Der Vater aller Kriege

Seit Homer ist der trojanische Krieg immer wieder geschildert und analysiert worden. Der keineswegs älteste, aber zweifellos berühmteste Krieg der Antike hat auch immer wieder AutorInnen zum Nachdenken über den Krieg herausgefordert. Hier je ein Beispiel aus der Antike und aus unserer Zeit.

Euripides – das Original

Troja ist gefallen, der zehnjährige Krieg ist aus. Als erster beklagt der Gott Poseidon die Zerstörung der Stadt ... und verbündet sich prompt mit seiner Antagonistin Pallas Athene, um den siegreichen und überheblich gewordenen Griechen eine schreckliche Heimkehr zu bescheren. Was konnte dieser Krieg auch anderes bringen, als neues Unheil?

Im Zentrum von Euripides antikem Stück stehen jedoch weder die Gottheiten, noch die siegreichen Krieger und auch nicht Hektor, der gefallene Held, sondern das Leid der trojanischen Frauen, die ihre gefallenen Ehemänner und Söhne beweinen und ihr eigenes Los beklagen, als Sklavinnen der Sieger in Ferne Länder verschleppt zu werden. Der sinnlose doppelte Kindsmord an Polyxena, die über dem Grab des Achill geopfert wird, und des Astianax, des Söhnchens von Hektor und Andromache, das vom Turm gestürzt wird, bevor die Stadt in Flammen aufgeht, macht das Mass des Grauens voll.

Dennoch wäre es wohl voreilig, Euripides als Pazifisten im heutigen Sinn bezeichnen zu wollen. Vielleicht beschreibt die des Wahnsinns bezichtigte Kassandra (ein alter literarischer Kniff) am ehesten die wahre Sicht des Autors: "Wer einen gesunden Verstand besitzt, muss vor dem Krieg zurückschrecken. Doch wenn der Krieg kommt, so ist es gut, für die eigene Stadt zu sterben" – und von den eigenen Lieben begraben zu werden. Die gefallenen Griechen aber wurde in fremder Erde verscharrt.

Das modernste Werk des unkonventionellsten unter den Autoren der klassischen griechischen Tragödie ist locker in einer Stunde gelesen, darüber nachdenken lässt es sich auch länger.

(pida)

Euripides: Die Troerinnen, z.B. in der Übersetzung von Kurt Steinmann mit deutschem und griechischem Text; Reclam Universal-Bibliothek; Reclam, Ditzingen

Giraudoux – das Remake

Der schon bei Euripides von Kassandra beklagte nichtige Anlass des Krieges ist vollends dahin, denn die schöne Helena ist nicht mehr in Paris verliebt und auch ihm scheint das Feuer abhanden gekommen. Nun sonnt sich die entführte Braut in der Bewunderung der trojanischen Greise, die ihre Augenweide auf keinen Fall preisgeben wollen. Sie, die gewiss nicht mehr ins Feld ziehen werden, schwärmen vom Krieg im Namen der Schönheit und der Dichter Demokos von der Schönheit des Krieges.

Doch der soeben siegreich von einem anderen Feldzug heimgekehrte Hektor will keinen neuen Krieg. Sekundiert von seiner Frau Andromache und der Königin Hekuba gelingt es ihm, Helena zur Rückkehr zu bewegen, Paris sein Einverständnis dazu abzuringen und auch seinen Vater, König Priamos, selbst ein Bewunderer Helenas, zu überzeugen.

Der schlaue Odysseus, als Chefunterhändler bei Hektor, sieht dennoch – wie schon Kassandra und auch Helena selbst – den Krieg voraus. Doch auch er möchte ihn nicht. Er fordert das Schicksal heraus und willigt ein in den Deal: Rückgabe Helenas gegen den Abzug der griechischen Flotte. Ist es wirklich der Wille der Götter oder eher die Unverbesserlichkeit der Menschen, die bewirkt, dass der Krieg in allerletzter Minute doch noch ausbrechen muss?

Ein starkes Stück mit Dialogen voller Witz, Bosheit und Tiefsinn – herausragend etwa die Konsultation des ‹Völkerrechtsgelehrten› Busiris, die Zeremonie, in der die ‹Tore des Krieges› geschlossen werden oder die Verhandlung zwischen Odysseus und Hektor – und mit einem Finale jeden Thrillers würdig. Geschrieben hat Jean Giraudoux das Stück wenige Jahre vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges; leider ist sein Text bisher nur auf französisch erschienen.

(pida)

Jean Giraudoux: La guerre de Troie n'aura pas lieu, z.B. bei Larousse, Le Livre de Poche (am billigsten) oder in Deutschland als Fremdsprachentext für die Schule bei Reclam

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