Leid erzeugt. Derweil sind im Nahen Osten wieder Bomben abgefeuert worden. Neue Kriege werden geführt, rücksichtlos neue Zerstörung angerichtet - und die früheren Schauplätze menschlicher Tragödien werden vergessen. Die Nachwirkungen des Krieges erfahren die Menschen in Kosov@ aber noch immer täglich, ganz besonders Frauen, Kinder und Jugendliche. Die EU hat innerhalb von drei Jahren die Unterstützungsgelder zweimal um je ein Drittel gekürzt. Die ungeklärte Statusfrage von Kosov@, das rudimentäre Bildungssystem und vor allem die prekäre sozio-ökonomische Situation - grassierende Massenarbeitslosigkeit - lassen Jugendliche wenig hoffnungsvoll in die Zukunft blicken.

Seit April 2001 arbeitet ein Team von drei SCI-Freiwilligen in Vushtrri, einer Kleinstadt unweit von Prishtina. Ziel ist es, längerfristig eine selbsttragende Jugendgruppe aufzubauen, die Aktivitäten für Kinder und Jugendliche in der Region organisiert und so aktiv den eigenen Wohnort mitgestaltet.

Kleider verteilen und Ferienworkshops organisieren

Im vergangenen Jahr haben die KIDS, die sechs jugendlichen Freiwilligen aus Vushtrri, zahlreiche Kleinprojekte durchgeführt, die zeigen, dass in Kosov@ die humanitäre Hilfe nach wie vor eine grosse Bedeutung hat: Ende Juni haben die KIDS, betreut von schweizerischen Freiwilligen, rund drei Tonnen Kleider, Schuhe und Spielzeug an etwa 240 Familien mit über 1300 Kindern verteilt. Für diese Aktion haben die Jugendlichen die Hilfe mehrerer Organisationen angefragt: Caritas Schweiz, Mutter Theresa; aber auch die KFOR und die lokale Polizei haben das Projekt der KIDS unterstützt.

In den Sommermonaten Juli und August führten die Jugendlichen zum zweiten Mal das Sommerferienprogramm für Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 14 Jahren durch, das erstmals als internationales SCI-Workcamp4 in Vushtrri ausgeschrieben wurde. Während zwei Monaten haben die KIDS, unterstützt von internationalen Freiwilligen des SCI, verschiedene Workshops angeboten: Tanz-, Mal-, Bastel- und Sprachkurse und im Juli einen Fussballcup. Da es für die Kinder in Vushtrri kein Freizeitangebot gibt, leistet das Sommerferienprogramm einen wichtigen Beitrag dafür, Freizeit selber aktiv zu gestalten. Und nicht zu letzt ermöglicht das Programm die verstärkte Teilnahme kosovarischer Freiwilliger am interkulturellen Dialog über das SCI-Netzwerk.

Die gesellschaftlichen Parameter in Bulgarien

Die Gesellschaft Bulgariens ist mit der Nachkriegsgesellschaft Kosov@s nicht vergleichbar. Obwohl sich die makroökonomischen Daten Bulgariens - seit 2001 vom demokratisch gewählten Ministerpräsident Zar Simeon II regiert - positiv verändern, präsentieren sich andere Parameter weniger gut: Kollaps der Landwirtschaft, Verschlechterung des Gesundheitssystems, hohe Arbeitslosigkeit. Und: Die Minderheiten - besonders Roma - werden nicht nur auf dem Arbeitsmarkt stark benachteiligt.

Die nichtstaatlichen Jugendorganisationen haben in Bulgarien einen schweren Stand. Vor der Wende 1989 gab es nur eine Jugendorganisation, die staatliche Dimitrov Young Communist League. Seither haben sich zwar viele neue NGO gebildet, aber sie werden vom Staat in keiner Form unterstützt. 2001 gab es in Bulgarien 60 registrierte Jugend- und Studentenorganisationen. Eine kohärente bulgarische Jugendpolitik gab es bisher keine. Die fehlende Perspektive für Jugendliche hat dazu geführt, dass rund 800 000 vorwiegend jüngere Menschen seit 1989 emigriert sind. Eine von der schweizerischen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA in Auftrag gegebene Untersuchung der Situation der bulgarischen Jugend hält fest, dass 37 Prozent der "new young", die nach der Wende 1989 sozialisiert wurden, apolitisch sind. Ihr Lebensmodell sei geprägt vom Leitsatz des "quick profit".

Im Zusammenhang mit dem Irakkrieg hat die proamerikanische Haltung der bulgarischen Regierung zu einer kritischen Distanz der Opposition geführt. Angeführt vom "Socialist Youth Movement" haben im Februar und März 2003 zahlreiche NGO zu Protesten aufgerufen. Im Februar haben 2000 Menschen und weitere am 16. März in Sofia an Friedenskundgebungen teilgenommen; darunter auch die SCI-Partnerorganisation CVS BG.

Friedensbewegung stärken, Minderheiten unterstützen

Das vorerst auf zwei Jahre angelegte, bilaterale Projekt zwischen dem Service Civil International und CVS BG ist ein wichtiger Beitrag, die Jugendstrukturen in Bulgarien zu fördern und die Friedensbewegung des Balkanstaates zu konsolidieren.

Bulgarische Freiwillige werden die Landschaft schweizerischer Friedens- und Jugendorganisationen im Rahmen eines Studienbesuches kennen lernen. Die gewonnenen Erkenntnisse werden sie nützen können, um 2004 in Bulgarien eine Kampagne für den Zivildienst zu lancieren. In Bulgarien wird zwar das Recht auf Kriegsdienstverweigerung von der Gesetzgebung anerkannt, allerdings nur, wenn vor Antritt des Militärdienstes ein Gesuch gestellt wird. Ein Zivildienst existiert bisher noch nicht.

Die von CVS geplanten Workcamps im Sommer 2003 konzentrieren sich auf den sozialen und ökologischen Bereich: Jugendliche werden in Workcamps Minderheiten, vor allem Roma, in Kinder- und Jugendheimen unterstützen. Im Südwesten Bulgariens entsteht ein ECO-Center, das als Kurszentrum für NGO fungieren soll, die im ökologischen Bereich tätig sind. Die Freiwilligen werden in ihren Einsätzen erste Renovationsarbeiten vornehmen.

Die Kleinprojekte in Kosov@ zeigen, dass in diesem schwierigen Kontext humanitäre Hilfe auch im Rahmen eines Freiwilligenprojektes realisierbar ist. Sie können, wie das Engagement des SCI in Bulgarien, den Weg für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit ebnen und sie stärken die Friedensbewegung im Balkan.

Philippe Haeni arbeitet beim Service Civil International Schweiz in Bern. Weitere Informationen: www.scich.org

1 im "Bund" vom 17. Juli 2002

2 Serbisch: Kosovo, Albanisch: Kosova

3 s. FriZ 3/01, S. 29

4 Zwei- bis vierwöchige Einsätze, im Rahmen derer 10 bis 15 internationale Freiwillige zusammen leben und arbeiten, um gemeinsam ein soziales, ökologisches oder gemeinnütziges Projekt zu unterstützen.


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