Auch Basisorganisationen, die Freiwillige auf Friedenseinsätze im Ausland vorbereiten, sehen sich heute mit der Anforderung konfrontiert, in der Vorbereitung der Freiwilligen Gender-Themen zu behandeln. Die betroffene Zivilbevölkerung insbesondere die Frauen in Konfliktgebieten mussten zu oft sexistische Erfahrungen mit internationalen 'HelferInnen' machen (s. Kasten auf S. 27), als dass sich die NGO dem Thema entziehen könnten. Wie gehen die Friedensorganisationen damit um, was geben sie ihren Einsatzleistenden mit auf den Weg?
In der vom Schweizerischen Ökumenischen Friedensprogramm SÖF angebotene "Ausbildung für Friedensarbeit und Konfliktlösung" nehmen Gender-Aspekte einen bedeutenden Platz ein, sowohl in der theoretischen Analyse von Konflikten, als auch wenn es um das eigene Konfliktverhalten geht. Auch im Kurs des Forums für Friedenserziehung St. Gallen sind Gender-Fragen Bestandteil.
Die Ausbildung des SÖF umfasst, über ein Jahr verteilt, vier Wochen Blockkurs und eine Projektarbeit, das Programm des Forums für Friedenserziehung immerhin zehn Kurstage. Die Vorbereitung für einen Einsatz als MenschenrechtsbeobachterIn in Chiapas mit CORSAM, oder früher als FlüchtlingsbegleiterIn in Guatemala, dauert gerade zwei verlängerte Wochenenden. Es stellt sich die Frage, was in dieser kurzen Zeit überhaupt vermittelt werden kann.
Die längste Erfahrung in der Ausbildung von Freiwilligen für Friedenseinsätze im Ausland hat hierzulande wohl Peace Brigades International. Überraschenderweise beinhalten die von PBI durchgeführten Kurse laut Auskunft von Jürgen Störk, Sekretär des Schweizer Zweiges, keine spezifische Behandlung der Geschlechterthematik. Selbst wie weit Gender-Gesichtspunkte in die Behandlung der Situation und der Konflikte am Einsatzort einfliessen, bleibt weitgehend den ReferentInnen überlassen. PBI-AktivistInnen seien für das Thema meist überdurchschnittlich sensibilisiert und brächten oft einen erheblichen Background mit. Barbara Müller von der cfd-Frauenstelle für Friedensarbeit, selbst erfahren in Auslandeinsätzen in Zentralamerika, hingegen warnt ausdrücklich davor, solches als gegeben vorauszusetzen.
Ebenso wie ihre Kultur schleppen Einsatz Leistende jedenfalls auch die persönlichen Verhaltensmuster mit ins Einsatzland. Und sie können sicher sein, dass nicht bloss sie BeobachterInnen sind, sondern dass sie auch selbst aufmerksam beobachtet werden. Grund genug, diese Muster zu entdecken und zu hinterfragen. Rollenspiele und Diskussionen während eines solchen Vorbereitungskurses bieten Anlass genug dazu. Fragt sich nur, ob dabei Gender-Aspekte aufgegriffen werden. Dies scheint nach wie vor wesentlich von der Präsenz dafür sensibilisierter Frauen in der Kursleitung abzuhängen.
In der seiner Zeit von COSAR durchgeführten Vorbereitung von Freiwilligen für die Begleitung nach Guatemala heimgekehrter Flüchtlinge, gehörten Texte über die geschlechtsspezifische Diskriminierung indigener Frauen zur Pflichtlektüre. Und doch finden sich Frauen, die diese Kurse besucht haben und die sich unter dem Begriff Geschlechterfragen rein gar nichts vorstellen können. Im Zusammenhang mit dem Einsatz kommt ihnen allenfalls noch die (im Kurs auch erwähnte) Problematik möglicher Beziehungen zwischen Einsatz Leistenden und Einheimischen in den Sinn. In Guatemala und/oder in Chiapas haben sie verdienstvolle und vorzügliche Einsätze geleistet.
Wozu also muss das Thema überhaupt angesprochen werden? Am ausgeprägtesten ist das Bedürfnis dazu vermutlich bei den bereits Interessierten. Gewisse Problemstellungen betreffen sie wohl auch am stärksten: etwa wenn im Umfeld einer noch ausgeprägter männerdominierten Gesellschaft die Bereitschaft, eine fremde Kultur kennen zu lernen, zu respektieren und sich auch anzupassen mit dem modernen Selbstbewusstsein (vor allem, aber nicht nur von Frauen) in Konflikt gerät.
Frauen mussten im Kontakt mit den einheimischen Geschlechtsgenossinnen oft auch die Erfahrung machen, das diese zwar möglicherweise beneidenswert organisiert sind, vielleicht auch durchaus selbstbewusst auftreten, und dennoch völlig andere Probleme und Prioritäten haben und mit einem aus Europa mitgebrachten feministischen Diskurs ganz und gar nichts anfangen können.
