Seit gut drei Jahren betreibt Afra Weidmann, kürzlich Grossmutter geworden und Mitglied der Menschenrechtsgruppe "augenauf", einen freiwilligen Pikettdienst am Rande der internationalen Flughafenpisten. Bei meinem Besuch im lauschigen Häuschen an der Zürcher Peripherie klingelt das Telefon in Kürzestabständen. Als fast wohltuende Unterbrechung rattern die 50 Seiten des Protokolls einer Flughafenbefragung über den Fax. Die meisten Anrufe betreffen Menschen, die im Transit des Flughafens oder im Ausschaffungs-Gefängnis hängen geblieben sind.
Gespräch mit Gefängnisdirektor Rohner. Ruhig und bestimmt verlangt Afra seine Version im Falle eines Häftlings aus Kamerun, der nach Aussagen seines Zellennachbarn morgens um vier von vier schwarz vermummten Polizisten brutal zusammengeschlagen und gefesselt weggebracht wurde. Diplomatisch entlockt Afra dem Direktor Stück um Stück die von ihm vorerst beschönigte Wahrheit.
Afra faxt ein Vollmacht-Formular an die Asylpolizei im Flughafen zuhanden eines im Transit Gestrandeten, dessen Verwandte sie alarmiert hatten. In der Regel erhält sie solche Vollmachten mit der Unterschrift des Flüchtlings zurück. Damit kann sie sich als Rechtsvertreterin gegenüber den Behörden im Zusammenhang mit Gesuchen und Beschwerden ausweisen.
Ein vor der Ausschaffung aus der Stadt Zürich stehender Flüchtling aus Sierra Leone fragt an, was er mit seinem Wohnungsschlüssel machen solle. Die grösste Sorge des jungen Mannes scheint der verbleibenden Schuld der Miete zu gelten.
Die Nachricht trifft ein, dass ein total verzweifelter Ausschaffungshäftling aus Tunesien in die Psychiatrische Klinik eingeliefert worden ist. Er will keinesfalls nach Tunesien zurück. Für ihn hat Afra leider bereits alle Rechtsmittel erfolglos ausgeschöpft.
Es ist nun 11 Uhr vormittags. Eine Beschwerde an Regierungsrätin Fuhrer muss noch geschrieben werden zu Gunsten eines abgewiesenen Ruanders, der mit vier Kindern, darunter zwei Waisen, als "inadmissible" zurückgewiesen worden ist. Dann wieder pausenlos Telefonate, ein Joghurt nature und ein Stück Brot bis zum Abmarsch per S-Bahn, Bus und dann eine Viertelstunde zu Fuss Richtung Ausschaffungsgefängnis, wo verschiedene Besuche anstehen.
Warum engagiert sich die "pensionierte" Krankenschwester in solchem Masse, wo andere längst resignieren? "Wir haben doch einige Erfolge aufzuweisen", meint die quasi rund um die Uhr Einsatzbereite. In fast der Hälfte der rund 70 Fälle, die sie seit 1997 im Flughafentransit übernommen hat, konnte sie eine willkürliche Ausschaffung verhindern und ein ordentliches Asylverfahren erreichen.
"Meine Motivation ist nicht einfach helfen, sondern eine politische. Wir wollen schon jetzt aufdecken, was in 50 Jahren in einem Bergier-Bericht stehen könnte. Dazu brauchen wir Fakten, mit denen wir stören können."
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