Vom natürlichen Krieg und dem unnatürlichen Menschen

Kriege sind Wahnausbrüche, kollektive Abstürze in Stimmungen. Sie sind möglich, wo der individuelle Wahn sich in einem allgemeinen wiederfindet und aufgehoben fühlt. Dann schlägt die Stunde wahnsinniger Individuen. Um dem vorzubeugen, wäre eine permanente Revision des eigenen Weltbildes nötig. Sonst haben die Verführer mit ihren leeren Versprechungen leichtes Spiel.

Von Heinz Hüsser *

Am Anfang ist Chaos. Gaswolken explodieren, gebären Sonnen, die sich ansaugen, kollidieren und wieder sterben. Irgendwie wird Ordnung, Kosmos meinen die Menschen, aber alles ist nur ein Spiel von Gleichgewichten, äusserst prekären dazu.

Dann beginnt's sogar zu leben. Doch was lebt, kennt nur eins: überleben. Der Kampf ums Dasein wird mit unerbittlicher Härte geführt, nur die Wachsamsten und Schnellsten entrinnen den Gefahren. Wehrhaftigkeit ist überlebenswichtig, Evolution bedeutet auch zunehmende Aufrüstung. Was sie nicht alles an Panzerungen, Stacheln, Krallen, Gebissen und Giften erfand. Der Begriff "Naturzustand" klingt edel, aber die Realität ist fürchterlich. In der Natur gehört Mord zur Normalität, ist "Krieg" Alltag. Ein Lebewesen bewahrt sein eigenes Leben dadurch, dass es fremdes zerstört.

Der Mensch hat eine Doppelnatur

Und dann der Mensch. Am wenigsten zu beneiden ist der Naturmensch. Er lernt früh, dass der Stärkere die besseren Karten hat. Der Planet ist garstig, die Erde macht keine Geschenke; grösstenteils herrschen Wüsten, zu heiss oder zu kalt, zu feucht oder zu trocken, und aufs Wetter konnte man sich noch nie verlassen. Die Natur hat ihn nicht wie die Tiere mit sicheren Instinkten und zuverlässigen Sinnen ausgestattet; es fehlt ihm das Haarkleid und damit ein Witterungsschutz, es fehlen natürliche Angriffsorgane, zur Flucht ist er zu langsam. Spezialisierung lautet das Zauberwort der biologischen Entwicklung, der Mensch dagegen ist überall und nirgends zu Hause. Für keinen Lebensraum ist er wirklich gerüstet, als Naturwesen hoffnungslos unangepasst, ein echter Sonderfall der Natur. Er muss denken, um am Leben zu bleiben.

Ein merkwürdiges Tier ist der Mensch. Eins, das von sich sagt: Ich bin kein Tier. Zwar ist er wie die Tiere ein Abkömmling der Natur, doch unterscheidet ihn gerade etwas ganz und gar Unnatürliches. Man nannte dieses auch Geist. Im Menschen scheint ein Bruch in der Natur, Geist und Bewusstsein sind keine Natur in irgendeinem physischen Sinn. Inmitten der Natur, die sinnfrei erscheint, distanziert sich der Mensch von ihr und spricht ihr einen Sinn zu. Er lebt in ihr und steht ihr zugleich gegenüber: Er hat eine Doppelnatur.

Seine "zweite Natur" ist sein Denken. Indem er denkt, unterscheidet er sich von der Natur. Er versteht sich und seine Situation irgendwie, darum lebt er sein Leben nicht bloss, sondern führt es. So problematisch es ist, entzweite Natur zu sein, so ist dies doch Bedingung, dass im Menschen eine Alternative zum kriegerischen Wesen der Natur entstehen kann, und Anlass zur Hoffnung, dass er den natürlichen Krieg überwinden kann.

Nutzen als Massstab des Rechts in der Natur

Die Natur hat allen alles gegeben. Erlaubt ist, was dem Schutz des eigenen Lebens dient. Im Naturzustand ist der Nutzen der Massstab des Rechts. Dem Sonderfall fielen die Schwächen dieses Rechts schnell auf. Wenn ein jeder ein Recht auf alles hat, sofern es nur nützt, wird alles, was einer hat, ihm nur so lange gehören, als der Nachbar nicht seinerseits einen Nutzen darin erblickt. Doch warum sollte dem nichts nützen, was mir nützt. Gefährlich und ungemütlich ist dieses natürliche Nutzungsrecht: lauernde Fremd- und Artgenossen, alle gleich und gleich gefährlich, Raubtiergebisse überall. Der Mensch verstand es, sich besseres auszudenken. Nicht irgendein Krieg, sondern ein Krieg aller gegen alle ist der natürliche Zustand. Noch klar sah dies die Antike, welcher der Krieg als notwendiger Normalzustand erschien. Er war gottgegeben, galt sogar als Schöpfer und Urgrund allen Seins. Beim griechischen Philosophen Heraklit (um 550—480 vor Chr.) kann man lesen: "Der Krieg ist der Vater aller Dinge." Wie immer man das verstehen soll, letztlich erweist sich die ewige Kriegerei als höchst schädlich für nachhaltigen Kulturfortschritt. Wenn das rudimentäre Recht des Stärkeren wenigstens für eine Ordnung sorgt — eine Hackordnung scheint besser als gar keine —, so ist sie doch auch für den Stärkeren wenig komfortabel. Denn wer, wenn nicht Sieger, bleibt am meisten bedroht. Gemütlich ist es weder für den Herrn noch für den Knecht, fürchten müssen sich alle.