Darüber, ob eine Sensibilisierung für Geschlechterfragen einen Erfolgsfaktor für die Einsätze selbst darstellt, scheint es (noch) keine Untersuchungen zu geben. Ebenso wenig lassen sich allgemein gültige Aussagen über die Wahrnehmung geschlechtsspezifischer Verhaltensweisen durch die ortsansässige Bevölkerung machen. Auch eine recht umfassende Untersuchung über fünf Jahre Flüchtlingsbegleitung in Guatemala enthält, obwohl rein von Frauen verfasst, kaum Hinweise dazu: Immerhin (oder nur?) 75% der befragten Indigenas gaben an, dass das Geschlecht der "acompañantes" keine Rolle spiele. Wer würde auch ohne weiteres etwas anderes zugeben? Eine Minderheit vermerkte Unterschiede, allerdings meist trivialer Art, etwa das Frauen häufiger mit Frauen, Männer dagegen mehr mit Männern Kontakte knüpfen.
Während meines Einsatzes in Guatemala hatte ich manchmal das Gefühl, das zumindest einige Leute eine Frau bevorzugt hätten, vielleicht nur aus Gewohnheit, weil meine Vorgängerinnen weiblich waren. Frauen haben in anderen Einsätzen tatsächliche geschlechtsspezifische Ablehnung erfahren.
Jedenfalls werden Einsatz Leistende mitnichten als geschlechtslose Wesen wahrgenommen: Mann oder Frau zu sein ist schliesslich neben der Fremdheit sowie allenfalls der Hautfarbe oder der Sprache eine der offenkundigsten Eigenschaften der Ankommenden. Es ist also natürlich, dass Erwartungen, Urteile und Vorurteile, mit denen sich Einsatz leistende vor Ort konfrontiert sehen, auch damit in Zusammenhang stehen. Wenn die Erkenntnis, das dies spezifische Möglichkeiten öffnet, aber auch Grenzen setzt, einem Einsatz vorausgeht, dürfte das von Vorteil sein. Doch was ist wirklich nötig in der Vorbereitung?
In einem Kurs, der nicht den Anspruch erhebt, Fachpersonen in Friedensarbeit und Konfliktlösung auszubilden, braucht es die Berücksichtigung von Gender-Aspekten im Rahmen der Vorbereitung auf Politik, Gesellschaft und Kultur des Einsatzortes. Einzelne zusätzliche Themen mögen sich aus den konkreten Aufgaben im Einsatz ergeben. Alles übrige bräuchte es eigentlich nicht erst für einen Friedenseinsatz, sondern für den Alltag.
SÖF, Postfach 11, 5015 Niedererlinsbach; Tel. 062/844 39 07; e-mail: rgeiser@access.ch
Forum für Friedenserziehung, Pf. 325, 9004 St. Gallen; Tel. 071/244 17 37; e-mail: fff.ifor@bluewin.ch
PBI, Quellenstr. 25, 8005 Zürich; Tel. 01/272 27 76; e-mail: pbizurich@dataway.ch
CORSAM, Quellenstr. 25, 8005 Zürich; Tel. 01/272 27 88; e-mail: corsam@dataway.ch
Unter dem Titel "Freier für den Frieden" dokumentierte die renommierte deutsche Zeitung "Die Zeit" letzten Januar1, wie in Bosnien der Handel mit Frauen und Mädchen aus Moldawien, Rumänien, Russland, oder der Ukraine blüht. Mit falschen Versprechungen hergelockt, werden sie in den lokalen Bordellen regelrecht eingesperrt. Die besten Kunden sind ausländische "Helfer", Soldaten der SFor ebenso wie Zivilisten, UNO-Mitarbeiter, und solche anderer Organisationen, die in grosser Zahl dort arbeiten. Frauen, in denselben Institutionen tätig wie die Freier, kümmern sich nach der Arbeit um diejenigen Frauen, die abhauen können, oder bei gelegentlichen Polizeirazzien aufgegriffen werden.
Berichte über die Prostitution für Angehörige der SFor-Truppe gelangten bereits 1993 an die Öffentlichkeit. Nach der durch die gegnerische Armee verübten sexuellen Gewalt, erlebten bosnische Frauen die Ausbeutung ihrer Notlage durch das ausländische Hilfspersonal. Auch von anderen UNO-Missionen wurden bereits solche Missstände bekannt.
Angesichts solcher Vorfälle ist es unverständlich, dass das EDA eine Ausbildung zu "Gender Issues" für Teilnehmende an humanitären und friedenssichernden Einsätzen ablehnt2. Gleichwohl stellt sich die Frage, ob Vertrautheit mit der Spirale aus Gewalt, Abhängigkeit und Not, aus der das Angebot auf dem Sexmarkt entsteht, genug Männer davon abhalten würde, dies auszunutzen, oder ob der Bordellbesuch mangels Auswahl an Vergnügungsmöglichkeiten von länger ins Ausland versetzten Männern als normale Freizeitbeschäftigung angesehen wird, wie es Dres Balmer im Roman "Kupferstunde"3 erzählt.
1) "Die Zeit" Nr. 3 vom 12.1.2000, http://www.archiv.zeit.de/daten/pages//200003.sfor_.html 2) Vgl. "Gender in Konfliktlösungs-Projekten" von Claudia Gähwiler. In: FriZ 3/00 3) Dres Balmer: Kupferstunde. Benziger Verlag 1982. Auch als Fischer TB erschienen. (pida)| Inhaltsübersicht | nächster Artikel |
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