Weshalb versagt die Ratio bislang?

Fürchte deinen Nächsten, hiess das Gebot, bis einer auf die gloriose Idee kam, es anders zu wagen. Der Mensch kann denken, er wäre also in der Lage, sich sein Leben friedlich und angenehm, gerecht und gut einzurichten. Die Frage ist nur, ob sein Denken ausreicht, das zu überwinden, was Natur in ihm ist? Natürlich sind hier Zweifel angebracht. Niemand will Krieg (ausser einigen wenigen, die er bereichert), Krieg zerstört über Jahre Aufgebautes in Sekunden, ist grausam, entwürdigend und eine ästhetische Erniedrigung. Dennoch sind die Schlächtereien des 20. Jahrhunderts Tatsache. Aber hier zu sehr zu zweifeln, würde uns den Antrieb nehmen, es in Zukunft besser machen zu wollen.

Welches sind Gründe, dass die menschliche Ratio bislang versagt hat? Der real existierende Mensch ist nicht nur ein denkendes Lebewesen, er ist auch ein verführbares. Er reagiert eher auf Schlagworte und Bilder als auf Argumente. Die meisten bewegen sich im Reich der Hypothesen und Spekulationen, wähnen sich aber in der Wirklichkeit. Man ist stolz auf die eigene Meinung, die doch auf wenig gesicherten Voraussetzungen beruht, auf unzureichend begründeten Urteilen und sozial gelernten, mehrheitsfähigen Schablonen. Man ist aufs leichtfertige Generalisieren eingestellt, begnügt sich mit Ungefährem. Der Wirklichkeit wird angedichtet, was passt, aber unterschlagen, was unangenehm ist. Eigentlich lebt der Mensch viel weniger in der Wirklichkeit als in einer selbst kreierten Wahnwelt. All das macht ihn anfällig für Ideologien und heilige Ideen.

Kriege sind Wahnausbrüche, kollektive Abstürze in Stimmungen. Sie sind möglich, wo der individuelle Wahn sich in einem allgemeinen wiederfindet und aufgehoben fühlt. Dann schlägt die Stunde wahnsinniger Individuen. Um dem vorzubeugen, wäre eine permanente Revision des eigenen Weltbildes nötig. Sonst haben die Verführer mit ihren leeren Versprechungen leichtes Spiel.

Die globalisierte Wirtschaft, die doch bald jeden Lebensbereich im Griff hat, argumentiert nicht, sie hält uns mit Sachzwängen auf Trab. Sie befindet sich wie eh und je im natürlichen Kriegszustand, wo gilt: fressen oder gefressen werden. Anscheinend haben wir noch weniger Zeit als frühere Generationen, uns über Sinn und Unsinn unseres Tuns Gedanken zu machen. Ein Verlust der Gesamtperspektive ist unübersehbar, die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, stark rückläufig. Gedacht wird hauptsächlich, wenn es sich lohnt. Die Wirklichkeit erscheint komplexer und rätselhafter denn je, Vereinfachungen sind höchst willkommen. Ob wir so gegen Rückfälle intellektuell gerüstet sind, ist natürlich fraglich.

Äusserst beunruhigend ist der allgemeine Zerfall von Sprachkultur, der naive und kommerzialisierte Umgang mit Sprache. Denn Sprache beeinflusst unser Denken, der Mensch denkt und lebt in der Sprache. Wo Sprache nur noch feiert und tönen soll, bleibt das Denken auf der Strecke.

Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen, auch wenn es unbequem ist. Diese Maxime der Aufklärer hat ihre Dringlichkeit nicht eingebüsst. Nachdenklichkeit sei gefordert, sie macht uns zwar langsamer, dafür besonnener. Wenn überhaupt, retten wir uns nur denkend vor der nächsten Katastrophe.

* Heinz Hüsser ist promovierter Philosoph. Sein Buch "Vom Anfang und den letzten Dingen. Wer philosophiert, lebt besser" erscheint Ende August 2001 bei Orell Füssli in Zürich.

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